Lichtenfels

Die Geschichte der knapp 100-jährigen Gärtnerin in Lichtenfels

Irene Bretschneider hat in Lichtenfels ein blühendes Paradies geschaffen - und das mit knapp 100 Jahren.
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Irene Bretschneider gleich zweimal im Abstand von 95 Jahren Fotos: Markus Häggberg
Irene Bretschneider gleich zweimal im Abstand von 95 Jahren Fotos: Markus Häggberg
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"Ich meine, jetzt ist die Zeit gekommen, dass man darüber redet", sagt Irene Bretschneider. Dabei blickt sie ihren Neffen an. Der ist 66 und rührt im Kaffee. So ganz recht ist ihm offenkundig nicht, was seine Tante da anspricht. Zumindest hat es ganz den Anschein. Es geht um ein Legat. Gewissermaßen.

Irene Bretschneider betrachtet ihren Garten. Sie sitzt an einem Tisch und bekommt einen Espresso. Was vor ihr liegt, wird irgendwann auch vor ihrem Neffen Thomas Kandler liegen. Arbeit. Nur soll es eben weniger Arbeit werden, wenn es nach Tante Irene geht. "So täglich drei, vier Stunden - manchmal auch fünf", wie sie sagt, möchte sie ihrem Neffen an Gartenarbeit nicht zumuten. Der Garten, von dem die Rede ist, hat eine lange Geschichte und viele Bewunderer. Immer wieder, über den Zaun hinweg, wird die alte Dame auf ihn und seine Schönheit angesprochen. Man kennt sie und wundert sich über sie.

Im Fotografengässchen

Irene Bretschneider ist eine zierliche Person vorgerückten Alters, aber sie geht selbst einkaufen, geht selbst zum Marktplatz, trägt ihre Tüten und Taschen. Und wenn sie diese Dinge erledigt hat, kümmert sie sich noch um den Garten an der Adresse Kapellenweg 4. Der Kapellenweg wird im Volksmund auch Fotografengässchen genannt und wer hier durchgeht, der kommt irgendwann an den silberfarbenen alten Metallzaun samt seinem Türchen.

Dahinter verlaufen Wege durch Anpflanzungen und dahinter bilden zwei Birken eine Art Schulterschluss und geben vor, ein Torbogen zu sein, unter dem man durchgehen kann. 30 Meter von hier lärmt eine Hauptstraße, doch an diesem Ort blendet sich das aus. Links ist ein Atelier, ein Fotostudio von vor der Jahrhundertwende, rechts ist eine Steinbank und dazwischen Wege und Anpflanzungen und Rosen, immer wieder Rosen. Das Üppige wirkt sortiert, hier hat jemand architektonisch Hand angelegt.

Von wegen. Wer glaubt, Irene Bretschneider darüber ins Gespräch locken zu können, dass er sie Betrachtungen dazu anstellen lässt, ob sie nicht vielleicht all die Jahre Landschaftsgestalterin oder gar Gartenarchitektin gewesen sei, der hat sich geschnitten. Die Dame, die eigentlich aus Hamburg stammt, ist auf eine sehr nette Art ziemlich nüchtern und wiegelt so etwas kurz und bündig ab. Erst recht, wenn man es übertreibt und ihr unterstellt, durch die viele Arbeit im Garten dem Leben oder seinen Geheimnissen um Werden und Vergehen auf die Spur gekommen zu sein, eine Stufe der Erleuchtung erklommen zu haben.

Ihr also, weil sie sagte, bei der Gartenarbeit bei sich zu sein und nicht an Überflüssiges zu denken, unterstellt, womöglich landschaftgestaltende, gartenarchitektonische Buddhistin zu sein. "Das kann ich nicht verstehen...das ist zu hoch gegriffen", sagt sie mit einem Lächeln, das auf dem Weg zum Lachen ist, und in diesem Lachen scheint eine milde Verwunderung darüber zu liegen, dass man überhaupt in solche Richtung denken kann. Blüten treibt es bei einer anderen Überlegung: Was kann man von der Natur lernen? Die Antwort: "Machen Sie mal einen Vorschlag!" Bei der Frage, ob sie nicht wenigstens glaubt, mit dem Garten schöpferisch gewesen zu sein, bleibt sie bescheiden und stellt klar, dass sein Grundriss ja schon von ihrer Schwester angelegt worden ist. "Sie sind sehr nüchtern!", bekommt sie an dieser Stelle zu hören und in einem für kurze Momente aufklingenden hamburgischen Tonfall gibt sie zurück: "Ist das so?"

Pflichtbewusstsein und Pflanzen

Seit sie nicht mehr gut schläft, steht sie häufig schon um 5.30 Uhr auf. Dann kommt es vom ersten Stock aus zur Betrachtung. "Wenn ich die Gardine aufziehe, stehe ich da und gucke." Klar, dass das Bewässern dann auch bald darauf stattzufinden hat. Pflichtbewusstsein gegenüber den Pflanzen? "Ja, das kann sein", räumt Irene Bretschneider ein und lächelt nun nicht. "Bis ich mit dem Gartenbewässern fertig bin, dauert es eine Stunde", so die rüstige Seniorin, die diese Pflicht per Schlauch erfüllt.

Und als sie auf die Hitze der beiden vergangenen Sommer zu sprechen kommt, hält sie fest, dass sich "der Wasserverbrauch in diesem Jahr verdreifacht hat". Konfrontiert mit der Nachricht, wonach die Anzahl der Vögel und Insekten rückläufig sei, stimmt die Seniorin dem zu. "Stimmt, aber feste! Es gibt auch weniger Schmetterlinge."

Seit 1992 ist Irene Bretschneider allein für den Garten verantwortlich, da hat ihr "keiner reingeredet". Als ihre Schwester starb, nahm sie sich des Gartens an und es gab hie und da Veränderungen. Sie könne sich besser dazu festlegen, was Form behalten soll, sagt sie.

In Hamburg hatte die dreifache Mutter auch einen Garten, insofern war ihr das nicht neu. Sie wurde wieder in dem ihr von Kindheit an bekannten Haus ansässig, in dessen Nebentrakt, welcher vor Urzeiten ein Fotoatelier war, die Fotografie der vierjährigen Irene Bretschneider hängt. Angekommen ließ sie sich auf diesen Garten ein. "Es ist die Freude an der Arbeit und am Gestalten", sagt sie über ihren seit 27 Jahren auch bei voranschreitendem Alter andauernden Antrieb, Hecken zu stutzen, zu gießen, zu harken und zu was noch allem. Ansonsten nimmt die ältere Dame das Wort Freude selten in Gebrauch. Sie neigt überhaupt nur selten zu rhetorisch Überschwänglichem.

Ob sie mit Pflanzen spricht? "Ja, aber das kommt sehr, sehr selten vor." Sie hat dem Kapellenweg gut getan. Der Garten ihr aber auch. "Auf jeden Fall, bis auf die Gelenke, die haben schon gelitten. Aber die Bewegung und die viele frische Luft, waren gut für mich", befindet sie.

Aber jetzt gibt es etwas ernstlich zu besprechen, der Mensch lebt ja nicht ewig und dann soll ihr Neffe wenigstens wissen, wo der Garten überall ein bisschen kleiner gemacht und zurückgefahren werden kann, wo Büsche und Pflanzen nicht mehr sein müssten. Irgendwann wird der Garten seinen jetzigen Charme verlieren und so wird Irene Bretschneider darauf angesprochen, ob sie das nicht bedauert. "Ich sehe es dann ja nicht (mehr)", kontert sie mit einer Mischung aus Abgeklärtheit angeschwärztem Humor. Ihr Werk wird seine Form also definitiv so nicht behalten und auch die beiden Birken, die den Torbogen bilden, seien nicht ganz gesund.

Und sie selbst? "Wenn ich mich 2020 so fühle wie heute, dann werde ich weitermachen", erklärt sie schmunzelnd. Das aber, so die freundlich-nüchterne Hamburgerin, ist ja wirklich nicht gewiss. Im Januar wird sie 100.

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