Weismain

Eine Stadt voller Narren: Warum das Faschingsfieber in Weismain alle packt

Das verrückte Treiben der Faschingstage ist im Städtchen Weismain nicht zu übersehen. Keiner kann dem Faschingsfieber entkommen.
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Ein Teil des Weismainer Faschingskomitees. Foto: Barbara Herbst
Ein Teil des Weismainer Faschingskomitees. Foto: Barbara Herbst
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Stofffetzen, Wimpel und hie und da ein bunter Büstenhalter baumeln in eisigem Wind über der Altstadt. Die Leinen zwischen den Fachwerkfassaden zeigen dem Besucher sofort: Die Weismainer sind jeck. Narren. Faschingsverrückte.

"Helaaaau!", dröhnt es über den Marktplatz, als wäre eine größere Party im Gange. Doch es sind nur ein gutes halbes Dutzend Weismainer, die für die Zeitungs-Fotografin posieren. Ein Teil des Faschingskomitees, das die Fünfte Jahreszeit in Weismain organisiert und sich an Aschermittwoch wieder auflöst.


Kein Verein, keine Orden

Es gibt keinen Karnevalsverein, keine Orden, keine regelmäßigen Treffen unterm Jahr. Aber sobald die Weihnachtsdeko abgenommen wird, hängen die "närrischen Weiber" ihre Leinen auf.

Oft sind die Stoffe schon nach einer Saison im Winterwetter verschlissen. Doch wenn die Narren rufen, spenden Weismainerinnen BHs und Badeanzüge. Der Fasching ist hier ein Höhepunkt des Jahres, auf den sich Alt und Jung freuen.

Hunderte Bewohner der Stadt und der umliegenden Orte sind in irgendeiner Form beteiligt: Die einen treffen sich jeden Samstag bei Bier und Brotzeit zum Wagenbau, die anderen schmücken das Rathaus oder üben die Blasmusik für den Umzug ein. Die Alten sortieren palettenweise Süßigkeiten.


Gepflegtes Blödeln

"Helaaau" - die Truppe auf dem Marktplatz macht noch einmal Stimmung. Jüngstes Mitglied ist Max Treiber, acht Monate alt, ältestes Irmgard Denzler, 63 Jahre, und eine der Initiatorinnen des Weiberfaschings. Paul Leikeim gibt sein Alter mit "Neununddreißig-vier-Viertel" an, Birgit Bräutigam sagt, sie sei "Fünfunddreißig-und-elf". Die anderen lachen - einer der Gründe, warum der Fasching in Weismain so gut funktioniert, ist die Lust am Blödeln, die hier gepflegt wird.


Nicht lustig: Behördenauflagen, Sicherheitsfragen

In vielen anderen Orten ist Schluß mit lustig; der Fasching hat Probleme: Da sind zunehmend behördliche Auflagen, die den Narren Schwierigkeiten machen. Aber es wird auch schwerer, Kinder mit Süßigkeiten zu begeistern. Franz Besold, so etwas wie der inoffizielle Obernarr des Ortes, erklärt, dass Lutschbonbons beim Gaudiwurm nicht mehr gut ankommen.

Deshalb werden beispielsweise kleine Popcorn-Tütchen geworfen. Die fliegen aber nicht weit, weil sie leicht sind. Die Zuschauer gehen jetzt näher an die Wagen heran. "Damit kein Kind unter die Räder kommt, muss die Bande um den Wagen herum deshalb sehr weit nach unten gebaut werden."


Die DDR-Bonbons waren billiger als Zucker

Nicht nur bei der Sicherheit hat sich vieles verändert. Teurer ist der Fasching auch geworden. "Als ich vor 30 Jahren angefangen habe, kostete ein Kilo Bonbons aus der DDR weniger als ein Kilo Zucker bei uns", sagt Franz Besold. Dass eine Gruppe nicht am Gaudiwurm teilnehmen kann, weil das Geld fehlt, ist in Weismain aber ausgeschlossen. Die Kosten werden vom Festkomitee übernommen, über Spenden werden Versicherung, Gema-Gebühr und Süßigkeiten finanziert, wie der Konditormeister erklärt.


Wenn der Konditor zum Till wird

Für die Weismainer ist Besold im Fasching der "Till". Wenn der Gaudiwurm am Sonntag gegen 14 Uhr am Rathaus ankommt, wird er in die Bütt steigen und mit Narrenkappe in Eulenspiegel'scher Tradition über aktuelle Fragen spotten. "Ich bringe alles rein - auch wenn dann mal einer ein halbes Jahr nicht in meinen Laden kommt", kündigt er an. Seine Büttenreden sind Kult in Weismain - und genauso geheim wie die Mottos der Wagen, an denen seit Wochen gewerkelt wird.
Angeführt wird der Gaudiwurm jedes Jahr vom "Kaulhaaz", dem Maskottchen des Weismainer Faschings: Nach der Mühlkoppe, wie der Fisch hochdeutsch heißt, wurde auch die Faschingsdisco am Samstag "Kaulhaaz'n-Fieber" genannt.


Halloween und Oktoberfest

Zum Straßenkarneval am Sonntag werden zwei bis vier Mal so viele Menschen erwartet, wie in der 2500-Einwohner-Stadt leben. Die Vereine übernehmen die Bewirtung, für die Kinder gibt es einen kleinen Rummel. Die Jugend verzieht sich in den Skiclub. "Die Jungen kommen wegen der Skibar", erklärt der Till. "Weil man sich am Faschingssonntag eben in Weismain trifft." Aber nicht unbedingt, weil sie alle völlig faschingsverrückt sind.
Als Hauptursache, warum vielerorts der Nachwuchs dem Fasching fern bleibt, nennt der 56-Jährige Übersättigung. Zwischen der staden Weihnachtszeit und der Zeit der Buße und des Fastens war die närrische Zeit einst etwas Besonderes. Es war die Party des Jahres. Verkleidung und Verrücktheit sieht der Till heute aber das ganze Jahr über: von Beachpartys über Oktoberfeste und Halloween bis zur Christmas-Party.

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