Lichtenfels

Die sich lustvoll die Stimme ruinieren: Marktschreier in Lichtenfels

Umsatz, Kommerz und Unterhaltung dominierten den verkaufsoffnen Sonntag, der mit dem Fischmarkt kombiniert war.
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Nimmt Mund und Arme berufsbedingt ziemlich voll: Marktschreier Robert Malkowski. Fotos: Markus Häggberg
Nimmt Mund und Arme berufsbedingt ziemlich voll: Marktschreier Robert Malkowski. Fotos: Markus Häggberg
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Der "Schokogigant" macht jetzt nicht mehr in Wurst. Diese Zeiten sind vorbei. Doch wenn man Robert Malkowski dabei zusieht, wie er sich lustvoll die Stimme ruiniert und Süßigkeiten in die Menge wirft, dann versteht man seine Leidenschaft für seinen Job. Der verkaufsoffene Sonntag samt Fischmarkt und Marktschreiern bot Umsatz, Kommerz und Unterhaltung.

Vor allem aber bietet dieser Tag Geschichten. Die liegen bei dem 47-jährigen Malkowski selbst. "Die Tochter einer Patentante meiner Cousine ist mit Lewandowski verwandt", erklärt der Mann zu dem, was den polnischen Stürmerstar von Bayern München und ihn so verbindet. Malkowski selbst ist auch Pole, tritt resolut und lustig auf und ist ein wohnortsmäßig doch ein Hamburger Junge. Als solcher tourt er als Marktschreier von März bis November quer durch die Republik auf dem "Hamburger Fischmarkt auf Tour".

Der vermählt sich an den Sonntagen in Lichtenfels auch immer mit geöffneten Läden und einer großen Autoausstellung. Dahinter steckt vor allem auch die Aktionsgemeinschaft Treffpunkt Lichtenfels. Hinter einem der Stände findet sich auch Lars Reichelt, geschäftsführend im Autohaus Turnwald. Auch seine neuesten Modelle rollten hier am Sonntag gegen 9.30 Uhr an und rollen nach 17 Uhr wieder ab. Es löst sich jetzt ohnehin alles auf, es wird dunkel, es ist November und die Besucher gehen nun heim.

Mit Künstlernamen ausgestattet

Doch drei Tage lang sorgten sie dafür, dass Käthe Kabeljau, Aal-Hinnerk, Wurst-Herby, Käse-Heiko oder Nudel-Kiri nun am Sonntagabend restlos ausverkauft sind. So heißen die Händler. Es sind Künstlernamen, durchaus. Allerdings, das räumt Malkowski auch ein, sie stehen nicht in den Personalausweisen. Früher hat Malkowski selbst auch Fisch verkauft, heute sind es Süßigkeiten, die er laut anpreist und mitunter in die Menge wirft. Bis auf Milka, bei dieser Marke tut er nur so, als ob er sie würfe, hält dann aber zurück und foppt das Publikum. Das darf er rechtlich geschützt. Wer auf Fischmärkte geht, so erklärt Malkowski, der muss damit rechnen, angepflaumt zu werden. Beleidigungsklagen würden jedenfalls schon auf dem Amtswege unterdrückt. "Manchmal wollen Leute eine neue Brille haben, weil sie von Ware getroffen werden - aber das gibt es nicht."

Wagenburg. So könnte man beinahe die Art und Weise nennen, in der die Lkw eingangs des Marktplatzes aufgebaut stehen. Sie sind Verkaufsstände, Kühlhäuser und Bühnen. Vor einer von diesen stehen Andreas Wilhelm aus Coburg und Jelena Suchowskaya aus Moskau. Wilhelm kam eigens für die Marktschreier aus Coburg, seine Freundin hingegen nicht unbedingt ihretwegen aus Moskau. Und doch sind sie da, "zum ersten Mal, zum Gucken, was das ist", wie Wilhelm ausführt. Er mag "die Atmosphäre, wenn die sich hier beschimpfen". Das tun die Schreier mitunter laut. Brigitte aus Unterfranken hält sich lieber die Ohren zu. Ihr Lichtenfelser Lebensgefährte Gerd nicht. Sie bestaunen ein wenig das Treiben und empfinden ihre Verbindung launig als "Versöhnung von Wein- und Bierfranken". Brigitte Burkard findet es auch etwas laut. Bei Aal-Hinnerk hat die Redwitzerin eine ganze Tüte Fisch erstanden. Makrele, Forelle, Lachs. Für zehn Euro und das, obwohl es in Redwitz einen anerkannt guten Fischladen gibt. "Da kann man nicht meckern", findet die ältere Dame. Vertrauen in die Ware hat sie, die ist geräuchert. Die Lautstärke hier und das Geschimpfe über Mikrofon und Lautsprecherboxen macht ihr nichts aus, denn: "Ich habe extra mein Hörgerät daheim gelassen." Womöglich hat sie dadurch einige gute Gags verpasst. So wie den, den ein Händler aufmunternd dem Ehemann einer Frau angedeihen ließ, die links beim Konkurrenten eingekauft hat. "Du hast eine kluge Frau - die verreckt dir beizeiten." Und Wurst-Herby hat auch für Malkowski einen Seitenhieb übrig. "Wenn Sie beschissen werden wollen, müssen sie bei ihm Kekse kaufen", frotzelt er heiser ins Mikro.

Elke Bittermann hat einen Blumenladen jenseits des Unteren Tores. Zu den verkaufsoffenen Sonntagen befindet sie, dass diese im Allgemeinen wirklich "okay" seien. Aber: "Die Marktschreier haben ihr eigenen Publikum, diese Leute verströmen sich nicht hierher", befindet sie. Aber das mag für jenseits des Unteren Tores gelten, für direkt gegenüber des Marktgeschehens am Marktplatz gilt das wohl nicht. Bei Ernsting's Family ist man mit dem Tagesumsatz zufrieden, bei Juwelier Schwahn stehen sämtliche Servicekräfte für Kunden parat.

Zufrieden sind auch die Händler. Vor manchen Lkw türmen sich die leeren Kartons zu Bergen auf. Noch am späten Abend werden sie losfahren, Hunderte Kilometer weit. Man macht das gemeinsam, so wie man gemeinsam in einem Hotel absteigt. Doch der Ehrenkodex geht laut Malkowski noch weiter. "Wenn einer mit seinem Lkw wegen einer Panne stehen bleibt, bleiben alle stehen und helfen. Auch wenn man sich vorher gestritten hat."

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