Lichtenfels
Textilstudio Hemmer

Das Textilstudio in Lichtenfels schließt - eine Institution löst sich auf

Generationen wurden in dem Lichtenfelser Geschäft am Stadtgraben eingekleidet, die maßgefertigten Gardinen zierten sogar Wohnräume in Berlin. Jetzt planen Maria Hemmer und Barbara Herold ihren Rückzug.
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Die beiden Schwestern haben das Fachgeschäft am Stadtgraben über viele Jahrzehnte gemeinsam geführt: Maria Hemmer (links) ist gelernte Schneiderin, Barbara Herold kümmerte sich vor allem um den kaufmännischen Bereich. Foto: Ramona Popp
Die beiden Schwestern haben das Fachgeschäft am Stadtgraben über viele Jahrzehnte gemeinsam geführt: Maria Hemmer (links) ist gelernte Schneiderin, Barbara Herold kümmerte sich vor allem um den kaufmännischen Bereich. Foto: Ramona Popp
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Gejammert wird hier nicht. Die bevorstehende Geschäftsaufgabe ist ein Schritt, den sich Maria Hemmer und Barbara Herold wohl überlegt haben. Das Gebäude steht seit einigen Monaten zum Verkauf, es gibt Interessenten, wie zu erfahren ist, aber niemanden, der das Textilstudio weiterführen möchte.

Dabei ist es in vielerlei Hinsicht eine Rarität: Es bietet Mode und Accessoires, Stoffe zum Selbernähen und Heimtextilien, die auf Kundenwunsch angefertigt werden. Was an Kleidung nicht passt, wird passend gemacht. Kaum ein Lichtenfelser, der nicht hier schon einmal anprobiert hat; auch die Korbstadtköniginnen suchten sich hier ihre Dirndln aus. Das Geschäft ist eine Institution in Lichtenfels, und die beiden Schwestern, die es führen, strahlen das aus, was man heutzutage im Einzelhandel nicht mehr so oft findet: Zufriedenheit.


"Wenn wir das Alter nicht hätten, hätten wir weitergemacht", sagt Maria Hemmer, als müsste sie sich entschuldigen, dass sie mit 79 Jahren an so etwas wie Ruhestand denkt. Ihre Schwester ist ein Jahr älter. Nicht erst einmal haben sie, wie sie gestehen, noch eine Saison drangehängt an ihre Entscheidung, den Laden aufzugeben. Dieses Mal aber, um die Jahreswende, soll definitiv Schluss sein. Obwohl ihnen das nicht leicht falle. Und dann erzählen sie von der tüchtigen Verkäuferin Rosi, die seit 32 Jahren bei ihnen beschäftigt ist und sich dann eine neue Arbeit wird suchen müssen.

Und von den Anfängen in nur einem Raum im Elternhaus in der Langheimer Straße, wo vor dem Krieg der Vater als Schneider tätig war. 1955 startete Maria Hemmer in die Selbstständigkeit, damals noch unterstützt von der Mutter. Von Anfang an sei der Laden gut angenommen worden, es habe nicht viele Bekleidungsgeschäfte gegeben und es sei viel genäht worden in jener Zeit, manchmal hätten die Leute Schlange gestanden. Das war der Grund für den Umzug in größere Räume, zunächst in die Adolph-Kolping-Straße, dann in das heutige Gebäude am Stadtgraben.

Mit Unterstützung eines Architekten wurden in das einstige Polstermöbelwerk der Firma Fleschutz Schaufenster eingebaut, Laden und Nähstuben eingerichtet. Barbara Herold, die nach einer kaufmännischen Lehre erst im Schulamt beschäftigt war, wechselte Anfang der 70er Jahre in das Textilgeschäft. Seither trugen die beiden Schwestern gemeinsam Verantwortung für einmal bis zu 15 Mitarbeiter. Etliche junge Leute absolvierten da eine kaufmännische Ausbildung, manche hätten sich anschließend selbstständig gemacht, erzählen die zwei Geschäftsfrauen mit einem gewissen Stolz.

Sie können sich auch gemeinsam an den Erinnerungen freuen, die sie mit ihrem langen Arbeitsleben verbinden. In ihren Schilderungen spürt man keine Müdigkeit, sondern immer noch viel Elan. Sie hätten auch viele auswärtige Kunden gehabt und Gardinen sogar nach Berlin schicken müssen, die Urlauber geordert hatten. Auch eine Frau aus Garmisch habe Besuche bei ihrer hiesigen Verwandtschaft regelmäßig zu Einkäufen genutzt. Wenn Mode für die nächste Saison zu bestellen war, waren sich die Schwestern nicht immer einig. "Weil wir grundverschieden sind, vom Charakter und vom Geschmack her", erklärt Hemmer. Aber davon hätten die Kunden letztlich profitiert, merkt Herold an.

Geduld, Geduld

Kunden: Das waren Frauen, Männer, Kinder. Viele nette Leute, die dazu beigetragen haben, dass die Arbeit Spaß gemacht hat. Selbst vom Umgang mit schwierigeren Charakteren oder gar mit Ladendieben erzählen die beiden Frauen im Rückblick entspannt. Geduld sei das Wichtigste im Verkauf und bei der Beratung. Noch immer liegt ihnen dies am Herzen, auch der Abverkauf der Ware wird nicht lieblos abgewickelt.

Die Preise sind kräftig reduziert, Leute, die sich umschauen wollen, sind gern gesehen. "Es ist schon viel weg, die Regale waren ja voll bis obenhin", sagt Maria Hemmer. Ja, wenn sich einer fände, der was vom Nähen versteht, wäre dieses Geschäft immer noch rentabel, meint sie. Von Lichtenfels haben die zwei eine positive Meinung, nur nicht von der Eigenheit mancher Einwohner, ihre Stadt schlechtzureden. Es gäbe hier noch so viele Möglichkeiten... Gejammert wird also nicht. Höchstens von Seiten der treuen Kundschaft, denn die ahnt schon den Verlust. "Was machen wir denn, wenn Sie aufhören? - Diese Frage habe ich schon zigmal gehört", berichtet Barbara Herold. Und darauf hat sie dann keine rechte Antwort.
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