LKR Lichtenfels
Flechthandwerk

Der Schüler, der selten da war

Till Ihrig absolvierte seine Ausbildung in einem Hamburger Handwerksbetrieb und kam nur zum Blockunterricht nach Lichtenfels an die Berufsfachschule.
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Till IhrigJulian Wille
Till IhrigJulian Wille
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Die duale Ausbildung hat im Flechthandwerk Seltenheitswert. In Deutschland besucht der Nachwuchs fast ausschließlich die Staatliche Berufsfachschule in Lichtenfels. Fast. In diesem Jahr gab es nach Jahren mal wieder eine Ausnahme: Till Ihrig, ein junger Mann aus Hamburg, hatte die Lehrzeit bei einem dortigen Betrieb absolviert und kam nur zum Blockunterricht an den Obermain. Hier legte er vor einem Prüfungsausschuss schließlich die Abschlussprüfung ab. Da er umgehend wieder nach Norddeutschland abgereist war, fehlte er bei der Präsentation der Gesellenstücke zum Schuljahresende. Wir hatten Gelegenheit, per E-Mail dieses Interview mit ihm zu führen.

Wie sind Sie eigentlich zum Flechten gekommen?

Till Ihrig: 2012 habe ich an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg ein Studium im Fach Produktdesign begonnen. Kunst und Gestaltung war in der Schule und außerhalb immer ein Schwerpunkt für mich. Rückblickend würde ich aber sagen, dass ich ziemlich unvorbereitet und zu schnell nach der Schule ins Studium gestartet bin. Ich hätte mehr ergründen sollen, was ich eigentlich will: zeichnen, bauen, Handwerk, Technik, gestalten...?

Während der Semesterferien habe ich angefangen, bei der Firma Flechtwerk Lange und Kobylinski in Hamburg zu jobben, ein Betrieb, der auf das Flechten von Zäunen und Flächengestaltung im Innen- und Außenbereich spezialisiert ist. Imponiert hat mir schon der ehrliche Umgang mit der Auswahl der Materialien. Die Weiden werden in der Haseldorfer Marsch selbst angebaut, verwendete Hölzer wie Rubinie oder Eiche für Rahmen und Konstruktionen kommen von langjährigen Partnern. Im Falle einer Oberflächenbehandlung wird sich Gedanken über Auswirkungen auf die Umwelt gemacht. Der Umgang und der praktische Ansatz haben mir sehr gefallen, was nach zwei weiteren Semestern dazu geführt hat, dass ich in dieser Firma die Ausbildung zum Flechtwerkgestalter begonnen habe.

Sie haben ihr Studium dann gar nicht mehr fortgesetzt?

Nein, bis jetzt nicht. Aktuell arbeite ich weiter hier in der Firma.

Warum haben Sie sich für die duale Variante der Ausbildung entschieden?

Wie schon geschildert, war meine Entscheidung, die Ausbildung zu beginnen, sehr mit dem Betrieb verknüpft. Zu diesem Zeitpunkt war mir die Berufsfachschule in Lichtenfels ein Begriff, ob ich dort tatsächlich hingehen würde, stand aber nicht fest.

Hat der Blockunterricht in Lichtenfels dann Ihre Erwartungen erfüllt?

Für einen Blockschüler ein eigenes Unterrichtsprogramm auf die Beine zu stellen, ist natürlich ein ganz schöner Aufwand. Im Prinzip habe ich mich zweimal im Jahr für jeweils vier bis fünf Wochen in den laufenden Schulbetrieb gesetzt. In einigen Fächern lief das besser, in anderen schlechter. In den praktischen Fächern lief es sehr gut. Dadurch, dass alle unterschiedliche Tempi haben, macht irgendwann jeder andere Sachen. Die eine ist beim zweiten Hocker, die andere schon beim Sessel. Dass ich in der Zeit fehlende Inhalte vermittelt bekommen habe, war eigentlich kein Problem. Schwieriger war das Vorbereiten auf schriftliche Prüfungen, weil ich meistens nur das Skript hatte und am Unterricht nicht teilgenommen habe. In zwei oder drei Wochen musste ich dann die Inhalte der letzten Jahre nach holen.

Gab es weitere Schwierigkeiten?

Wo und wie ich geprüft werden würde, vor welchem Prüfungsausschuss und welcher Handwerkskammer, ob in Hamburg oder in Bayern, war bis ins letzte Ausbildungsjahr trotz mehrmaligen Nachfragens bei unterschiedlichen Beteiligten nicht klar. Das fand ich schon sehr schlecht kommuniziert, und ich als Azubi habe mich da oft nicht ernst genommen gefühlt. Unabhängig davon waren die Schulblöcke sehr wichtig und lehrreich.

Hatten Sie Unterstützung in Sachen Unterkunftssuche für die Wochen des Blockunterrichts?

Für die Unterkunft in dieser Zeit gab es eigentlich immer eine Lösung. Manchmal habe ich in Bamberg bei Bekannten wohnen können. In Lichtenfels gab es die Möglichkeit, im Schülerwohnheim unterzukommen.

Berufsfachschule oder Lehrbetrieb - welche Vor- und Nachteile sehen Sie?

Wenn man sich in einem Betrieb auf etwas spezialisiert, bedeutet das zwangsläufig auch, dass andere Sachen auf der Strecke bleiben. Wenn in einer Tischlerei hauptsächlich Fenster gebaut werden, bereiten Möbelstücke oder Schubfächer dann eher Probleme. An der Stelle springen Innung und Berufsschule ein und gleichen diese Defizite aus. Die wichtigsten Flecht-Techniken von jemanden zu lernen, der das seit Jahren macht, ist super. Das außerschulisch nachzuholen wäre sehr viel zeitaufwendiger.

Aber ich würde ich jedem empfehlen, der vorher noch nicht im Handwerk gearbeitet hat, zumindest einen Teil der Ausbildung in Form eines Praktikums in einem Betrieb zu absolvieren. Durch das Übernehmen von Verantwortung in einem Betrieb werden universelle Fähigkeiten wie zum Beispiel das selbstständige Finden von Lösungen und die Kommunikation mit fachfremden Gewerken gestärkt.

Wie war der Kontakt zu den anderen Schülern?

Es haben sich neue Freundschaften ergeben, die ich nicht missen möchte. Mit einer Mitschülerin bin ich letzten Sommer per Anhalter bis ans östlichste Ende Europas, das Donau-Delta am schwarzen Meer, gereist. Das war eine super Erfahrung, die meinen Umgang mit spontan auftauchenden Problemen auf jeden Fall positiv verändert hat. Die Definition eines Schlafplatzes ist dadurch für mich auch schwammiger geworden... Ich hoffe, dass der Kontakt bestehen bleibt und vielleicht das ein oder andere Projekt gemeinsam gestaltet wird.

Wie geht es beruflich für Sie weiter?

Langfristig möchte ich mich auf die Gestaltung konzentrieren, ob in Form einer Selbstständigkeit oder eines Studiums kann ich noch nicht sagen. Definitiv hat sich die authentische Verwendung von Materialien in meinem Kopf verankert, ob aus Gesichtspunkten der Ästhetik oder der Nachhaltigkeit. Ich kann mir gut vorstellen, mich als Architekt weiter mit diesen Punkten zu beschäftigen.

Hintergrund: Die Staatliche Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung in Lichtenfels ist die zentrale Ausbildungsstätte für Flechtwerkgestalter in ganz Deutschland. Der Abschluss dort ist dem Gesellenbrief gleichzusetzen. Die Möglichkeit einer dualen Ausbildung in einem Handwerksbetrieb besteht nach wie vor. 2019 hat das Handwerk allerdings nur einen einzigen Flechtwerkgestalter ausgebildet, mit dem dieses Interview geführt wurde. Grund dafür ist, dass es industrielle Arbeitsplätze in dieser Branche hierzulande kaum noch gibt, stattdessen mehr einzelne Korbflechter und Gestalter, die sich selbstständig gemacht haben, aber nicht die Verantwortung einer Ausbildung übernehmen können oder wollen. An der 115 Jahre alten Fachschule in Lichtenfels erwerben im Schnitt sieben bis acht Absolventen jährlich den Abschluss. Die Altersstruktur reicht von jungen Leuten bis zu gesetzteren Semestern. Schulleiter ist Hans-Jürgen Lichy, gleichzeitig Chef der übergeordneten Staatlichen Berufsschule in Lichtenfels, der mehrere Berufsfachschulen angegliedert sind.

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