LKR Lichtenfels
80er

Es war eine prägende Zeit

Die 80er Jahre zeichneten sich auch durch eine Vielzahl an Umwelt- und Friedensbewegungen aus. Matthias Hagen erzählt aus dieser Zeit.
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Der neue Sarkophag in Tschernobyl: Nach dem Abtragen der alten Schutzhülle muss noch radioaktiver Müll beseitigt werden. Die Arbeiten sollen noch bis 2065 andauern. Seit dem Reaktorunfall am 26. April 1986 hat Matthias Hagen keine Maronen mehr gegessen, da sie die radioaktiven Schadstoffe sehr schlecht abbauen. Foto: EPA/EBRD Phostream
Der neue Sarkophag in Tschernobyl: Nach dem Abtragen der alten Schutzhülle muss noch radioaktiver Müll beseitigt werden. Die Arbeiten sollen noch bis 2065 andauern. Seit dem Reaktorunfall am 26. April 1986 hat Matthias Hagen keine Maronen mehr gegessen, da sie die radioaktiven Schadstoffe sehr schlecht abbauen. Foto: EPA/EBRD Phostream
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Die 80er waren nicht nur die Zeit der kultigen Musiksendungen, der knallig bunten Sportmode mit Stirnbändern, Zauberwürfeln, Fernsehserien wie Columbo oder Knight Rider. Im Kontrast dazu waren es Jahre der Demonstrationen, Friedens- und Umweltbewegungen und der Angst, erzählt Matthias Hagen, evangelischer Pfarrer in Bad Staffelstein.

Prägende Zeit und Veränderungen

"Für mich waren es sowohl beruflich als auch persönlich Jahre der Veränderungen, und es war sehr prägend", sagt Hagen. Das Studium, das er in den 70ern begonnen hatte, dauerte bis 1986, und in der Zeit habe er sich an der Universität politisch sehr engagiert. "Wir haben für Gerechtigkeit gekämpft und unsere Verantwortung für den Weltfrieden sehr ernst genommen." Wichtige Ereignisse seien zum einen die Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses gewesen, die Atomreaktor-Katastrophe in Tschernobyl im Jahr 1986 und schließlich der Mauerfall am 9. November 1989.

"Es war wirklich eine sehr unsichere und angstbehaftete Zeit. Die Bedrohung aufgrund des Kalten Krieges und eines Atomkrieges führten zu vielen gesellschaftlichen Veränderungen", sagt Hagen. Auch der NATO-Doppelbeschluss sorgte für viele Protestaktionen. "Ich wusste, dass meine Heimat bei einem möglichen Krieg völlig zerstört worden wäre. Ich hätte dann keine Zukunft mehr gehabt." In dem Beschluss ging es um die Stationierung von Atomsprengköpfen in Westeuropa, dem der Deutsche Bundestag am 22. November 1983 zustimmte.

Ein weiteres schicksalhaftes Ereignis, das auch zu einer starken Umweltbewegung und Protesten führte, sei dann das Reaktorunglück in Tschernobyl gewesen. "Mein Vater hat mir das Pilzesuchen beigebracht, und ich habe das wirklich gerne gemacht. Aber nach dem 26. April 1986 habe ich das lange nicht mehr gemacht. Irgendwann fing ich zwar wieder mit Steinpilzen an, weil sie nicht so lange belastet sind. Maronen habe ich seit dem nicht mehr gegessen, da sie am meisten Schadstoffe abbekommen haben und die Halbwertszeit viel länger ist." Diese historischen Ereignisse waren ein klarer Grund zum Handeln gewesen, erzählt Hagen. "Wir mussten uns einfach kritisch einmischen und waren sehr politisiert."

Dass sich die damalige Friedensbewegung nun durch die "Fridays for Future" wiederholt, findet Hagen besonders gut. Ende der 80er habe diese aktive Phase und das Interesse an politischen Themen wieder abgenommen. "Die Zeit der großen Veränderungen begann ja schon in den Jahren nach '68. Vielleicht waren die Menschen dann einfach müde", sagt Hagen.

Kirche ein wichtiger Begleiter

Die Kirche sei damals eine gute kritische Begleitung gewesen. "Wir haben uns für Frieden, Gerechtigkeit und den Erhalt der Schöpfung eingesetzt." In seinen Predigten spielen solche Themen eine eher untergeordnete Rolle. "Ich versuche mich mehr an den Fragen zu orientieren, die die Menschen wirklich beschäftigen. Die evangelische Kirche macht alle zehn Jahre eine Befragung und die zeigt, dass im kirchlichen Bereich andere Themen wichtiger für die Menschen sind", so Hagen. Er mache trotzdem sechs Mal im Jahr einen "besonderen Gottesdienst", der sich dann zum Beispiel mit Nahtod-Erlebnissen oder dem Älterwerden beschäftigt.

Sind Entwicklungen der 80er denn noch heute in Bad Staffelstein zu spüren? "Ich kenne kaum Leute, mit denen ich darüber sprechen kann." Trotzdem haben er und seine Frau darauf geachtet, ihre Kinder für politische Themen zu sensibilisieren. "Ich kann stolz sagen, dass wir ihnen da vieles mitgegeben konnten."

Indianer als Vorbilder

Mit der Familiengründung sei er häuslicher geworden und nicht mehr so oft aktiv bei Demonstrationen auf der Straße dabei. "Aber ich habe einen Beitrag dazu geleistet, die Welt besser zu machen. Ich bin am Überlegen, ob ich jetzt mit meiner baldigen Rente nicht wieder etwas aktiver werden soll. Trotzdem ist das jetzt besonders eine Sache der Jungen, und wir Älteren sollten uns da nicht mehr so sehr einmischen." Matthias Hagen meint, dass es die Indianer doch sehr schlau machten: Der Älteste saß in seinem Tipi und ließ die Jungen ihr Ding machen. "Wenn sie dann doch einen Rat brauchten, half er ihnen."

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