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Lichtenfels
Virus

Corona nimmt nun Fahrt auf

Innerhalb von zwei Tagen sprang die Zahl der Infektionen von 27 hoch auf 46. Das ist beunruhigend, war aber zu erwarten.
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Gähnende Leere herrscht im Staffelsteiner Kurpark. Nur hier und da sind vereinzelte Spaziergänger zu entdecken in diesen Tagen der Corona-Krise. Aber das ist ein gutes Zeichen. Foto: Matthias Einwag
Gähnende Leere herrscht im Staffelsteiner Kurpark. Nur hier und da sind vereinzelte Spaziergänger zu entdecken in diesen Tagen der Corona-Krise. Aber das ist ein gutes Zeichen. Foto: Matthias Einwag
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Es war Freitag, der 13. März, als Corona auch im Landkreis Lichtenfels ankam. An diesem Tag meldete das Landratsamt den ersten bestätigten Infektionsfall.

Seitdem steigen auch hier die Zahlen an, moderat wie es scheint. Doch der Eindruck täuscht, auch um diese manchmal etwas abgeschieden wirkende Region macht der gefährliche Lungenvirus keinen Bogen.

Der Gottesgarten am Obermain ist keiner, wenn es um dieses Thema geht. Von Dienstag auf Donnerstag gab es einen Sprung von 27 auf 46 Infizierte. Noch wichtiger als dieser Anstieg ist aber die Art und Weise, wie er zustande kam. 46 erscheint immer noch niedrig und manche mögen es sich schönreden wollen, indem man auf Dunkelziffern, Zeitverzögerungen in den Testlabors hinweist und sagt, nun würde das alles herauskommen.

Doch das Problem ist anders gelagert. Die Ausbreitung solcher Epidemien folgt einer exponentiellen Funktion. Die sich daraus ergebende Dynamik zu erkennen, überfordert das Vorstellungsvermögen der Menschen und auch der Politiker. Das führt dazu, dass solche Ereignisse falsch eingeschätzt werden. Welche fatalen Folgen das haben kann, erlebt man in vielen Ländern. Das verharmlosende Verhalten des amerikanischen Präsidenten Donald Trump kann hier als Beispiel dienen. Er hat sich bis heute noch nicht ganz mit der Gesetzmäßigkeit dieser mathematischen Regel anfreunden können. Denn selbst Menschen, die ihm aus vielen Gründen ablehnend gegenüberstehen, werden wohl nicht so weit gehen, ihm einen vorsätzlichen Mord am eigenen Volk zu unterstellen.

Man hat es hier mit einem mühsamen Lernprozess zu tun. Es dauerte lange, bis auf breiter Ebene in vielen Redaktionen erkannt wurde, dass man mit der reinen Nennung von Fallzahlen pro Bundesland dem Leser zwar Informationen gibt, aber eine richtige Einordnung erschwert.

Zum einen muss man die Zahl der Corona-Verdachtsfälle in Relation zur Einwohnerzahl setzen. Stadt und Landkreis Bamberg etwa weisen seit Beginn an deutlich höhere Infektionszahlen auf, doch leben hier grob gesagt etwa dreimal so viele Menschen. Das bedeutet: Wenn in Lichtenfels zehn Menschen infiziert sind, können es im Bamberger Raum 30 sein, ohne dass hier eine tatsächlich höhere Fallzahl vorliegt. So blieb etwa lange unbemerkt, dass im Ländervergleich eine Zeitlang Hamburg vom Corona-Virus stärker betroffen war als Bayern.

Auch der Anstieg der Zahlen kommt für Menschen mit erweitertem mathematischen Gespür alles andere als überraschend. Dabei gilt es zunächst erst einmal, einem Argument entgegenzutreten: Man habe ja keine belastbare Zahlenbasis, es werde unterschiedlich erfasst, teilweise vielleicht auch aus politischem Kalkül einiges verschwiegen. Tatsächlich erscheint es im Augenblick so, als wollten sich hier vor allem die Russen hervortun. In der von der Johns Hopkins University geführten Statistik, einer privaten Universität im US-Staat Baltimore, tauchen für Russland gerade mal 658 Fälle und drei Tote auf (Stand: 26. März, 12 Uhr). Das erscheint nun doch recht wenig, wenn selbst Island rund 100 Infizierte mehr meldet. Diese Taktik muss scheitern: Tatsächlich rief Russlands Präsident Wladimir Putin am Donnerstag einen nationalen Notstand aus und schickte seine Landsleute für eine Woche in Quarantäne.

Die Arbeit der Johns Hopkins Universität bildet schon länger die Datenbasis vieler Grafiken in den Medien und scheint sich als recht zuverlässige Quelle erwiesen zu haben. Die Uni wertet alle vertrauenswürdigen Zahlen aus, die sie auftreiben kann und ist damit regelmäßig schneller und präziser als das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin, das unter anderem mit der starken medialen Präsenz des Virologen Christian Drosten in Deutschland die Betrachtung der Corona-Krise prägt. Expertisen des RKI dienen auch als Grundlage für das Handeln der Bundesregierung. Denn das Institut wurde speziell für solche Infektionskrankheiten eingerichtet und untersteht sozusagen dem Bundesgesundheitsministerium mit Jens Spahn (CDU) an der Spitze.

Manchmal scheinen die Wissenschaftler dort aber eine Sprache zu wählen, die in den Ohren normaler Menschen verharmlosend klingt. So stufte das Institut die Gefährdungslage durch das Corona-Virus erst am 17. März auf "hoch", praktisch nur Stunden, bevor Bayern im oberpfälzischen Mitterteich (Landkreis Tirschenreuth) eine Ausgangssperre erließ. "Die Politik ist inzwischen schneller als die Wissenschaftler", meinte Emmi Zeulner, CSU-Bundestagsabgeordnete, dazu. Inzwischen gilt der bayerische Ministerpräsidenten Markus Söder als der Mann, der für einen entschlossenen Umgang mit der Situation in Deutschland steht.

Für die Betrachtung der Lage in Deutschland ist eine Diskussion über Unsicherheiten und Manipulationen der Zahlen irrelevant. Es gibt aus Ländern, die der Virus schon früher heimsuchte, genügend vertrauenswürdige Daten, die, vereinfacht gesagt, schon vorher erkennen ließen, was auf Deutschland zurollt.

Über 40 000 Fälle

Am Abend des 6. März gab es in Europa etwa 7000 erkannte Infizierte, als das RKI am 17. März die Corona-Gefahr auf "hoch" stufte, lagen dem Institut 7232 bestätigte Fälle in Deutschland vor. Mittlerweile, nur neun Tage später, zählt die Johns Hopkins University 40 421 Fälle in Deutschland (Stand: 26. März, 16 Uhr). So kann man nun immer öfter lesen: Die Zahlen steigen stark an. Das ist richtig und falsch zugleich. Sie folgen einfach einer zu erwartenden exponentiellen Kurve. Die trägt es in sich, dass die Zahlen ab einem bestimmten Zeitpunkt regelrecht zu explodieren scheinen (siehe Grafik). Das kann man auf Seiten verfolgen wie etwa https://www.worldometers.info/coronavirus/country/germany/. Dort lässt sich der Anstieg der Infektionen in absoluten Zahlen darstellen und in einer exponentiellen Funktion. Wenig überraschend verläuft die zweite Kurve auch für Deutschland annähernd linear. Der Schrecken, der einen aktuell erfasst, war also zu erwarten.

Die Zahlen im Landkreis folgten bisher auch genau jenem Schema. Grob gesagt stiegen bisher die Fälle jeden Tag um rund 30 Prozent im Vergleich zum Vortag. Das ist auch in anderen Regionen der Fall gewesen. Es ist auch hier schlicht und einfach nicht relevant, darüber zu diskutieren, ob man nun von 25 oder 35 Prozent ausgehen sollte. Die Dynamik ist auch bei geringeren Prozentwerten deutlich.

Mit einer Fallzahl von 27 am 24. März lag man im Landkreis bei einem durchschnittlichen Anstieg von 34 Prozent pro Tag, 46 Fälle zum Stand 26. März stellen ebenfalls einen durchschnittlichen Anstieg von 34 Prozent dar. Geht es so weiter, könnte der Stand am 28. März bei 82 Fällen liegen. Noch einmal zwei Tage weiter gerechnet, kommt man auf 149 Infizierte.

Neu ist ein ganz entscheidender Punkt: Die Art, wie diese 19 weiteren Fälle auftraten, unterscheidet sich grundlegend von dem, was bisher im Landkreis vorzufinden war. Bislang ließen sich die Infektionen auf Aufenthalte in Risikogebieten wie wie Italien, Österreich oder der Schweiz zurückführen. Die 19 Personen haben sich aber im Landkreis angesteckt - und das bei den wenigen Personen, bei denen sich das Virus auch erst spät nachweisen ließ.

"Das ist ein ganz klares Signal dafür, wie wichtig die momentan geltenden Ausgangsbeschränkungen sind", sagt Andreas Grosch, Pressesprecher am Landratsamt.

Unter den aktuellen Einschränkungen wäre es wohl kaum zu so einer Situation gekommen. Es sind Infektionen, die sich noch vor den strengen Ausgangsbestimmungen ereignet haben. Denn jeder weiß inzwischen: Es dauert einige Tage, bis sich Corona zeigt. Erst in rund zwei Wochen wird sich eine Besserung einstellen - und der steile Anstieg der Infektionen gebremst werden. Je mehr Menschen diese Zeit konsequent nutzen und sich an die Regeln halten, umso effektiver wird die Ausbreitung gebremst. Diese Disziplin kann Leben retten.

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