Schney

Heinz Gärtner mit vollem Einsatz für die anderen

Heinz Gärtner bekommt am Freitag die Hans-Böckler-Medaille des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) verliehen. Es ist so etwas wie eine Auszeichnung für sein Lebenswerk - dabei hat der Genosse Gärtner noch viel vor.
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Heinz Gärtner ist immer in Bewegung, nur seine Augen sind ruhig und haben ein ganz klares Ziel. Das möchte er noch erreichen. Foto: Tim Birkner
Heinz Gärtner ist immer in Bewegung, nur seine Augen sind ruhig und haben ein ganz klares Ziel. Das möchte er noch erreichen. Foto: Tim Birkner
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Die Augen von Heinz Gärtner leuchten. Wenn er spricht, erzählen seine Hände mit. Was ihm nahe geht, was er verändern möchte. Gerade ist er bei Kapp in den Ruhestand verabschiedet worden. 43 Jahre lang war er bei der gleichen Firma. Mit 27 wurde er zum ersten Mal als Betriebsrat gewählt. Jetzt ist er 63.

"In der Gewerkschaft müssen sie mich alle noch ein paar Jahre ertragen", sagt er. Denn der Kreisvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Lichtenfels sieht noch jede Menge Aufgaben für die Gewerkschaften. Mitgliederschwund war gestern. Seit drei Jahren steigen die Mitgliederzahlen wieder. Rund 5000 sind es derzeit allein im Kreis Lichtenfels.

"Ich möchte noch erleben, dass es wieder Löhne gibt, von denen die Familien auch leben können. Dass jeder von seiner Rente in Würde alt werden kann. Dass die Jugend ordentlich bezahlt wird." Solange will er weitermachen.
"Im Kreis Lichtenfels arbeiten 30 Prozent der Arbeitnehmer unter dem Existenzminimum. Das ist jetzt schon schlimm. Für die Rente ist es die Katastrophe."

Die Arbeit für einen Gewerkschafter wie ihn liegt also vor der eigenen Haustür. Dort kehrt er, dort ist er daheim. Hier kann er im Stillen helfen, Betriebsräte zu gründen. Bei der Brauerei Leikeim ist das den Gewerkschaften vor einem Jahr gelungen. "Die Arbeitgeber sind am Anfang immer dagegen - dabei kann ein Betriebsrat mit Betriebsvereinbarungen auch den Arbeitgebern von Nutzen sein." Natürlich nennt er da als erstes seinen eigenen Betrieb, in dem vieles geregelt ist, und sich alle daran halten. "Wenn sich die Menschen auf der Arbeit wohlfühlen, zeigt sich das zum Beispiel auch in einem niedrigen Krankenstand. Und das kommt wieder der Firma zu Gute." Im Kreis Lichtenfels hebt er da besonders den Maschinenbauer Fischer aus Burgkunstadt hervor. Am anderen Ende der Skala sieht er derzeit die Firma Moll in Bad Staffelstein: "Die haben gerade sehr hohe Krankenstände."

Suche nach Solidarität

"Die Menschen kommen heute zu den Gewerkschaften, weil sie Rechtsschutz suchen. Sie wollen etwas über Tarifverträge wissen, Solidarität erfahren." Das nimmt Gärtner immer stärker wahr. Der DGB beschäftigt daher inzwischen bundesweit rund 3000 Juristen, die sich um die arbeitsrechtlichen Konflikte der Mitglieder kümmern. "Es wird heute viel mehr gestritten - auch weil es immer mehr Firmen gibt, in denen nichts geregelt ist."
Als er mit 16 Jahren 1966 in die Gewerkschaft eintrat, kämpfte die für Lohnfortzahlung im Krankeitsfall und Urlaubsgeld, für die 40-, später dann die 35-Stunden-Woche. "Wir waren eine starke Gemeinschaft", sagt Gärtner. Und heute? Heute kommen die jungen Menschen zu ihm, "gebranntmarkt von Zeitarbeit, Kettenverträgen und ohne Übernahme nach der Ausbildung".

Gärtner konnte beobachten, wie es mit dem DGB bergab ging. Die Büros in den Landkreisen wurden geschlossen, dann Landkreise zusammengefasst, dann noch größere Einheiten gebildet. Heute umfasst seine DGB-Region, wo er als Stellvertreter im Vorstand sitzt, halb Oberfranken. Von Forchheim und Höchstadt im Süden bis nach Coburg und Kronach im Norden. "Es wurde alles umorganisiert und auf ehrenamtliche Basis gestellt." Gärtner klagt nicht darüber, er ist sogar froh. In seinem Kreisvorstand arbeiten inzwischen 23 bis 24 Menschen mit. "Das sind alles Leute, die sich für ihr soziales Umfeld interessieren, ihre Arbeitsplätze verbessern wollen und für ein gerechtes Lohnsystem eintreten." Die jüngsten von ihnen sind 17 Jahre jung.

"Es ist doch gar nicht so schwer mit den jungen Leuten - viele Vereine haben da leider den Klick noch nicht ganz raus." Gärtner dirigiert mit seinen Armen und Händen. Jugend, Senioren, Frauengruppe, jetzt immer mehr Hochschulgruppen: "Das ist ein dynamischer Kreislauf. Wir haben ein gutes Gerüst - und müssen die Leute einfach nur mitnehmen."

Sein Rezept: Man nehme einen Teil Politik auf einen Teil Freizeit, fertig ist der Kuchen. Also schickt er Mitglieder zu Schulungen und organisiert Reisen - und kämpft gegen die Studiengebühren und für den freien Sonntag. "Früher waren die Kirchen sehr auf sich selbst konzentriert. Heute arbeiten wir als Gewerkschaften mit beiden Kirchen gut zusammen. Das macht richtig Spaß", sagt Gärtner.
Egal, was passiert, so scheint es, er findet die Kurve, in der er wieder Fahrt und Energie aufnehmen kann. "An der Gewerkschaft habe ich nie gezweifelt - an der Partei schon." Seit 1978 sitzt Heinz Gärtner für die SPD im Stadtrat, hat unter Gerhard Schröder und der Agenda 2010 ans Aufhören gedacht - und letztlich den Ortsverein gewechselt. Bei der Bundestagswahl 2009 gab es 23 Prozent für die SPD. "Das haben die gebraucht, um aufzuwachen", sagt Gärtner.

Stadtratskandidatur noch offen

"Die Gewerkschaft ist parteipolitisch neutral", sagt er. Wie bei den Kirchen entdeckt er auch hier frischen Wind und neue Kooperationspartner. Ob er 2014 noch einmal als SPD-Kandidat für den Stadtrat antritt, weiß er noch nicht. "Ich denke da schon ans Aufhören." Für seinen DGB gilt das noch lange nicht. Heinz Gärtner ballt die Faust. Seine Augen leuchten noch immer, nur sind die Lider halb geschlossen. "Ohne Partei wird man freier", sagt er. Er will noch eine Weile kämpfen.
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