Lichtenfels
Haltung zeigen

"Ich fühle mich nicht mutig"

Im Eintreten für höhere Werte kann man über sich hinauswachsen. Persönliche Ängste treten hinter einer großen Überzeugung zurück, wie ein Gespräch mit Pfarrerin Anne Salzbrenner deutlich macht.
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Pfarrerin Anne Salzbrenner an der Tür zum Pfarrhaus. Die Sprechanlage mit Kamera gab es dort schon, bevor einem Flüchtling Kirchenasyl gewährt worden war. Popp
Pfarrerin Anne Salzbrenner an der Tür zum Pfarrhaus. Die Sprechanlage mit Kamera gab es dort schon, bevor einem Flüchtling Kirchenasyl gewährt worden war. Popp

Warum fällt einem zum Thema Mut & Courage spontan Anne Salzbrenner ein? Weil die Lichtenfelser Pfarrerin seit Jahrzehnten öffentlich Haltung zeigt und sich auch durch Drohungen nicht hat einschüchtern lassen. Weil sie nicht müde wurde, für Menschlichkeit, Toleranz und Integration einzutreten, erhielt sie im Januar dieses Jahres die Ehrenmedaille, eine der höchsten Auszeichnungen der Stadt.

Einmal hat Anne Salzbrenner in ihrem Eintreten für andere ganz bewusst gegen das Gesetz verstoßen und wurde dafür angezeigt. Wie einige weitere Pfarrer im Landkreis gewährte sie einem Flüchtling Kirchenasyl. Der Mann Anfang 50 war aus Damaskus vor den Bomben über die Balkan-Route geflohen. Es war ihm weder gelungen, zu seiner Tochter in die Niederlande zu kommen, noch zu seinem Bruder nach Frankreich. Er landete in einer Gemeinschaftsunterkunft in Michelau, und als die Abschiebung drohte, entschieden sich Pfarrerin und Kirchenvorstand zu jenem Schritt, der zwar eine lange Tradition hat, nichtsdestotrotz aber strafrechtlich verfolgt wird.

Der Syrer, von dem man erst nach dieser Entscheidung erfuhr, dass er selbst Christ war, sollte nach Bulgarien gebracht werden. Dies entsprach der sogenannten Dublin-Vereinbarung, wonach ein Asylantrag in dem Land zu stellen ist, wo der Betreffende zuerst europäischen Boden betreten hat. Da aber die Chance auf Duldung in Deutschland bestand, wollte man dem Flüchtling diesen Weg ersparen. Im ausgebauten Dachgeschoss des Pfarrhauses verbrachte er seinen Schilderungen zufolge die erste Nacht seit vier Jahren (!) allein in einem Raum. Der Künstler zeigte sich dankbar, stellte in Lichtenfels Bilder aus, versuchte sich nützlich zu machen. Die Situation, das Grundstück nicht verlassen zu dürfen, ohne Gefahr zu laufen, aufgegriffen zu werden, war aber so belastend für ihn, dass er nach einem Jahr aufgab. Die Abschiebung nach Bulgarien fand statt. Anne Salzbrenner weiß nur, dass er dort angekommen ist. Auf die Frage, ob sie wieder so handeln würde, antwortet sie mit einem klaren Ja. Wohl wissend, dass das Risiko für sie persönlich höher wäre. Sie hatte sich während des Kirchenasyls wegen "Beihilfe zum illegalen Aufenthalt" zu verantworten. Das Verfahren ("das lässt einen schlecht schlafen") war letztlich eingestellt worden, verbunden allerdings mit dem Hinweis, dass sie im Wiederholungsfall nicht mehr so glimpflich davon käme. Sie kenne zwar keinen, der deswegen in Haft genommen wurde. Doch die zu befürchtende Geldstrafe und dann als "vorbestraft" zu gelten, ist ja nicht unerheblich.

Mit Mut habe ihre Entschlossenheit allerdings nichts zu tun, bemerkt Anne Salzbrenner. "Ich fühle mich nicht mutig. Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch", sagt sie. Sie habe so gehandelt, weil das ihrer Grund- und Lebenseinstellung entspreche: "Weil ich Christin bin, und weil ich die Tochter meiner Eltern bin." Dabei unterstreicht Salzbrenner: "Ich bin für diesen Staat und unsere Verfassung." Dennoch müsse man widersprechen, wenn man sehe, dass der Staat etwas falsch macht. Dies sei auch eine Lehre aus dem Dritten Reich.

Menschenverachtende Positionen kann und will Anne Salzbrenner nicht tolerieren. Daraus resultiert auch ihr Engagement als Sprecherin des Bündnisses "Unser Landkreis Lichtenfels ist bunt". Auch wenn derzeit das Thema Kirchenasyl am Obermain nicht akut ist - die Lage von Flüchtlingen fordere nach wie vor zur Hilfe auf, betont die Pfarrerin. "Die Welt brennt weiter, es ist nicht vorbei." Sie könnte deshalb heute nicht anders handeln (vorausgesetzt, es bestehe wie damals eine Aussicht auf Duldung; andernfalls helfe man den Menschen nämlich nicht). Dass gerade die reichen Länder sich wegducken, das prangert Anne Salzbrenner an. "Ich kann einen Menschen in Not nicht einfach wegdrücken."

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