Lichtenfels
Jubiläum

Der rote Faden der Partei

Der SPD-Ortsverband feierte am Samstagabend 100-jähriges Bestehen im Stadtschloss. Neben Kabarett und einer kämpferischen Rede des Vorsitzenden der Jusos, Kevin Kühnert, lag auch die Parteichronik aus.
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"Ortsvereinsgründungsmitglied Otto-Karl Müller" (gespielt von Frank Ziegler) versuchte sich im Austeilen. Foto: Markus Häggberg
"Ortsvereinsgründungsmitglied Otto-Karl Müller" (gespielt von Frank Ziegler) versuchte sich im Austeilen. Foto: Markus Häggberg
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Lichtenfels - 1918 - 2018. Das sagt schon alles. Der SPD-Ortsverein feierte am Samstagabend stolz seinen runden Geburtstag im Stadtschloss.

Es gab Zeiten, da hat sich einem nicht erschlossen, was Mitglieder einer Partei anderer Couleur bei einer fremden Parteifeier zu suchen haben. In Lichtenfels und in neueren Zeiten ist das anders. Bedingt. Und so saßen auch sie da, die heimischen Vertreter der Freien Wähler, von Bündnis 90/Die Grünen oder der WLJ.

Roter Faden und Nelken

Sie saßen an den in Richtung Bühne ausgerichteten Tischen, auf denen gemäß dem Tagesmotto vom "roten Faden" ein roter dekorativer Streifen verlief, hie und da von einem Väschen mit roten Nelken besetzt. Die ewige Blume der SPD, ein Ankerpünktchen ins Kämpferische hinein. So wie die rote Fahne der Jusos, an der Bühnenseite drapiert und mit dem Motiv einer aus entschlossener Faust blühenden Nelke. Reminiszenzen an eine eben kämpferischere Parteivergangenheit, als man noch Arbeit und Brot und soziale Gerechtigkeit forderte.

Am Samstag kündeten zwei Bühnenplakate von sich verändert habender Zeit. Sie forderten auf dem einen eine "offene und freie Gesellschaft" und schienen die aktuellen Problematiken wie Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit oder Rentenproblematik irgendwie unter "Gerechtigkeit und Respekt" unterzubringen. Auch irgendwie ein Kommentar zum Orientierungszustand der Partei. Eben das macht eine Feier samt Rückbesinnung auch notwendig. Oder wie grüßte der Lichtenfelser SPD-Ortsvorsitzende Markus Püls die 150 Gäste: "Ihr Erscheinen ist Balsam für meine in vergangenen Wochen geschundene Seele."

Dass Politik im Lokalen anders läuft, ohne verhärtete Fronten oder Fraktionszwänge beispielsweise, daran erinnerte auch der SPD-Kreisvorsitzende Sebastian Müller. Und dabei fielen einem wieder Gäste wie Stefan Hofmann und Winfried Weinbeer (FW) oder Mathias Söllner und Bernhard Christoph (Bündnis 90/Die Grünen) ein. Aber genau sie machten auch auffällig, dass die CSU nicht sonderlich gratulierend vertreten war. Bedingt neuere Zeiten eben.

Das Festprogramm bot vier Punkte, einen davon gestaltete Bezirksheimatpfleger Günter Dippold. In seinem Vortrag ging er anschaulich auf allerlei Nährboden der Parteienlandschaften vor und nach dem Ersten Weltkrieg ein, umriss kurz aber prägnant Zeiten und Verhältnisse, die zur Gründung der SPD - auch in Lichtenfels - führten.

Und dann war da noch die Sache mit einer 50-jährigen geglückten Verspätung. Als solche kann man bezeichnen, was in roter Farbe, unter dem Titel "Der rote Faden" und auf 138 Seiten gedruckt wurde. Schon vor 50 Jahren sei eine Chronik erwogen worden, daraus wurde nichts und so gründete sich um Martin Dollak ein achtköpfiges Redaktionsteam, den Weg von der Gründung des Ortsvereins bis zum Verbot 1933 nachzeichnend, die Dekaden seitdem beleuchtend und Menschen und Werke zutage fördernd, die schon vergessen waren.

Der Ur-Sozi

Auch Kabarett gab es. Da war Frank Ziegler, der in die Rolle eines Ur-Sozi und Ortsvereinsgründungsmitglieds schlüpfte. Ein Mann mit Mütze und zu kurzen Hosenbeinen. Doch was er so aus seinem auf der Bühne stehenden Sessel und vor spießigem Nierentisch sagte, war eher brav und bemüht zu nennen. Charismatisch war an diesem Abend jemand, der hemdsärmlich wirkte und zugespitzt zu reden verstand. Einer, der fesseln konnte und dabei ohne Gestik auskam: Kevin Kühnert (29), Bundesvorsitzender der Jusos, einer, dem es zu stinken scheint, dass die SPD so wenig kämpferisch wirkt und Lösungen "im Harmonischen" sucht. Ob ihm bewusst war, dass vier Meter vor ihm mit Andreas Hügerich ein Bürgermeister saß, zu dessen Beschwörungsformeln das Wort "Gemeinsam" zählt?

Kühnert sparte nicht mit Kritik an der eigenen Partei, sah in Schröders Ära den Bruch mit den Wurzeln und forderte die Rückkehr zu grundsätzlichen Kernthemen, und dass "jeder nachts um 3 Uhr aufstehen und dann sagen können muss, wofür die SPD steht". Das wirkte auch wie eine kleine Hausaufgabe, die schon an der Basis vor Ort zu verteilen war. Er wolle, "dass auf politischen Parteitagen wieder gestritten wird". Und er warnte: "Wer glaubt, man müsse die alte Tante SPD nur abwickeln und dann würde was Hippes vom Himmel fallen, der irrt gewaltig. Entweder wir machen unseren Job, oder niemand wird ihn machen."

Irgendwie war dieser Auftritt feierlich. Da war er wieder, der rote Faden und der Balsam für geschundene SPD-Seelen.

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