Michelau
Reformationstag

Ein Tag für die Zukunft der Kirche

Evangelische Christen feierten Reformationstag Pfarrersehepaar berichtet in Michelau über seine Suche nach lebendiger göttlicher Energie
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Gespannt verfolgten die Zuhörer in der Johanneskirche die Dialogpredigt des Pfarrersehepaars Reiner Knieling und Isabel Hartmann zum Reformationstag Foto: Joachim Wegner
Gespannt verfolgten die Zuhörer in der Johanneskirche die Dialogpredigt des Pfarrersehepaars Reiner Knieling und Isabel Hartmann zum Reformationstag Foto: Joachim Wegner
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Protestanten in aller Welt haben in festlichen Gottesdiensten den Reformationstag gefeiert. Dabei wurde an die Anfänge der evangelischen Kirche vor rund 500 Jahren erinnert. Das Dekanat Michelau hatte zu einem Gottesdienst in die Johanneskirche in Michelau eingeladen. Der Tag erinnert an Martin Luthers Thesenanschlag. Der Theologe soll am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg 95 Thesen genagelt und damit die Reformation ausgelöst haben.

Beim Gottesdienst in Michelau betonte Dekanin Stefanie Ott-Frühwald, dass der Reformationstag in unseren Tagen weniger dem Gedächtnis als vielmehr der Zukunft der Kirche gelte. Die Christen müssten sich darauf besinnen, was ihnen und der Kirche Kraft in der Gegenwart und Zukunft gibt, nämlich die befreiende Liebe Gottes.

Kirche in Bewegung

Ebenso wie Martin Luther sich mit vielen anderen auf Jesus Christus neu ausgerichtet habe, sei die Kirche heute auch in Bewegung und dürfe dabei der erbarmenden Liebe Gottes gewiss sein.

Als Festprediger stellte die Dekanin das Theologenehepaar Reiner Knieling und Isabel Hartmann vor. Beide arbeiten am Gemeindekolleg der Vereinigten evangelisch-lutherischen Kirche in Deutschland in Neudietendorf bei Erfurt, beraten die Verantwortlichen von Kirchengemeinden und begleiten sie bei der Entwicklung neuer Visionen.

Als Grundlage ihrer Predigt nahmen sie den alttestamentarischen Text aus 5. Mose 6, Vers 4 ff: "Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft".

Dieser Abschnitt ist auch als "Sch'ma Jisrael" bekannt und stellt eines der Glaubensbekenntnisse des Judentums dar. Als wichtigstes Gebet wird "Sch'ma Jisrael" von Juden mehrfach am Tag rezitiert und stellt zugleich das wichtigste Ereignis des täglichen synagogalen Gottesdienstes dar.

Jesus Christus habe diese Aufforderung noch vor das Doppelgebot der Liebe aus dem Neuen Testament gestellt, erläuterten die Prediger. "Doch wie geht das, das Geheimnis, das sich Gott nennt, zu lieben?" fragten sich die Theologen. Die kosmische Energie, die so unvorstellbar und mächtig ist, und die sich verbirgt und zugleich immer wieder offenbart.

Als Jugendlicher habe es ihn viel Energie gekostet, Gott durch Gebete und gute Taten zu gefallen, berichtete Knieling. Und es habe ihn in einen inneren Konflikt gestürzt, mit seinen persönlichen Fehlern vor Gott zu treten.

Lebensenergie

Doch im Laufe seines Lebens habe er erkannt, dass das Dilemma einfacher als gedacht zu lösen ist. Irgendwann habe er verstanden, dass Gottes Liebe bereits ausgegossen und in den Menschen selbst zu finden sei. "Bei Gott gebe es kein "Oben" und "Unten", sondern ein "in mir" und "außerhalb von mir", lautete die Erkenntnis von Pfarrer Knieling. Somit sei Gottes Liebe die Lebensenergie in den Menschen.

Isabel Hartmann ergänzte, dass sie eine ganzheitliche Begegnung mit Gott beim Spaziergang im Wald gehabt habe. Der Mensch müsse nur warten, bis er die Stimme Gottes in sich vernehme. Die Pfarrerin verwies auf den Jesuitenpater Alfred Delp, der zu einer ähnlichen Erkenntnis gekommen ist: "Die Welt ist Gottes so voll, wir aber sind oft blind und sehen Gott nicht. Aus allen Poren der Dinge quillt er uns entgegen."

Bewusst Innehalten

"Die Ausrichtung auf Gott gibt den Menschen Orientierung und macht sie frei", vermerkte Reiner Knieling und hatte ein probates Rezept parat, um sich neu auf ihn auszurichten. Er empfahl seinen Zuhörern, in verfahrenen Situationen drei Minuten Stille einzuhalten. Nach dieser kurzen Unterbrechung könne man oft zu mehr Klarheit gelangen und manches Gespräch weise dann eine andere Qualität auf. Das Innehalten sollte dazu genutzt werden, auf die innere Stimme zu hören und den Boden zu spüren, der die Menschen trägt. Andererseits werde man dabei aber auch gewahr, wie zerbrechlich das Leben sei und dass nicht die Menschen die Welt retten könnten, sondern auf Gott angewiesen seien. So ein Ort zum Durchatmen sollte zum Fixpunkt im Leben werden, empfahlen die Prediger. Denn es brauche Zeit, Gott in sein Leben einziehen zu lassen und zu erkennen, dass er die Menschen liebt und stärkt, weil er bereits in ihnen eingezogen ist.

Nach dem Gottesdienst stellte sich das Pfarrersehepaar, das zusammen auch ein Buch über seine Suche nach lebendiger göttlicher Energie geschrieben hat, in der Johanneskirche den Fragen von Daniel Schneider, einem Journalisten und Theologen aus Löhne.

Isabel Hartmann und Reiner Knieling erzählten, wie sie durch Lebenskrisen gegangen sind und nun ihre Spiritualität in ihren persönlichen und beruflichen Alltag integrieren. Durch die Erkenntnis, nicht alles selbst machen zu müssen, habe sich ihre Haltung zur Arbeit gewandelt. Durch das Vertrauen auf Gottes Anwesenheit und sein Wirken fließe ihnen immer wieder neue Kraft zu, betonte das Pfarrersehepaar und verwies auf seine Hoffnung für Kirche und Gesellschaft, weil sie schon so oft von Gott überrascht wurden.

Dazu zählte Reiner Knieling auch die Zeit des Mauerfalls in Deutschland, die er als Vikar in Maroldsweisach unmittelbar an der innerdeutschen Grenze erleben durfte. Das göttliche Wunder der friedlichen Revolution beschäftige ihn bis heute. Abschließend wünschte sich der aus Hof stammende Theologe im Gespräch mit seinem Interviewpartner, dass die Menschen wieder mehr über ihren Glauben sprechen.

Im Anschluss an die Gesprächsrunde hatten die Besucher Gelegenheit, mit den beiden Theologen im Verwaltungsgebäude zwanglos ins Gespräch zu kommen und die Predigt und das Interview zu kommentieren.

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