Lichtenfels
Architektur

Ist modern zugleich auch gut?

Ein Interview Oberfrankens mit Bezirksheimatpfleger Prof. Günter Dippold zum Neubau des prägenden Hauses am Marktplatz 2 in Lichtenfels.
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Das Haus am Marktplatz 2 beherrscht den Platz durch seine zentrale Lage, wie auf dieser historischen Aufnahmen zu erkennen ist. Homepage R&G Beteiligungs-GmbH
Das Haus am Marktplatz 2 beherrscht den Platz durch seine zentrale Lage, wie auf dieser historischen Aufnahmen zu erkennen ist. Homepage R&G Beteiligungs-GmbH
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Am Freitag wird der Siegerentwurf für den vorgesehenen Neubau am Marktplatz 2 der Öffentlichkeit vorgestellt. Das bestehende Haus prägt diesen Platz sehr stark. Wir fragten deshalb Oberfrankens Bezirksheimatpfleger Prof. Günter Dippold, welche Möglichkeiten ein solcher markanter Ort für die Stadtentwicklung bietet und was seiner Ansicht nach keinesfalls an dieser Stelle entstehen sollte.

FT:Herr Professor Dippold, das Haus Marktplatz 2 ist prägend für das Herz von Lichtenfels. Was erwarten Sie von der Vorstellung des Siegerentwurfes und dem bevorstehenden Umbau?
Günter Dippold: Beim Wettbewerb war leider der Ausgangspunkt verfehlt. Es war falsch, vorschnell Abbruch und Neubau vorzugeben. Eine Sanierung des Bestands - mit modernen Elementen - wäre der bessere Weg. Ein Erhalt der alten Fassade mit neuem Innenleben dahinter und mit neuer Dachstruktur, das wäre ein kraftvoller Akzent fürs Herz der Stadt.
Leider setzt man modern allzu schnell mit gut gleich. Modern kann gut sein. Aber allzu oft ist das Moderne von heute das Peinliche von morgen. Mit aller Gewalt modern sein zu wollen, kann reichlich provinziell wirken.

Hat ein solches Gebäude das Potenzial, neues Leben in einen gewachsenen Stadtkern zu bringen?
Architektur hat immer mit Leben zu tun. Das Haus Marktplatz 2 müsste ein Anziehungspunkt sein, wie ihn beispielsweise der Autozulieferer Leise mit einem denkmalgeschützten Haus in der Coburger Innenstadt geschaffen hat. Da hat ein topmoderner, edler Veranstaltungsraum hinter alten Mauern seinen Platz gefunden und bringt Menschen in die Stadt. Oder man kann nach Iphofen schauen, wo der Gipsfabrikant Knauf einen Neubau für sein Museum an den Marktplatz der malerischen Stadt gesetzt hat. Einen Neubau, der selbstbewusst ist, der einen neuen Akzent setzt und der sich dennoch dem alten Baubestand anpasst.

Was sollte dabei architektonisch und konzeptionell beachtet werden?
Modern zu bauen oder Altes pfiffig zu modernisieren, will gekonnt sein. Es braucht den Blick vorwärts und Respekt vor dem Gewachsenen zugleich. Dann kann ein Neubau oder die kraftvolle Modernisierung eines Altbestands ein Meilenstein sein. Wenn es am Respekt fehlt, dann wird eine Stadtstruktur auf Dauer geschädigt. Dann brechen allzu leicht Dämme, und das Gewachsene wird weggeschwemmt.
Wir sollten den Begriff "Stadtsanierung" ernst nehmen. Darin steckt "sanus" (gesund). Es geht darum, gesund zu halten oder, wo nötig, zu heilen. Aber man darf nicht blindlings amputieren.

Wie sollte ein idealer fränkischer Marktplatz aussehen? Romantisch, postmodern oder irgendetwas in der Mitte?
Er muss jedenfalls als Ganzes gesehen werden. Wenn man sich mit dem Stadtbild-prägenden Haus Marktplatz 2 beschäftigt, dann kann man es nicht isoliert sehen. Man muss den Marktplatz insgesamt betrachten und sich überlegen, in welche Richtung man ihn entwickeln will. Ein altes Haus ist rasch abgerissen, ein modernes Etwas genauso rasch errichtet. Aber was macht eine solche Veränderung mit dem Platz, mit dem Herzen der Stadt?
Wir sollten mit der intakten, noch auf die Stadtgründung vor über 750 Jahren zurückgehenden Struktur jedenfalls sorgsam umgehen. Trotz einzelner Bausünden ist das Gesamtbild intakt. Noch! Natürlich wird es da und dort Neubauten oder Modernisierungen geben müssen. Sie brauchen sich nicht unterzuordnen.
Keinesfalls sollten sie "auf Alt machen". Aber sie müssen sich einfügen, damit ein stimmiges Gesamtbild entsteht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten viele Stadtplaner keine Wahl: Sie mussten Wohnraum und Lebensräume neu schaffen. Wie schlimm aber wäre es für eine Kleinstadt der Gegenwart, wenn man ihr alte Bausubstanz nähme?
Der Schöpfer des Siegerentwurfs hat etwas sehr Richtiges gesagt: "Wir müssen aufhören mit unserer Selbstzerstörung." Er fordert stattdessen den Erhalt der "wunderbare[n] mittelalterliche[n] Grundstruktur" der Stadt (SZ vom 27.5.2017). Da ging es allerdings um Viechtach nahe seiner eigenen Heimat.
Man sollte auf seine Mahnung hören. Was für Viechtach richtig ist, kann für Lichtenfels doch nicht falsch sein. Wenn wir heute ohne wirkliche Not die alte, bewährte Stadtstruktur zerstören (und diese Gefahr steht im Raum), gehen wir ein hohes Risiko ein.
Ein namhafter Lichtenfelser Industrieller hat jüngst Bamberg als seine Lieblingsstadt bezeichnet. Warum wohl mag ihm - und abertausenden Gästen Tag für Tag - Bamberg so gefallen? Sicherlich wegen der Altstadt und nicht wegen der Supermärkte im Laubanger! Lichtenfels ist nicht Bamberg, und dennoch: Eine intakte Altstadt ist ein Pfund, mit dem eine Stadt wuchern kann. Ein solches Kapital darf man nicht leichtfertig preisgeben.

Das Gespräch führte Matthias Einwag


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