Lichtenfels
Thema der Woche

Courage ist kinderleicht oder die Kunst des Helfens

Eine Achtjährige Lichtenfelserin wird zur Lebensretterin, eine Familie aus Stadtlauringen stellte sich gegen das NS-Regime: Zwei Geschichten von heute und damals zeigen, wie wichtig Mut und Courage für unsere Gesellschaft sind.
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Linie 3, Lichtenfels: In diesem Bus wird Johanna Peralta  mit damals erst acht Jahren dank ihres Einsatzes zur Lebensretterin. Foto: Barbara HerbstBus
Linie 3, Lichtenfels: In diesem Bus wird Johanna Peralta mit damals erst acht Jahren dank ihres Einsatzes zur Lebensretterin. Foto: Barbara HerbstBus
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Heute Johanna, die kleine Heldin - Johanna Peralta aus Lichtenfels

Es ist ein warmer Sommertag, vor allem in der Mittagszeit klettern die Temperaturen weit nach oben. Johanna Peralta steigt an diesem Dienstag, den 24. Juli 2018, wie gewohnt in die Linie 3, um von der Grundschule nach Hause zu fahren. Doch dieser Tag verläuft anders, als es sich die damals Achtjährige wohl jemals hätte vorstellen können. An diesem Tag wird das Mädchen zur Heldin. Weil es etwas tut, das selbst für Erwachsene nicht selbstverständlich ist. Das bei einem Kind nicht nur deshalb umso bemerkenswerter ist. Sie zeigt Zivilcourage.

Es ist beinahe 12.30 Uhr, Busfahrer Jürgen Scholz wird gleich losfahren. Johanna sitzt mit zwei Mitschülern zusammen auf ihren Plätzen, sie schauen Handyvideos. Eine ältere Dame, alle nennen sie hier nur liebevoll "die Oma", taucht am Bussteig auf, will einsteigen. Etwas scheint nicht zu stimmen, sie wirkt schwächer als sonst. Johanna eilt hinaus und hilft ihr beim Einsteigen und verstaut den Rollator.

Die ältere Frau ist stiller als üblich, Johanna holt ihr aber wie gewohnt das Ticket. Als die Drittklässlerin zum Platz zurückkommt, liegt die ältere Dame schon am Boden des Busses. Johanna zögert nicht lange und eilt zu Busfahrer Jürgen. Der setzt sofort einen Notruf ab, Johanna bleibt so lange bei der am Boden liegenden Frau, beruhigt sie, ist für sie da. Bereits kurze Zeit später ist der Rettungsdienst vor Ort. Es geht gut aus, der Frau geht es mittlerweile wieder gut.

"Ich war furchtbar aufgeregt. Aber ich wusste sofort, dass ich helfen muss", erzählt Johanna. Noch heute muss sie hin und wieder an jenen Tag denken. "Kurz vorher hatten wir Erste Hilfe in der Schule durchgenommen", meint Johanna. "Da wusste ich, was ich tun muss." Als Heldin sieht sie sich aber nicht. "Warum denn? Das ist doch normal, dass man anderen Menschen hilft."

Der 43-jährige Jürgen Scholz kennt das auch anders. Seit neun Jahren ist er Busfahrer am Obermain, da hat er schon einiges erlebt. "Der Bus war ziemlich voll, auch andere Kinder waren an Bord. Von denen hat keiner reagiert. Die Johanna ist etwas Besonderes." Wie sich später herausstellt, war es zum Glück "nur" ein Schwächeanfall, der Frau geht es schnell wieder gut. "Sie hat sich tausendmal bedankt", erzählt Scholz. "Manchmal gibt es eben auch ein Happy End."

Schon oft mussten Klaus Wallenfels und Ana Peralta die Geschichte ihrer Tochter erzählen. Auch sie können ihren Stolz kaum unterdrücken. "Hilfsbereit ist Johanna schon immer gewesen", sagt Papa Wallenfels, sie hat immer ihre Mitmenschen im Blick. Für ihren Einsatz im Bus hat Johanna kürzlich die Bayerische Rettungsmedaille überreicht bekommen. "Da war ich auch sehr aufgeregt." Kein Wunder, wie oft wird man als Neunjährige schon von Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder geehrt? Als "Vorbilder an Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft" bezeichnete der insgesamt 43 Retter aus Bayern - auch Johanna.

Dass der jungen Dame das Wohl anderer sehr am Herzen liegt, zeigt sich auch darin, dass sie bereits seit anderthalb Jahren aktiv bei der Jugendfeuerwehr ihres Heimatortes mithilft. Und in ihrem Berufswunsch. Statt kindlicher Unsicherheit spricht pure Entschlossenheit aus der mittlerweile Neunjährigen mit den paraguayischen Wurzeln: "Ich möchte Kinderärztin werden. Oder Tierärztin", sagt sie, als wäre sie bereits an einer Universität eingeschrieben.

Medaillen und Ehrungen sind der Neunjährigen nicht so wichtig. Nur eines findet sie etwas schade: "Die ,Oma' fährt nicht mehr so oft mit dem Bus, ich habe sie seither nur einmal wiedergesehen." Die aufgeweckte Schülerin will weiter mit offenen Augen durch die Welt gehen und Menschen in der Not beistehen. Von ihrem Verständnis für Courage könnten sich so manche Erwachsenen eine große Scheibe abschneiden.

Damals Mutig gegen die Tyrannei - Familie Gerschütz aus Stadtlauringen

Anastasia und Severin Gerschütz aus Unterfranken versteckten während der NS-Herrschaft

zwei Frauen vor den Nazis. Der Beginn einer jahrzehntelangen Freundschaft:

Jörg Gerschütz klingt stolz, wenn er von seinen Großeltern spricht. Bis heute ist deren Geschichte in der Familie stets präsent. Die Geschichte, wie es Anastasia und Severin Gerschütz aus Stadtlauringen (Landkreis Schweinfurt) gelungen war, sich selbst in der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte ihre Menschlichkeit zu bewahren. Die Geschichte, wie sie es schafften, eine junge Frau vor den Fängen der Nazi-Tyrannei zu retten. Die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft.

Der Zahnarzt Severin Gerschütz (1887-1949) und seine Frau Anastasia (1899-1991) waren entschiedene Gegner des Nationalsozialismus. "Auch lange nach Hitlers Machtübernahme unterhielten sie freundschaftliche Beziehungen zu der einzigen jüdischen Familie im Ort, den Hirschbergers", erzählt Ferdinand Freudinger vom "Arbeitskreis jüdische Geschichte" in Stadtlauringen. "Als denen 1941 die Deportation bevorstand, versteckten sie die wertvollsten Habseligkeiten bei ihren Freunden. So lernten die Gerschützes Verwandte der Hirschbergers aus Mainz kennen: Irene Schmalenbach und ihre Tochter Eva.

Zwischen ihnen entwickelte sich rasch eine tiefe Freundschaft. Als 1943 auch Irene Schmalenbach die Deportation drohte, floh sie mit ihrer 22 Jahre alten Tochter nach Unterfranken und fand in Stadtlauringen Unterschlupf, getarnt als Witwe eines Ariers. "Weil Eva als junge, nicht erwerbstätige Frau aufgefallen wäre, zog sie weiter und schlug sich anderweitig durch", erzählt Freudinger. Irene Schmalenbach blieb.

Im Oktober 1943 gab es jedoch eine Volkszählung, weswegen auch sie den Ort verlassen musste. In München fasste sie den Plan, zusammen mit Eva in die Schweiz zu fliehen. Eine schicksalhafte Entscheidung: "Sie wurden festgenommen und der Gestapo übergeben", so Freudinger. Mutter Irene wurde nach Auschwitz gebracht, wo sie den Aufzeichnungen nach im Mai 1944 starb.

Eva Schmalenbach kam ins Gefängnis, aus dem sie Weihnachten 1943 fliehen konnte. "Danach klopfte sie wieder bei der Familie Gerschütz an, die sie ohne zu zögern aufnahm", erzählt Freudinger. "Und das, obwohl das Risiko noch höher war, weil Eva ja gesucht wurde." Da ein längerer Aufenthalt in dem kleinen Ort zu viel Aufmerksamkeit erregt hätte, ging Eva wieder fort. Sie wurde kurz darauf ohne Papiere in einem Zug aufgegriffen und im KZ Ravensburg interniert. Aber sie überlebte. Nach der Befreiung im Jahr 1945 lebte sie noch ein Jahr in Stadtlauringen. Später zog sie nach München, wo sie 1992 starb.

Für ihren Einsatz erhielten die Eheleute Gerschütz am 14. Oktober 1985 die Ehrung als "Gerechte unter den Völkern" von Yad Vashem, der 1953 in Jerusalem gegründeten Holocaust-Gedenkstätte. Diesen Ehrentitel bekommen nichtjüdische Personen, die unter der nationalsozialistischen Herrschaft ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten.

"Meine Oma hat viel aus dieser Zeit erzählt", sagt Jörg Gerschütz. Als Kind habe er Eva sogar kennenlernen dürfen. Severin Gerschütz starb zwar bereits im Jahr 1949, aber die beiden Frauen

Anastasia und Eva verband bis zu ihrem Tod eine enge Freundschaft. Für den Enkel zeigt das Schicksal seiner Familie: "Es gab nicht nur Mitläufer. Vielleicht hat nicht jeder aktiven Widerstand geleistet. Aber es waren nicht alle eingefleischte Nazis. Meine Großeltern waren sehr mutig." Anastasia Gerschütz selbst hatte laut Ferdinand Freudinger auf die Frage geantwortet, warum sie damals keine Angst gehabt hätte: "Ich bin alleine einem verantwortlich, meinen Herrgott."

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