Loffeld
Comedy

Frauen gegen die Steuervermeidungsindustrie

Drei Künstlerinnen bewiesen: Auch in Loffeld sind Bretter, die die Welt bedeuten und Gesang und Kabarett auf höchstem Niveau bieten.
Artikel drucken Artikel einbetten
Melanie Haupt, Judith Jakob und Fabienne Hollwege in Loffeld in ihrem  Programm "Wenn Frauen auf dem Umsatz abdrehen". Melanie Haupt ist übrigens als Sängerin zusammen mit Bodo Wartke seit den "Songs" auf Banz 2014 eine bekannte Größe.   Foto: Birgit Kunig
Melanie Haupt, Judith Jakob und Fabienne Hollwege in Loffeld in ihrem Programm "Wenn Frauen auf dem Umsatz abdrehen". Melanie Haupt ist übrigens als Sängerin zusammen mit Bodo Wartke seit den "Songs" auf Banz 2014 eine bekannte Größe.   Foto: Birgit Kunig
+2 Bilder
Der voll besetzte Loffelder Brauereisaal brodelt am Freitagabend, als das Comedytrio Marlies, Karo und Ilona alias Melanie Haupt, Judith Jakob und Fabienne Hollwege in ihrem Programm "Wenn Frauen auf dem Umsatz abdrehen" satirisch und scharfzüngig das Publikum aufmischt. Geniale Texte, grandiose Stimmen, großartige Gestik und Mimik - das sind die drei Künstlerinnen und Schauspielerinnen aus Berlin Köln und Luxemburg.

Mit quirligem, nicht enden wollendem Gekicher und chaotischem Durcheinandergequatsche poltern sie auf die Bühne und gehen dann in die Vollen, nicht nur mit Seitenhieben, sondern mit erklecklichen Breitseiten auf die erschreckenden Entartungen der Finanz- und Geschäftswelt, auf Amt- oder Finanzhaie dieser Welt, die "durch halbillegale Machenschaften ihr Vermögen nicht nur retten, sondern vermehren". "Was haben unser Steuersystem und das Universum gemeinsam? Beides hat einen Knall und beides dehnt sich immer weiter aus!"

Die drei Ladys spulen kein Programm ab, nein, sie zelebrieren und sezieren tiefgründig den Dschungel der Steuerbürokratie von Schätzungen, Prüfungen, Schlupflöchern und Steuerhinterziehungen. Mal slapstickmäßig leicht, mal bitterböse ernst ist die Bestandsaufnahme des deutschen Steuersystems anhand der Story von Marlies, der promovierten Meeresbiologin ohne Job, die einen Fischimbiss besitzt. Deren Aushilfe ist Karo, Mutter von zwei kleinen Kindern, und eigentlich Krankenschwester, die aber nur stundenweise arbeiten kann und nicht verheiratet ist. Die Dritte im Bunde ist Ilona, die Finanzbeamtin, die sich mehr und mehr unwohl in der Steuerbehörde fühlt.
 
Gemeinsam versuchen die drei den Imbiss zu retten, dessen Existenz wegen einer astronomisch hohen Steuernachzahlung bedroht ist. Der irrwitzige Anklagepunkt lautet "Liebhaberei", der in einer wunderschönen Ballade gesanglich umgesetzt wird. Liebhaberei wird von der Finanzverwaltung angenommen, wenn der Steuerpflichtige eine Tätigkeit ohne Gewinnerzielungsabsicht ausübt. "Wie soll man da nicht vom "rechten Weg auf die linke Tour kommen?"

Gegen den Einspruch antwortet das Finanzamt jedoch mit einer "Androhung auf Verböserung": Eine erneute Überprüfung werde dazu führen, noch mehr Steuern zahlen zu müssen, was aufzeigt, dass jedwedes unternehmerisches Denken für die Katz ist. Ergo bleibt nur, den Laden dichtzumachen. Immerhin versöhnt das Stück am Ende mit dem privaten Glück der Protagonistinnen. Besonders für Karo, die den Vater des Kindsvaters, einen pensionierten Lehrer heiratet, dadurch bestens versorgt wird und somit gleichzeitig Mutter und Großmutter ihrer Kinder wird.

Die Parodien bestehen aus skurrilen und schrägen Monologen, Dialogen und Liedern mit wunderschönen Stimmen untermalt von Ukulele, Gitarre, Rasseln. Sie besingen das zu wenige "Netto vom Brutto" und träumen von einer "steuerfreien Anarchie". "Sie hat ihren Preis, die Demokratie. Deshalb wäre es fein, zahlten die, die sie nutzen, auch was ein", singen sie in ihrem Protestsong gegen die "Steuervermeidungsindustrie" in Abwandlung von Gloria Gaynors "I will survive". Ein besonderes Highlight ist Judith Jakob, wenn sie als Zollfahnderin oder Steuerprüferin Repressalien ausübt. Oder Melanie Haupt als einschüchternder Abteilungsleiter der Finanzbehörde der Steuerbeamtin an den Busen fasst und brüllt: "Auch wir haben Zielvorgaben: Qualität statt Quantität - Einschüchterung ist unser Ziel".
 
Alles, was man hört und sieht, scheint nicht aus der Luft gegriffen. Fragt man eine Steuerfachfrau vom Steuerbüro Ziegler aus Bad Staffelstein, das zu dieser Veranstaltung witzigerweise seinen Betriebsausflug gemacht hat, lautet die geschickt aus der Affäre gezogene Antwort, das Programm sei jedenfalls nicht realitätsfremd. Die gleiche Antwort erhält man von der Finanzbeamtin, die einen Stuhl weiter sitzt, und zwar irgendwie schmunzelt, aber auch nicht verhehlen kann, dass das alles in Wirklichkeit nämlich gar nicht witzig ist, sondern der Wahrheit äußerst nah kommt. Besonders gelungen auch der Sketch über die Selbsthilfegruppe für reiche Erbinnen, die vor Selbstmitleid zerfließen. Prädikat wertvoll - so lautet das Urteil im Publikum.
Verwandte Artikel
Noch keine Kommentare
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren