Bad Staffelstein
Vernissage

Künstlerische Gratwanderung im Staffelsteiner Stadtmusuem

Werke des Bildhauers Georg Schleicher sind im Stadtmuseum zu sehen. Auch seine Nähe zum Nationalsozialismus kam zur Sprache.
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Eine Ausstellungsbesucherin schaut sich eine Büste an. Fotos: Mathias H. Walther
Eine Ausstellungsbesucherin schaut sich eine Büste an. Fotos: Mathias H. Walther
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Nicht von ungefähr trägt die aktuell laufende Ausstellung im Stadtmuseum von Bad Staffelstein den Untertitel "Eine künstlerische Gratwanderung". Um dem Besucher das Leben und Wirken des Bildhauers Georg Schleicher (1893 - 1976) näherzubringen, bedurfte es für die Organisatorin der bis 15. September zu sehenden Schau, Kunsthistorikerin und Museumsleiterin Adelheid Waschka, irgendwie einer ebensolchen Gratwanderung. Aus mehreren Gründen.

Nicht nur, weil es dem interessierten Suchenden schier unmöglich ist, per Internet an informatives Wissen bezüglich des in Coburg geborenen Bildhauers zu gelangen. Auch die Tatsache, dass um das Wirken des Künstlers während der dunkelsten deutschen Zeit, zwischen 1933 und 1945, ein mehr oder minder gnädiges (Ver-)Schweigen zu herrschen scheint, macht die Aufgabe nicht leichter, etwas Licht in das Leben des Georg Schleicher zu bringen.

Waschka hat es am vergangenen Samstag zur Eröffnung der Ausstellung "Sensibilität siegt" dennoch gewagt. Ohne darauf zu verzichten, das den Nationalsozialisten gefällige Wirken des Bildhauers in Bamberg zu erwähnen.

Schüsseln und Lampenschirme

"Damals", so Adelheid Waschka in ihrer Eröffnungsrede im Museum, "bezogen sich seine Aufträge hauptsächlich auf Kirchenausstattungen oder Innendekorationen für Restaurants, wie für den Gabelmann am Grünen Markt, oder Wohnhäuser, wie das der Familie Weyermann am Abtsberg." Schleicher fertigte seinerzeit Gebrauchsgegenstände wie Holzschüsseln, Lampenschirme, Dosen oder Leuchter für alle Bevölkerungsgruppen. Eine Besonderheit war wohl der von Rechtsanwalt Hans Wölfel in Auftrag gegebene "Rechtswahrer" mit der Waage der Gerechtigkeit und Hakenkreuz.

Auch Georg Schleicher, der 1934 in die Hitlerjugend Bamberg eingeführt worden war, machte aus seiner gedanklichen Nähe zum damaligen Gedankengut keinen Hehl: "Wir waren mit gutem gläubigem Herzen dabei, alles von der idealen Seite sehend." In seinen Lebenserinnerungen schrieb er über diese Zeit auch: "Es war die schönste, ideale Arbeit meines Lebens bis November 1944. Aus Parteidoktrinen machte ich mir nicht viel, war also von daher absolut nicht beschwert, war aber mit meiner Familie furchtbar enttäuscht, als wir einsehen mussten, wie sehr man unsere Güte und Bereitschaft missbraucht hatte."

Ein Nolde war er nicht

Aus Schleicher aber eine Art Nolde machen zu wollen, wird der Sache nicht gerecht. Wohl wirkte Schleicher, der bereits 1922 in Bamberg eine eigene Werkstatt eröffnet hatte, als Bamberger Kulturstellenleiter bis Kriegsende. Diese Kulturarbeit war auch Aushängeschild der nationalsozialistischen Propaganda - schließlich lenkte "ein mitreißendes, beherztes, unbekümmertes Kulturleben von den Kriegsopfern und Toten ab" (Waschka). Allerdings wurde Schleicher, der am 21. Mai 1945 von amerikanischen Soldaten verhaftet, die ihn jedoch rund zwei Wochen später - am 4. Juni 1945 - rehabilitierten und wieder auf freien Fuß setzten.

Danach widmete er sich in seinen Arbeiten überwiegend Kirchenausstattungen, Kriegerehrenmalen, Kreuzesdarstellungen und Krippen innerhalb der Erzdiözese Bamberg. Schon während seiner Ausbildung führten ihn Kirchenaufträge zu Restaurationsarbeiten nach Kulmbach, Stadtsteinach, Pommersfelden, Kupferberg und auf Burg Greifenstein im Forchheimer Land.

Adelheid Waschka: "Trotz kunsthandwerklicher Aufträge für das Regime hat er in einer künstlerischen Gratwanderung an seiner außergewöhnlichen und aufgeschlossenen Ausdrucksstärke, welche die Vielzahl seiner zeitgenössischen Heiligenfiguren ausstrahlen, festgehalten."

Georg Schleicher starb in Bamberg am 8. April 1976. In der Staffelsteiner Ausstellung "Sensibilität siegt" werden Bozzetti - erste, skizzenhafte Modelle aus Ton oder Gips, Skulpturen und Skizzen aus dem Nachlass des Künstlers gezeigt. Auch das "Ohr", sein Gesellen-Probestück, ist unter den Exponaten, die von Schleichers Tochter Erika Hess (Bamberg) zur Verfügung gestellt worden sind. Die Ausstellung ist bis 15. September im Stadtmuseum Bad Staffelstein, Kirchgasse 16 (09573/331030, museum@bad-staffelstein.de) zu sehen.

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