Michelau in Oberfranken
Erinnerungen

In der Kindheit fielen die Würfel in Schwürbitz

Hartmut Preß ist im Schwürbitzer Pfarrhaus aufgewachsen. Dort liegen die Wurzeln seiner Liebe zur Mundart. Doch auch seine Leidenschaft, skurrile Begegnungen und Anekdotisches zu sammeln, begann hier. Kein Wunder, dass der Pfarrer a. D. dem Volk gern aufs Maul schaut.
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Pfarrer a. D. Hartmut Preß mit dem Frankenwürfel, der ihm 1995 verliehen worden ist. Foto:  Matthias Einwag
Pfarrer a. D. Hartmut Preß mit dem Frankenwürfel, der ihm 1995 verliehen worden ist. Foto: Matthias Einwag
Es war in der so genannten schlechten Zeit nach dem Krieg: Das Essen war sehr knapp. Man konnte nur ein Zimmer heizen, die Küche. Selbst das Baden fand dort statt, indem einfach eine Wanne hinein gestellt wurde. Im Pfarrhaus ging es nicht anders zu. Der Vater und Pfarrer war in englischer Gefangenschaft in Ägypten, wo es manche Sachen gab, die man in der Heimat nicht bekam. So gelang es ihm, seiner Frau einen kleinen Kanister Öl für die Küche zukommen zu lassen.

Sie entschloss sich, darin eine besondere Delikatesse zu backen, nämlich Krapfen. Weil sie aber nicht wollte, dass ihr Sohn Hartmut (7) die Geschichte im Dorf herumposaunte, schloss sie sich in der Küche ein und sagte ihm, sie werde baden. Sodann startete sie die "Geheimaktion Krapfen". Da läutete es an der Haustür, jemand wollte die Frau Pfarrer sprechen. Hartmut sagte: "Das geht jetzt nicht. Meine Mutti badet in der Küche, und immer wenn meine Mutti badet, dann stinkt das ganze Haus."

Kindheit im Pfarrhaus

An solche und ähnliche Anekdoten erinnert sich Hartmut Preß (72), wenn er an seine Kindheit im Schwürbitzer Pfarrhaus denkt. Dort lebte er zusammen mit seiner Mutter Gusti (+ 2006) und seiner Schwester Elisabeth allein, bis der Vater aus dem Krieg zurückkehrte. Vater Hans (+ 1977) nahm 1948 seinen Dienst als evangelischer Pfarrer wieder auf, den er 1938 angetreten hatte, bevor er zur Wehrmacht eingezogen worden war. Eine ambivalente Geschichte für ein Kind, denn als der geliebte Vater nach acht Jahren Abwesenheit heimkehrt, soll es ja auch die Frage gegeben haben: "Wann geht er denn wieder?"

Eine weitere Szene, die mehr als 60 Jahre her sein dürfte: Zwei Schwürbitzer Buben stehen am Straßenrand und beobachten, wie ein neuer Pfarrer im Dorf willkommen geheißen wird. Vereine marschieren mit Fahnen, die Häuser sind geschmückt, eine Kapelle zieht voran. Da sagt ein Bub zum anderen: "Des is' fast (!) so schön wie dem alten Pfarrer sei' Leich'."

Freude am Wortwitz

Treffende Szenen und Wortwitz, das Beobachten skurriler Dialoge und Anekdotisches machten Hartmut Preß schon in Kindheits- und Jugendjahren viel Freude. Später sammelte er leidenschaftlich geniale Sprüche und schlagfertige "Socherer" von Kindern - zum Beispiel diese kleine Geschichte: Im Kindergarten will die Erzieherin den Kindern Christi Himmelfahrt kindgemäß nacherzählen und fragt: "Was hat der Herr Jesus gesagt, als er in den Himmel auffuhr?" - Schweigen in der Runde. Endlich sagt einer sehr zaghaft: "Tschüss?"
Fünf Bücher mit Kindersprüchen hat Hartmut Preß im Lauf der Zeit verfasst: "Als Papa noch ein Affe war", "Mama ist 1000 Flöhe wert", "Gell Opa, wir küssen keine Weiber", "Oma steht unter Naturschutz" und "Meine Tante hat Pommfritis".

Prägende Leseabenteuer

Die Kindheitstage in den späten 1940ern und beginnenden 1950ern im Schwürbitzer Pfarrhaus waren für Hartmut Preß prägend. Anregung fand er damals beim Lesen: "Was ich aus Vaters, Mutters, Nachbars Bibliothek erwischt hab, hab ich mir reingezogen: Märchen, Sagen, Abenteuer - Jungmädchenbücher, Karl May, Sven Hedin, Lederstrumpf, Schatzinsel, Moby Dick, Felix Dahn, Mark Twain und sogar Ganghofer." Mit der Taschenlampe las er unter der Bettdecke die Western hefte "Billy Jenkins" und "Tom Prox". Ein großer Schatz für ihn waren die Voss-Margarine Sammelalben mit Tierbildern. "Nicht zu vergessen: die Fortsetzungsromane in der Tageszeitung und im Bäckerblatt", setzt er schelmisch hinzu.

Lesen war für ihn eminent wichtig, und seiner Meinung nach sollte das für heutige Kinder immer noch so sein. "Bis zu meinem zehnten Lebensjahr habe ich vielleicht zwei Filme gesehen - heute haben die Kinder viel mehr in der Birne."

"Ich habe ein miserables Gedächtnis", sagt Hartmut Preß - und trotzdem sprudeln die Erinnerungen nur so aus ihm heraus. In Schwürbitz, sagt er, seien er und seine Schwester als Pfarrerskinder besonders "im Fokus der Leut'" gestanden. Es habe die Menschen eben interessiert, was im Pfarrhaus vor sich ging.
Später, als er selbst schon Pfarrer war, kam es zu einer Begegnung im Dorf: "No, des is' doch der Harrdmuud! Och na! Des derf ich edsd nimmer sagn, wu Sie a Herr Bfarra sin'."
"Die Kinderzeit war zu Ende, als ich mit elf Jahren nach Bamberg ins Internat kam - dann kam ich nur noch wenig ins Dorf." In diesen elf Jahren habe er jedoch "waschechtes Schwürbitzerisch gesprochen", das heute einem verwaschenem Fränkisch gewichen sei. Den Schwürbitzer Dialekt habe er zwar verlernt, aber er brauche nur kurze Zeit, um wieder reinzukommen: "Wenn ich mich reinhöre, isser wieder da." Mit der Mundart ist das ein wenig wie mit der Freundschaft: Heimatliche Vertrautheit hält ein Lebenlang. Wenn Hartmut Preß seinen besten Freund aus Kindertagen, Heiner, nach Jahren trifft, ist sofort die alte Vertrautheit wieder da.

Schöna Baa oder dicke Beine?

Im Dialekt lassen sich umständliche Sachverhalte kurz und prägnant ausdrücken. Selbst Unschmeichelhaftes wird durch die Mundart abgemildert. Hartmut Preß schildert die unterschiedliche Wahrnehmung seiner Person durch andere: Ein Schwürbitzer Madla sagte einst über seine Beine: "Hat der Hartmut schöna Baa." Viele Jahre später urteilte sein Sohn Hans: "Babba, deine Beine sind a weng dick und a weng kurz."
Dass die Umgangsformen früher auch manchmal zu wünschen übrig ließen, mag mit einer selbstironischen Anekdote illustriert werden, die Hartmut Preß so schildert: "Kurz nach dem Krieg in Schwürbitz: Eine würdige Respektsperson mit dem entsprechenden Bauch versehen geht durch den Ort - mitten auf der Straße, ohne nach rechts oder links zu sehen. Der sechsjährige Pfarrerssohn spielt auf der Straße und sagt deutlich 'Grüß Gott'. Keine Antwort. Da läuft er neben dem Herrn her und grüßt noch einmal, wieder kein Dank. Jetzt packt den Kleinen langsam der Zorn, er ruft nun sehr nachdrücklich: 'Grüß Gott!!' Aber auch jetzt keine Resonanz. Da springt der kleine Kerl wütend mitten auf die Straße, baut sich vor dem würdigen Herrn auf und schreit: 'Dann leckst mich am Arsch!'"

"Mein Hobby ist die Sprache"

"Die Wurzeln für meine Freude an der Mundart liegen sicher in Schwürbitz", sagt Hartmut Preß, "und wenn ich heute noch Mundart spräche, würde ich Schwürbitzerisch sprechen wollen". Es sind Nuancen, die den Schwürbitzer vom (zum Beispiel) Michelauer Dialekt unterscheiden - aber gerade diese Kleinigkeiten sind wichtig. Eine Erkenntnis, die nicht verwundert bei jemandem, der sagt "mein Hobby ist die Sprache".
Dem Volk aufs Maul geschaut hat schon Martin Luther. Ihm verdanken wir zahlreiche Wortschöpfungen und Redewendungen. Den Franken "auf die Gosch'n schauen" wollte Hartmut Preß, als er zusammen mit 70 anderen Autoren das Lukas-Evangelium ins Fränkische übertrug. Entstanden ist 2001 ein bunter fränkischer Fleckerlteppich. Mit diesem Buch wurde nachträglich noch einmal den Frankenwürfel gerechtfertigt, den Hartmut Preß schon 1995 erhalten hatte. "Der Lukas will Nähe herstellen", sagt er heute über die Übertragung. Dialekt rufe Heimatgefühl hervor. Diese Sprache sei "mit Menschen verbunden, mit denen man als Kind Kontakt hatte, die einen als Kind ernst nahmen".

Ein fränkischer Pontifex

Damit sei aber nicht gesagt, dass die Mundart besser oder schlechter als das Hochdeutsche ist. "Es sollte beides bei uns geben", sagt Hartmut Preß. Die Sprache sollte Mittel zur Verständigung sein, sie sei aber leider oft auch eine Quelle für Missverständnisse. Beim Übersetzen des "Lukas" habe er versucht, eine Brücke zu schlagen: "Ich wollte biblische Inhalte, die oft sehr kompliziert dargestellt werden, vereinfachen." Der fränkische Pontifex (= Brückenbauer) weiter: "Mundart zwingt oft dazu, Kompliziertes verständlich zu machen." Ihm komme es deshalb nicht darauf an, auf dem Dialekt und den manchmal abenteuerlichen Schreibweisen der übertragenen Wörter herumzureiten. Vielmehr gehe es darum, "schwierige Inhalte so rüberzubringen, dass sie auch ein Mensch verstehen kann, der nicht in einer Fachsprache daheim ist".
Doch wie beurteilt der Mundart-Fan die Zukunft des Dialekts? Wird es in 50 Jahren noch Franken geben, die so plaudern, wie die Generationen vor ihnen? Oder werden - dank der Globalisierung via Internet - Fränkisch und Hessisch, Sächsisch und Bayerisch in einem Mainstream aus Anglizismen und Hochdeutsch verschliffen?
"Ich kann mir vorstellen, dass nicht mehr jeder kleine Ort seine eigene Mundart hat, denn die Einheiten werden größer", antwortet Hartmut Preß. "Ich denke, dass Mundarten in größeren Einheiten gesprochen werden, dass sie dadurch aber auch an Griffigkeit und Eigenwilligkeit einbüßen", fügt er an. Die Sprache könnte an Prägnanz verlieren, wenn ihr die Ecken und Kanten des Dialekts abgeschliffen sind. Regional eigenständige Vokabeln werde es in einer weltweit vernetzten Welt nicht mehr geben. Aber Sprache sei schließlich auch ein Mittel, um sich zu verständigen.
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