Lichtenfels
Honig

Kritische Zeit für die Bienen

Es summt wieder vor den Fluglöchern der Bienenstöcke. Wie viele Völker aber den Winter wirklich überstanden haben, wird sich erst noch zeigen. Stefan Ruppenstein kennt dieses Bangen - und es ist in den letzten Jahren größer geworden.
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Ein Blick ins Bienenvolk: Auf der Wabe erkennt man in der Mitte eine Fläche mit geschlossenen Waben, den Brutbereich. Die helle Stelle rechts ist sozusagen die Vorratskammer. Hinter der dünnen Wachsschicht befindet sich Honig. Fotos: Ramona Popp
Ein Blick ins Bienenvolk: Auf der Wabe erkennt man in der Mitte eine Fläche mit geschlossenen Waben, den Brutbereich. Die helle Stelle rechts ist sozusagen die Vorratskammer. Hinter der dünnen Wachsschicht befindet sich Honig. Fotos: Ramona Popp
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Manchmal träumt Stefan Ruppenstein von seinen Bienen. Es ist die Sorge um ihr Wohlbefinden, die ihn dann sogar nächtens beschäftigt. "Man bangt schon mit ihnen", sagt er. Mit den lange ersehnten Sonnenstrahlen herrscht nun bestes Flugwetter für die fleißigen Insekten, und im Vereinsgarten der Lichtenfelser Imker nahe der Friedenslinde wirkt alles sehr idyllisch. Sträucher blühen, am kleinen Teich tummeln sich emsig die Wasserholerinnen aus den Bienenstöcken, während andere Artgenossinnen von den Frühlingsblüten Futter heranschaffen.

Doch ob die Völker nach dem außergewöhnlich langen und frostigen Winter wirklich überm Berg sind, könne man erst ab der Kirschbaumblüte sagen, meint Ruppenstein. Und die lässt heuer noch auf sich warten. "Im vergangenen Jahr um diese Zeit war es schon soweit", berichtet der Vorsitzende der Imker auf Stadt- und Kreisebene. Seit vielen Jahren macht er sich täglich Aufzeichnungen in einem Taschenkalender und kann daher recht genau vergleichen, wie die Temperaturen waren und was wann geblüht hat.


Mit der Milbe leben

Notizen in seiner Handschrift findet man auch an den Bienenkästen. "Futter gut, 16.04.13" steht da beispielsweise zu lesen. Ob das überall so ist, darauf müssen Imker gerade in diesen Tagen ein Auge haben, betont Ruppenstein. "Jetzt ist eine ganz kritische Zeit für die schwachen Völker. Die Altbienen sterben, und die Jungbienen sind noch nicht in der Masse da, dass sie das Volk zum Wachsen bringen." Wenn es an Nahrung mangelt, sollte in diesen Wochen mit Honiglösung nachgefüttert werden. "Völker zu verlieren, das ist das Schmerzlichste für einen Imker", sagt er. Doch mit den Verlusten müssen die Bienenfreunde leben. Allein durch die Varroa milbe, welche vor rund 30 Jahren aus Asien eingeschleppt wurde, gehen immer wieder Völker zugrunde. Die Behandlung der Bienen gegen diesen Parasiten ist zu einer Daueraufgabe ge-

worden; Ruppenstein schätzt, dass ein gutes Drittel aller Arbeiten eines Imkers damit zu tun hat. Die Milbe ist immer ein aktuelles Thema. "Wir haben auch dieses Jahr wieder mindestens 20, 25 Prozent Ausfälle durch die Varroa und viele Völker, die sehr geschwächt sind", berichtet Stefan Ruppenstein. Ihm scheint es, als sei die Milbe aggressiver geworden. Es komme vor, dass Völker schon im Spätherbst da ran eingehen.

Das Bienensterben, von dem heute vermehrt die Rede ist, hat aber noch andere Ursachen. Institute seien daran, dies zu erforschen, berichtet Ruppenstein. Es bestehe die Vermutung, dass mehrere Faktoren zusammenspielen: Varroa, Pestizide, Umwelt - die Verarmung des Blütenangebots. Insekten beziehen daraus Eiweiß, das sie zum Leben brauchen. "Ab Mitte Juli blüht durch viele Monokulturen draußen nur noch wenig. Die Bienen können sich nicht mehr so ernähren, wie es sein müsste." Das wirkt sich wohl negativ auf ihre Abwehrkräfte aus. Die Bienen sind wesentlich anfälliger. "In den letzten Jahren haben wir mehr Probleme, unsere Völker über den Winter zu kriegen", stellt der Lichtenfelser Imker fest. Heuer war den Bienen zudem der für sie so wichtige Reinigungsflug, der sonst etwa Mitte Februar stattfindet, nicht möglich, weil zu dieser Zeit Dauerfrost herrschte. Das heißt, sie waren vier Monate komplett drinnen - eine zusätzliche Belastung.

Wenn Stefan Ruppenstein von seinen Bienen erzählt, spürt man, dass er anderen gern Einblicke in deren Welt gibt, die ihn schon als Kind faszinierte. Es freut ihn, wenn sich Menschen für Bienen interessieren. An den Sonntagen, wenn das Wetter gut ist, seien Interessierte zwischen 10 und 12 Uhr auf dem Gelände des Imkervereins immer willkommen. "Wir sind ein offener Verein", betont der Vorsitzende. Den Lehrbienenstand dort sieht er als Riesenvorteil in dem Bemühen um Nachwuchsimker an. "Wir können jeden einzelnen Schritt in der Praxis zeigen, betreuen die Leute von Anfang an." Technische Finesse gibt es auch: die elektronische Waage, die die Gewichtsveränderung eines Bienenvolkes permanent protokolliert und die Ergebnisse sogar aus der Ferne abrufen lässt.


"Es ist ein schönes Hobby"

Angesichts des hohen Durchschnittsalters von 55 Jahren in dem auf 53 Mitglieder geschrumpften Verein sind fünf jüngere, naturverbundene Frauen, die vor wenigen Jahren dazugekommen sind, um Imkerinnen zu werden, ein Lichtblick. Und auch über den Schüler, der kürzlich mit seinen Eltern da war, und wohl bald der jüngste Aktive des Vereins sein wird, freut sich Stefan Ruppenstein besonders. Das zeigt auch, dass Schulprojekte eine lohnenswerte Sache sind. Einen Ableger als Grundstock für ihr erstes Bienenvolk bekommen Anfänger geschenkt.

"Es ist ein schönes Hobby", versichert Ruppenstein. Er kennt niemanden, bei dem die Aussicht auf Honig Motivation dazu war, Imker zu werden. Was entgegnet er aber Veganern, die auf Honig verzichten, weil sie eine Nutzung von Tieren und tierischen Produkten ablehnen? - "Ohne den Imker könnte unsere heimi sche Honigbiene heute nicht mehr existieren!" Negative Umwelteinflüsse und die Beeinträchtigung durch die Varroa milbe seien so stark, dass sie einginge - und ihre wichtige Bestäubungsleistung in der Natur fehlen würde. Der Imker beute seine Bienen keinesfalls aus, er entnehme nur einen Teil des Honigs und füttere entsprechend wieder zu.

Wenn es also nicht der Honig ist, der den Anreiz gibt, Imker zu werden, was ist es dann? - "Es ist die Faszination", sagt der 58-Jährige. Schon als Kind hätten es ihm die Bienen angetan, wie sie leben im Bienenstaat, der Zusammenhalt. "Da kämpft nicht einer für sich allein, sondern immer in der Geschlossenheit. Nur dann sind sie stark. Die einzelne Biene hat keine Überlebenschance. Das soziale Miteinander, das ist es, was das Bienenvolk jedem Menschen vormacht. Die Biene, die heute für die Nachkommen einträgt, die erlebt das gar nicht mehr. Es könnte ihr egal sein. Aber sie tut instinktiv das, was für das Volk richtig und wichtig ist." Das ist die Faszination.

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