Lichtenfels
Psychologie

Lachen bekämpft das Trauma

Viel lernen konnte Fachpersonal bei einem Seminar über den Umgang mit traumatisierten Jugendlichen.
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Andrea Zellmer und Referentin Valeska Riedel haben gut lachen: Die Inhouse-Schulung war zwar zweitägig anstrengend, aber aus ihrer Sichtabsolut hilfreich.
Andrea Zellmer und Referentin Valeska Riedel haben gut lachen: Die Inhouse-Schulung war zwar zweitägig anstrengend, aber aus ihrer Sichtabsolut hilfreich.
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Ernie von der Sesamstraße steht auf dem Boden. Berührt man seinen Fuß, dann beginnt die Puppe zu lachen, sich zu kringeln und davon zu sprechen, kitzlig zu sein. Doch Ernie ist nur Requisite einer Fortbildungsmaßnahme, deren Grund ganz und gar nicht lustig ist. Der Caritasverband für den Landkreis Lichtenfels ermöglichte eine Mitarbeiterschulung zum Thema Traumata.

Warum jetzt und warum überhaupt? Es ist Mittwochabend geworden, 17 Uhr. Stühle stehen verlassen im großen Raum des Caritashauses am Schlossberg. Dort wurde einen Tag lang gelernt, gesprochen, praxisnaher Unterricht gegeben im Umgang mit traumatisierten Menschen, insbesondere mit traumatisierten Jugendlichen.

Am Folgetag wird das wieder so sein, mit weiteren Themen und vertiefend. Eigens hierfür reiste Valeska Riedel aus Nürnberg an, eine diplomierte Sozialpädagogin und eine Frau, deren berufliches Profil laut Internetseite kein Ende nehmen will, weist es doch ein Dutzend Qualifikationen und Schwerpunkte zwischen Kinder- und Jugendtherapie, Dozententätigkeit für Hochschulen und Bezirkssozialarbeit auf.

Genau sie wollte Andrea Zellmer haben und buchen Zellmer kennt sich aus mit Menschen, die ein Trauma erlebt haben, die aber auch andere schon traumatisierten. Die gleichfalls diplomierte Sozialpädagogin und Projektleiterin bei "Meilenstein" - einer Sektion der Caritas, die sich unter anderem Jugendlicher annimmt, die vom Gericht Anti-Aggressionstrainings auferlegt bekommen haben - zählt all die Einrichtungen und Stellen von Stadt und Landkreis auf, aus denen sich Mitarbeiter auf den Weg machten: "Meilenstein", Erziehungsberatungsstelle oder Bewährungshilfe.

Fragt man Zellmer, was diese Fortbildung so nötig gemacht hat, dann kommt ihre Antwort aus ihrer Praxis: "Ich merke, dass wir immer mehr Jugendliche haben, die nicht wissen, wie sie mit Schicksalsschlägen oder Gefühlen wie Angst, Trauer oder Wut gut umgehen sollen." Der Satz führt auch hinüber in die Flüchtlingsthematik.

Valeska Riedel hat zu traumatischen Erfahrungen ein weites Feld im Blick. "Wir wissen aus Studien, dass das Erbgut durch Traumata verändert wird." Sie fügt an: "Traumata haben eine erstaunliche Lebensdauer."

Doch Riedel kann auch Hoffnung geben: Genetiker hätten auch gezeigt, dass die Genetik Traumatisierter durch hilfreiche Einflussnahme zum Guten veränderbar sei. So sehr die Nürnbergerin auch bejaht, dass viele Flüchtlinge unter Traumatisierung leiden, so sehr wehrt sie sich dagegen, dass der Begriff Trauma von jedem wie selbstverständlich in den Mund genommen wird.

Tatsächlich gehörte zur ersten Übung des zweitägigen Seminars auch die Klärung des Begriffs und was überhaupt unter ihm zu verstehen ist. Riedel sprach auch über Risikofaktoren und darüber, wie sich auch in der Sozialarbeit tätige Menschen damit umgehen können, die Traumata anderer Menschen und ihre daraus resultierenden mitunter unangebrachten Verhaltensweisen auszuhalten oder von ihnen abzuschalten, ohne die Beziehung zu dem Menschen abzubrechen. "Man muss auch Grenzen setzen, denn muss eine Fachkraft alles ertragen?"

Für das Seminar in Lichtenfels erarbeitete sie ein maßgeschneidertes Schulungskonzept zwischen Traumaverarbeitung und pädagogischer Anregung von Selbstheilungskräften. Mit Blick auf die Vorgänge in der Welt und die Aufgaben von Jugendhilfeeinrichtungen sagt Riedel: "Im Jahr 2017 gehört es zum Basis-Know-how, eine Sensibilität für Trauma zu entwickeln." Zwei Tage Schulung, zwei Tage tiefe Einblicke in ein die Flüchtlingskrise flankierendes Gebiet.

Aber genau gegen diese Formulierung wehrt sich Andrea Zellmer auch, denn traumatisierte Jugendliche und schwierige Verhältnisse gibt es auch in der einheimischen Bevölkerung. Die Durchführung des Seminars ermöglichten der Verein für Bewährungshilfe und soziale Integration sowie der Suchtarbeitskreis Lichtenfels.

"Viele Einrichtungen sagen, das müssen wir mal machen und machen es dann doch nicht", lobte die Referentin dieses außergewöhnliche Engagement. Für Seminarteilnehmer wie den Sozialpädagogen Siegfried Simon oder seine Kollegin Monika Poglitsch haben sich die Schulungen gelohnt.
Auch sie sprechen von für sie neu gewonnenen Erkenntnissen und verweisen auch auf den Wert für die Gesellschaft. Denn wer posttraumatisch gut versorgt ist, wird später die Krankenkassen weniger belasten und wer besser geschult ist, kann effektiver helfen, länger und mit Selbstschutz.
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