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Lichtenfels
Finale

Fußball-Fans erstürmen den Ringer-Tempel

Bei den Lichtenfelser Ringern wurde diesmal Fußball geguckt. Beim Siegtreffer der Bayern scheint die Halle zu beben. Und der männliche Teil einer türkischen Hochzeitsgesellschaft kann sich endlich wieder den Frauen widmen.
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2:1, das Spiel ist aus, die Bayern-Fans sind aus dem Häuschen.Fotos: Markus Häggberg
2:1, das Spiel ist aus, die Bayern-Fans sind aus dem Häuschen.Fotos: Markus Häggberg
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Serhat Kara hat allen Grund zur Freude. Er ist Hochzeitsgast. In der Stadthalle kommen soeben die Familien der Brautleute zusammen. Türken können ausgelassen feiern und Hochzeiten allemal. Serhat Kara ist aber nicht nur ein Familienmitglied, er ist auch Fußball-Fan. So wie die ungefähr 30 anderen Männer, die eigentlich auch hätten auf der Hochzeitsfeier nebenan sein sollen, in Wirklichkeit aber beim Public Viewing in der AC-Halle das Champions-League-Endspiel verfolgen. Dort ereignet sich ein Abend voller Ausgelassenheit, Lebendigkeit und skurriler Momente.

Fußballfans im Ringertempel

Die ersten kommen um 18 Uhr, die letzten gehen um 4 Uhr. Dazwischen liegen Anspannung, Vorfreude, Zittern und Bangen und ganz viel Seligkeit. An die 300 Fußballbegeisterte zieht es an den Ort, der sonst den Bundesligaringern vorbehalten ist.
FC Bayern München gegen BVB Borussia Dortmund? Nein, eben nicht. BVB Borussia Dortmund gegen FC Bayern München, so der offizielle Name der Begegnung, die sich im weit entfernten London zuträgt. Das Heimrecht liegt also bei Dortmund und so bleibt die linke Tribüne in der AC-Halle den Dortmunder Fans vorbehalten. Ein wenig schelmisch, denn sie ist weit kleiner als die der Bayern-Fans. Aber die Sympathisanten des Ruhrpottvereins sind früher in die Halle gekommen und nehmen die Ränge für sich ein ...

Zehn Meter trennen die unterschiedlich großen Tribünen voneinander und man macht ordentlich Stimmung gegeneinander. "Lasst ihn liegen, der tritt sich fest", so die BVB-Anhänger, wenn ein Bayer am Boden lag. "Hey, hey super Bayern", schallt es zurück. Und das sind noch die harmlosen Gesänge. Auf der BVB-Tribüne steht Clemens Mellgard. Der vielleicht geschmückteste Fan des Abends in der gesamten Halle. Ganz in schwarz-gelber Fanmontur und mit Fahne ist er sich sicher, dass "ein Tor mehr als Bayern" auf der Anzeigentafel stehen werde. Ein Wunsch, den die Geschichte ihm nicht erfüllen sollte.

"Jägermeister, Jägermeister", scheinen die drei jungen Männer zu skandieren. Es ist laut und sie singen undeutlich. Eigentlich grölen sie und eigentlich singen sie auch nicht vom Jägermeister, sondern vom Rekordmeister. Klingt ähnlich, man muss es halt nur vorher wissen, um es hinterher auch so herauszufiltern. "3:1 gewinnt Bayern. Weil sie gereift sind an der Niederlage gegen Chelsea (2012)", begründet Fan Michael Hofmann. Auch Tatjana Woitzik ist Fußball-Fan. "Letztes Jahr war´s für mich eine Katastrophe", erzählt sie. Letztes Jahr, das war die Sache mit der unnötigen Endspielniederlage der Bayern gegen Chelsea, dieses Spiel, bei dem man als Zuschauer binnen zweier Halbzeiten um Jahre altert. "Diesmal sehe ich es gelassener", sagt die Frau und findet es wunderbar, dass zwei deutsche Mannschaften im Endspiel stehen.

Ihr gegenüber sitzt Rainer Braune, einst Aktiver eines heimischen Fußballklubs. Der Mann ist neutral und als in der 14. Minute die drückende Überlegenheit der Dortmunder offenbar wird, bietet er eine Variante an: "Vielleicht haben die Bayern heute das Glück, was sie sonst nicht haben." Dass sie aus eigener Kraft gewinnen könnten, danach sieht es gerade nicht aus.

16 Minuten und 44 Sekunden sind gespielt. Uli Hoeneß kommt ins Bild. "Buuuh" rufen die Fans des BVB, wenig später fährt Ribery den Ellenbogen gegen seinen Bewacher aus und jemand macht ihm dessen einstige Rotlichtaffäre zum Vorwurf. Tatjana Woitzik käme nicht auf die Idee, jetzt mal kurz den Raum zu verlassen: "Immer wenn ich raus gegangen bin, sind die Tore gefallen", erinnert sich die begeisterte Frau an die EM und WM der Vergangenheiten. "Wenn die heute verlieren, sind sie platt. Es ist kein Trost gegen Stuttgart (demnächst im DFB-Pokal) zu gewinnen, wenn man gegen Dortmund verliert", schätzt Rainer Braune das Geschehen ein.

Das Trauma von '99

Dann erzählt er von einem eingefleischten Bayern-Fan, "der hat das Trauma von ´99 noch nicht verkraftet". Dieser Mann sei der AC-Halle bewusst fern geblieben, um, im Falle des Supergaus, seine neu geschlagenen Wunden im Schutze der eigenen vier Wände zu lecken.

Die Torchancen treten im Minutentakt auf, die Halle wankt und ein Raunen geht durchs Publikum.
"Ich bin Schalke-Fan", sagt Serhat Kara. Jetzt will er Dortmund die Daumen drücken. Eigentlich ist das ein Wunder, bei der traditionellen Feindschaft der beiden Revierklubs. "Das sind alles junge Männer, das macht sie mir sympathisch", sagt er auf die erfolgreiche Jugendarbeit des BVB Bezug nehmend. Seit einer Stunde schon könnte man ihn auf der Hochzeit in der Stadthalle vermissen. Ihn und die anderen 30 türkischen Männer, die König Fußball den Vorzug geben.

Jetzt und noch für gut zwei Stunden. Ohrenbetäubender Jubel und Häme als das 1:0 fällt hüben. Ausgelassener Jubel und Häme beim 1:1 drüben. Dann, kurz vor Spielende der Münchener Siegtreffer und für eine kurze Weile scheint die Halle zu beben. Zwei Frauen ligen sich in den Armen, Männer gehen in die Knie, Fahnen werden geschwenkt und erste Analysen angestrengt.

Zwischen Verständnis und Mitleid

Clemens Mellgard ist bedient. Er wird von einem Bayern-Fan angesprochen, der will ihn trösten. Aber Mellgard signalisiert, dass er gar nicht sprechen möchte. Seine Freundin steht daneben, auch als BVB-Fan erkenntlich, aber in ihrem Blick ist diese Mischung aus Verständnis und Mitleid, aus Ist-ja-nur-ein-Spiel und Kopf-hoch.
Kurz vorher geht er dem geschmücktesten aller Bayern-Fans auf die andere Tribüne gratulieren. Die beiden Jungs drücken sich schweigend und lange. Sie seien Freunde, sagt man.