Bad Staffelstein
Geschichte

Das Schloss auf der Kiesbank

Freifrau Benedicta von Dungern erinnert sich an ihre Kindheit in Schloss Oberau. Damals war das Leben ihrer Familie in Schloss und Gutshof vom Kiesabbau geprägt. Eines der größten Kieswerke Europas war dort in Betrieb. Das Schloss konnte nur mit knapper Not erhalten werden.
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1957, als dieses Bild entstand, war das Gut Oberau noch von Wiesen und Feldern umgeben.  1961 wurde mit der Kiesgewinnung begonnen. Heute ist das Schloss von einer Seenlandschaft umgeben.Archiv v. Dungern
1957, als dieses Bild entstand, war das Gut Oberau noch von Wiesen und Feldern umgeben. 1961 wurde mit der Kiesgewinnung begonnen. Heute ist das Schloss von einer Seenlandschaft umgeben.Archiv v. Dungern
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Landwirte schauen nicht auf eine Wetter-App. Sie haben tagsüber immer etwas an der frischen Luft zu tun - egal, wie das Wetter ist. "Kommen Sie, wenn's dunkel ist", sagt Benedicta von Dungern, als wir uns mit ihr verabreden. Über den Kiesabbau in den 1960er-Jahren wollen wir mit ihr sprechen, der die Landschaft rund um das klassizistische Schlösschen und den Gutshof Oberau völlig verändert hat. Eine Reportage zur Zeitgeschichte soll daraus werden für das neue Buch der Kulturinitiative Staffelstein (KIS).

Sesshaft wurde die Familie von Dungern in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Oberau. Friedrich von Dungern (1839-1912), ein Ingenieur, der am Bau der Ludwig-Süd-Nord-Bahn mitwirkte, schaffte es, aus dem Gut einen arrondierten Betrieb zu machen, sagt Benedicta von Dungern. Ihr Urgroßvater Otto (1873-1969) war Soldat in Potsdam und persönlicher Adjutant des Kronprinzen. "Er kam zum Ausruhen nach Oberau, zu seiner Zeit fand hier noch keine Landwirtschaft statt", fährt sie fort. Er ließ aber wohl schon Militärpferde (Remonten) auf den Wiesen rund ums Schloss weiden.

Leute stocherten in Wiesen herum

Großvater Bernd (1898-1977) hatte nach dem Ersten Weltkrieg in Oberau so richtig mit der Landwirtschaft begonnen - vor allem mit dem Getreide- und Gemüseanbau. Ihr Vater Klaus (1925-2009) übernahm den Betrieb 1957 von Urgroßvater Otto. Schon zu dieser Zeit tat sich Merkwürdiges rund um Oberau: "Papi erzählte öfters, dass Leute auf seinem Land herumstochern." Er habe sie angesprochen und erfahren, dass sie sondieren, ob unter der Grasnarbe Kies zu finden ist.

Ursprünglich lag das Gut Oberau der Familie von Dungern inmitten der Wiesen, Felder und Auwälder des Maintales. Der Umbruch kam Anfang der 1960er-Jahre. Der Unternehmer Fritz Weber erweiterte 1961 sein "Miltenberger Industriewerk" und gründete das Kieswerk Staffelstein. Die Flächen kaufte Weber dem Baron von Dungern ab. Auf 95 Hektar wurde fortan Kies abgebaut. Nur mit knapper Not konnte die Familie von Dungern das Schloss und die Nebengebäude retten, denn diese stehen auf einer besonders dicken Kiesbank.

In der Erzählung Benedicta von Dungerns hört sich das so an: "Eine Corona von Autos fuhr vor. Ein Herr Weber kam zu meinem Vater und sagte: Ich muss Sie dringend sprechen, Herr Baron! Das kam meinem Vater gar nicht gelegen, denn sie waren gerade mitten in der Zuckerrübenernte."

Der Enteignung zuvorgekommen

Der Bau der Autobahn Würzburg-Nürnberg stand bevor, und dafür wurde Kies gebraucht, viel Kies. "Die Kontrakte waren schon vorbereitet, mein Vater hatte gar keine andere Wahl, wenn er einem Enteignungsverfahren entgehen wollte", sagt Benedicta von Dungern, "es ging alles sehr schnell."

Notgedrungen einigte er sich mit dem Kiesunternehmer. Sie kamen überein, die Hauptkiesbänke unter dem Schloss unangetastet zu lassen. Und: "Papi hat sich sehr geschickt den Rückkauf der Flächen gesichert." Doch Klaus von Dungern war mit Leib und Seele Landwirt - und wollte es auch bleiben. 1961 kaufte er einen landwirtschaftlichen Betrieb in Frankreich, Chérence im Vexin Français. Baron Klaus (1925-2009) zog nach Frankreich.

Benedicta (geboren 1963) wuchs zusammen mit ihren Brüdern Clemens (geb. 1965), Sebastian (geb. 1967) und Hubertus (geb. 1971) in Frankreich auf, wo ihre Eltern, Klaus und Donata von Dungern (geb. von Lewinski, 1935-2015), den Gutshof bewirtschafteten. Nur in den Sommerferien kamen die Kinder nach Oberau zu den Großeltern. Weil es damals nur wenige Autobahnen gab, dauerte die Fahrt von Chérence an den Main rund 14 Stunden.

"Es wurde sehr schnell gebaut"

Das riesige Kieswerk erstreckte sich in den 1960ern rund um Schloss Oberau. "Es wurde sehr schnell gebaut", sagt Benedicta von Dungern. Ihr Bruder Hubertus ergänzt: "Der Kies wurde für den Autobahnbau gebraucht - man sagt: zwischen Würzburg und Nürnberg ist alles aus Oberauer Kies."

In einem Nebengebäude des Schlosses befand sich das Büro des Kieswerks. "Um Oberau herum muss ständig eine Staubwolke gewesen sein", erinnert sich Benedicta von Dungern. Für ihre Großeltern war dies "mit Sicherheit keine schöne Zeit". Die Kinder sahen das freilich anders. Für sie war die Kraterlandschaft, die durch den Kiesabbau entstanden war, ein riesiger Abenteuerspielplatz. "Wir nutzten jede Gelegenheit, um auszubüxen", sagt Benedicta. Die großen Muldenkipper-Lastwagen, die Kieshalden, riesige Sandhaufen und die Fördertürme beeindruckten die Kinder sehr. Sobald der Betrieb abends ruhte, begannen sie ihre Streifzüge. "Wir sind mit den Fahrrädern auf den Förderbändern gefahren" - obwohl das natürlich verboten war.

Endlos lange Güterzüge

Vom Staffelsteiner Bahnhof zweigte damals eine Bahntrasse ab, die zum Kieswerk führte. "Der Kies wurde sehr schnell gebraucht, musste schnell abtransportiert werden", erinnert sich die Baronesse. Zunächst geschah dies vor allem mit scheinbar endlosen Güterzügen, später verstärkt mit Lastwagen.

Nachdem die Kiesbänke ausgebeutet waren, verschwanden die Maschinen und Förderanlagen allmählich wieder. Als ihr Großvater Bernd 1977 starb, hatte ihr Vater Klaus das Gut Oberau bereits übernommen, aber es fehlte in Oberau jemand von der Familie. Baron Klaus setzte nacheinander mehrere Verwalter ein. "Sukzessive kaufte mein Vater die Flächen zurück", erzählt sie.

Eine Mondlandschaft renaturiert

Doch rund ums Schloss sah es trostlos aus. "Renaturierung kann man das nicht nennen", es galt, die Mondlandschaften zu beseitigen und etwas aus den "großen Pfützen" zu machen, wie sie die Seen nennt. Der Westsee hat 28 Hektar Wasseroberfläche, der Mittelsee 23 - ohne den angeschlossenen Riedsee, der später unter der Regie der Stadt Staffelstein entstanden ist.

"Wir wollten Oberau nach und nach zu einem Freizeitort machen", erinnert sich die Freifrau. Erst kamen die Camper und Segler, dann die Tagesgäste. "Ein Verwalter konnte diese Umgestaltung aber nicht schultern, das musste ein Familienmitglied in die Hand nehmen was unser Großvater Bernd so mutig begann."

Also zog Benedicta von Dungern 1988/89 aus Frankreich nach Franken. In Oberau wollte sie jedoch nicht für immer bleiben, sie hatte andere Pläne, wollte Veterinärmedizin studieren. "Aus der Übergangslösung wurde eine Dauerlösung", resümiert sie. 1994 begann sie damit, das 1872 erbaute Schloss zu sanieren: "Leerstand ist für solche Häuser Gift." 1976 wurde das Dach des nicht unter Denkmalschutz stehenden Herrenhauses neu gedeckt. Es folgten der Einbau von Wasserleitungen und Heizung, neuen Doppelfenstern und vielem anderen. Ein großes Projekt für den so kleinen Betrieb.

Schloss wurde zu einem Juwel

"Das Haus hat viel Ausstrahlung, es ist ein Juwel geworden", beschreibt sie das Schloss, das mit Möbeln und Bildern der Familie von Dungern ausgestaltet ist. Fünf Zimmer und einige Ferienwohnungen bietet Benedicta von Dungern für Urlaubsgäste an - und natürlich die Festsäle. Das Schloss in dem großen, naturbelassenen Park kann für Familienfeiern gemietet werden.

"Die letzte Fläche kaufte ich Mitte der 90er-Jahre zurück", fährt sie fort, so dass nun die kompletten Grundstücke des Gutes Oberau wieder in Familienbesitz sind. Weil diese Grundstücke zu jener Zeit weder Wald noch Wiese gewesen sind, waren sie als "Unland" gewidmet.

In der Tat: Wären im weiteren Umfeld des Schlosses heute nicht noch einige wenige Relikte der Kiesindustrie, käme kaum einer auf die Idee, dass sich hier einmal eines der größten Kieswerke Europas befunden hat. Irgendwo im Auwald findet sich, wenn man sucht, die Betonplatte der Fahrzeugwaage. Die letzten Eisenbahngleise verschwanden vor wenigen Jahren. Nur auf Luftbildern ist der ehemalige Gleiskörper bei genauem Hinsehen noch schemenhaft zu erkennen.

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