Lichtenfels
Kultur

Ein Abend mit Wilhelm Busch

Das Publikum war vom lyrischen Abend im Lichtenfelser Stadtschloss begeistert.
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Thomas Schimmel Foto: Birgit Kunig
Thomas Schimmel Foto: Birgit Kunig
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Lauer Sommer(Frühlingsabend), launiges Publikum, gelöste Stimmung: so begeistert der lyrische Abend mit Gedichten und Aphorismen von Wilhelm Busch am Sonntagabend im Stadtschloss unter der Federführung des Lichtenfelser Kulturrings mit seinem Vorsitzenden Prof. Dr. Stefan Voll. Freudig über so viel Zuspruch begrüßte er die Zuschauer, denen man die Neugier ansieht. Alte Fans des Thurnauer Schlosstheaters aber auch Neulinge, die einfach nur gespannt sind, was da auf sie zu kommt. Durch die Bank ältere Semester - schade eigentlich, jeder Jugendliche hätte angesichts Buschs provokanter satirischer Verballhornungen des Spießbürgertums seine helle Freude gehabt. Müsste es nicht besser heißen "verbuschisiert"?


Feinsinnig und kreativ

Was Wolfgang Krebs, Birgit Hächl und Thomas Schimmel abliefern, ist feinsinnige, kreative Mimik und Gestik - mehr reduziert als überschwänglich - aber vom Feinsten. Aber wenn es darauf ankommt, sitzt ihnen der Schalk im Nacken und sie laufen zur Höchstform auf. Textlich, stimmlich als auch musikalisch. Der Mann am Piano ist Thomas Schimmel. Der studierte Musiklehrer, der die Tasten virtuos beherrscht und bearbeitet, arrangiert und vertont Buschs Gedichte zu amüsanten Liedern. Als hauptamtliche Lehrkraft an der Musikschule Kulmbach für Klavier, Klarinette, Saxofon und Jazzstilistik leitet er die Big Band des Capar-Vischer-Gymnasiums und ist in diversen Bands tätig. Mit warmer Stimme und charmant fränkischer Aussprache zieht er das Publikum in seinen Bann. Die großartige Birgit Hächl, Lehrerin und Bewegungstherapeutin, rezitiert mit variantenreichem Minen- und Gesichtsspiel mal stoisch gelassen, mal frech frotzelnd mehr oder minder theatralisch, eben wie es einer Komödiantin, die auch Improtheater spielt, gebührt. Keiner fabuliert Buschs Esel, Schmetterlinge, Bienen und sonstige Tierart so reizend wie sie. Gekonnt distinguiert und sophisticated gibt sich der Kopf des Ensembles und Leiter des Theaters, Wolfgang Krebs, wenn er seine Zuschauer ins Visier nimmt. Sind es seine stechend blauen Augen oder seine intensive und elementare Aura, die einen gefangen hält? Sei's drum - er deklamiert gekonnt im Wechsel dezimiert und dezidiert und das macht wohl das gewisse Etwas aus.


Genialer Künstler

Der gelungene Auftritt ist nicht nur eine Hommage an den rastlosen Dichter und Pionier des Comics, der nie mit sich zufrieden war und dessen Maßstäbe an sich kaum zu erreichen waren. Er ist vielmehr eine Huldigung und eine Verneigung vor der Genialität des Künstlers und seiner Werke, dichterisch als auch malerisch. Max und Moritz oder der Unglücksrabe Hans Huckebein, betonen die Vortragenden, seien zwar die bekanntesten Bildergeschichten von Wilhelm Busch und wohl den meisten Menschen auch heute noch ein Begriff.
Apropos Bilder. Weil er seinen eigenen Ansprüchen nie gerecht wurde, verbrannte der Künstler einen Großteil seiner Bilder. Ein oft verkannter, verkappter Genius, der es wie kein anderer verstand, dem gemeinen Volk einen Spiegel vorzuhalten mit satirischer Zeichenkunst, Bildergeschichten und zynischen Gedichten und Aphorismen.
Gleich zu Anfang macht sich das Ensemble einen Spaß daraus, die bekanntesten Sinnsprüche Buschs vom Publikum komplettieren zu lassen. "Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr" oder "Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich."
 
Die Werke ins Moderne übertragen und ihnen aktuellem Flair zu verleihen, gelingt ihnen bestens. "Enthaltsamkeit ist ein Vergnügen an Dingen, welche wir nicht kriegen. Drum lebe mäßig, denke klug, wer nichts gebraucht, der hat genug", heißt eine seiner Lebensweisheiten, von denen man nicht genug kriegen kann. Ernsthaft kluge bis ironisch freche Sprüche "Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge." "Zwar man zeuget viele Kinder, doch man denket nichts dabei, und die Kinder werden Sünder, wenn's den Eltern einerlei."
 
Von den ins hypochondrisch lächerliche gezogenen Zahnarztbehandlungen über Seitensprung-Warnungen ("Man sieht, dass es Spektakel gibt, wenn man durcheinanderliebt") und praktisch verpoetisierte Pfannkuchen-Rezeptanleitungen bis hin zu Ausflügen in tiefsinnige Philosophie ("Wer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt keine eigenen Spuren") reicht der lustvoll verbale Schlagabtausch zwischen Thomas Schimmel und Wolfgang Krebs.
 
Eine schräge Widmung an die Liebe ist "die Eisenbahnfahrt" mit der so typischen überraschenden Wendung am Ende des Gedichtes. Gerade als sich der Jüngling nach langen Überlegungen seiner Angebeteten nähern will, wird ihr schlecht: "Doch sie - sprang schnell zum Fenster und, o Graus, vom Fahren übel spie sie lang hinaus" führt zu Lachsalven.
 
Wenn der Pianist Schimmel sich die berühmte irische Volksweise Danny Boy oder das schottische "For Auld lang syne" zu eigen macht und völlig neu interpretiert, weht immer der Hauch von Wehmut, Abschied und Schmerz mit. Getragen von dieser Melancholie sind adäquat die Verse aus Buschs Sein und Schein und könnten in die heutige Zeit nicht besser passen. Den schönsten Spruch aber hat sich das Trio für den Schluss aufgehoben: "Das Schönste aber hier auf Erden, ist: lieben und geliebt zu werden." Das Publikum bedankt sich mit langanhaltendem Applaus: "Das Lichtenfelser Publikum ist ein dankbares", verrät Schimmel.
 
Heinrich Christian Wilhelm Busch * 15. April 1832 in Wiedensahl; † 9. Januar 1908 in Mechtshausen war einer der einflussreichsten humoristischen Dichter und Zeichner Deutschlands. Seine Werke galten als.Klassiker des deutschen Humors Gesellschaftsgruppen auf, etwa die Selbstzufriedenheit und Doppelmoral des Spießbürgers oder die Frömmelei von Geistlichen und Laien.
 
 
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