Lichtenfels
Stadtentwicklung

"Coburger Straße 20" noch immer ein Leerstand

Das Gebäude Coburger Straße 20 in Lichtenfels ist nach wie vor ungenutzt.
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Das Haus Coburger Straße 20, kurz vor der Bahnunterführung in Lichtenfels, steht seit vielen Jahren leer. Es war Wohn- und Geschäftshaus, steht unter Denkmalschutz.  Popp
Das Haus Coburger Straße 20, kurz vor der Bahnunterführung in Lichtenfels, steht seit vielen Jahren leer. Es war Wohn- und Geschäftshaus, steht unter Denkmalschutz. Popp
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Wenn man nach den Überlegungen auch zur Tat geschritten wäre, könnten die Wohnungen bald bezugsfertig sein. Doch das Haus Coburger Straße 20 steht heute noch genauso leer wie vor vier Jahren, als die Stadt als Eigentümerin eine Bestandsuntersuchung in Auftrag gegeben hatte - und wie schon seit nunmehr rund 30 Jahren. Das Sonderförderprogramm des Freistaats "Leerstand nutzen - Lebensraum schaffen" war Ende 2017 als wohl einmalige Chance in Erwägung gezogen worden, das marode Haus zu sanieren und umzubauen. Ein Architektur-Büro hatte die Kosten auf 800 000 Euro geschätzt. Die Stadt selbst müsste davon wohl nur zehn Prozent tragen - dennoch viel (Steuer-)Geld für die angedachten fünf Wohnungen. Luxus-Appartments wären es trotzdem nicht, das darf vorausgeschickt werden. Denn zum einen steht eine denkmalgerechte Sanierung an, zum anderen ist allenthalben feststellbar, dass Bauten der öffentlichen Hand erheblich teurer sind als von privat.

Das genannte Förderprogramm ist aber mit einer mindestens siebenjährigen Nutzung speziell für anerkannte Flüchtlinge, also für solche mit einer Bleibeperspektive, verbunden. Das war der Punkt, an dem bei aller Einigkeit über den Bedarf von Wohnraum für Leute mit kleinem Einkommen im Stadtrat Bedenken aufkamen. Integration würde besser gelingen, wenn Wohnblocks gemischt genutzt würden, so die von verschiedener Seite vorgebrachte Meinung. Auch für eine solche Nutzung würde man Fördermittel bekommen können, wenn auch in geringerer Höhe.

Andere Sanierungen haben Vorrang bekommen

Mittlerweile ist das Projekt jedoch auf der Prioritätenliste der Stadt weit nach hinten gerutscht. Nicht zuletzt wegen der engen personellen Situation im Bauamt, wie Bürgermeister Andreas Hügerich (SPD) erklärt. Zwar wurden abermals Mittel dafür im Haushaltsplan vorgesehen. Vorrang hätten allerdings mehrere andere Aufgaben wie der Fenster-Austausch der Herzog-Otto-Schule oder die Dachsanierung der Marktplatz-Schule. Dort würde man sonst nämlich die staatliche Förderung verpassen, und da gehe es um viel Geld.

Sozialer Wohnraum wird benötigt

Hügerich weiß um die Nachfrage nach sozialem Wohnraum. Immer wieder wurde herausgestellt, dass unter diesem Aspekt auch in der geplanten Siedlung auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände kleine Häuser und Wohnungen entstehen sollen. Über der Zukunft von "Coburger Straße 20" steht indes weiterhin ein Fragezeichen.

Stadtbaumeister Gerhard Pülz, seit September 2018 im Amt, hält den verschachtelten Gebäudezuschnitt nicht für ideal für den Einbau kleiner Wohnungen. Eine Seite grenzt ans Nachbarhaus an; wegen der Fensteranordnung sind daher seiner Ansicht nach nicht mehr als drei Wohnungen einbaubar. Für den sozialen Wohnungsbau rät er zu pflegeleichteren Immobilien. Das Wohnen in einem Denkmal sei eher etwas für Leute mit einem Faible dafür, die Verständnis für die Regeln und Erfordernisse aufbringen. Eine Wiederbelebung des seit Jahrzehnten leerstehenden Wohn- und Geschäftshauses von privater Seite käme der Stadtverwaltung unter den genannten Gesichtspunkten wohl durchaus gelegen. Es soll schon mehrere Anfragen von Interessenten gegeben haben.

Wohnraumanalyse für die gesamte Stadt

Wie auch immer entschieden wird: Das Thema Wohnen und künftige Entwicklung bleibt ein wichtiges. Die Stadt will eine Wohnraumanalyse in Auftrag geben, um Klarheit über den Bestand zu bekommen. Angebote dazu wurden bereits eingeholt.

Fehlbeleger: worin das Problem liegt

Auf dem Wohnungsmarkt haben es die mit den kleinsten Einkommen am schwersten. Selbst wenn die Miete vom Sozialamt bezahlt wird, gibt es von Vermieterseite häufig Vorbehalte, gerade gegenüber Menschen aus einem anderen Kulturkreis. Würden sie die Wohnung pfleglich behandeln, um die Notwendigkeit von regelmäßigem Lüften und ordentlichem Heizen wissen, Ruhezeiten, Mülltrennung und Brandschutzvorgaben beachten?

Vor diesem Hintergrund ist die Idee zu einem "Mieterführerschein" entstanden, den man über entsprechende Kurse beim Landratsamt, genauer bei "Integrationslotsin" Karin Pfeiffer, erwerben kann. 26 Personen haben schon erfolgreich mitgemacht, 14 sind gerade dabei. Das Angebot wird als Schritt in die Selbstständigkeit verstanden. Doch auch wenn sich die Situation verbessert hat: Noch immer sind in den Gemeinschaftsunterkünften für Asylbewerber im Landkreis Lichtenfels 65 Erwachsene als sogenannte Fehlbeleger registriert. So werden diejenigen bezeichnet, der Antrag auf Asyl positiv beschieden wurde, die eigentlich nicht mehr in einer Einrichtung für Asylbewerber wohnen, sondern sich eine eigene Bleibe suchen sollten. Wenn sie nichts finden, ziehen sie aber nicht aus. Weil sie selten einen Führerschein geschweige denn ein Auto besitzen, sind vor allem Wohnungen in Orten mit guter Bus- oder Bahnanbindung gefragt. "Am begehrtesten ist die Kreisstadt", weiß Andreas Grosch, Pressesprecher des Landkreises. Benötigt würden vor allem kleine Wohnungen für ein bis zwei Personen. Hier sei die Lage auf dem Wohnungsmarkt aber katastrophal, findet Valentin Motschmann, der sich hauptberuflich um Betreuung und Qualifikation Geflüchteter kümmert. Wohngemeinschaften zu bilden, sei für die Betroffenen auch nicht so einfach. Unterschiedliche Ethnien führten ja bereits in den Gemeinschaftsunterkünften zu Konflikten.

Kommentar: "Wissen, wo Wohnraum ist"

Die Wohnraum-Analyse, die man in Lichtenfels jetzt angehen will, ist ein ganz wichtiger Schritt. Eigentlich sollte in allen Städten und Gemeinden Klarheit darüber herrschen, wo es Leerstände gibt oder sich welche abzeichnen. Das hat nichts mit Schnüffeln in der Privatsphäre der Eigentümer zu tun, sondern mit vorausschauendem Handeln. Wenn es darum geht, wo Familien, aber auch Alleinstehende künftig wohnen können, ihnen Perspektiven bieten zu können, darf der erste Gedanke nicht der Neuausweisung von Baugebieten auf der grünen Wiese gelten. Vielmehr muss man wissen, was schon da ist, was erhalten, saniert oder ersetzt werden kann. Das verlangt nicht zuletzt ein verantwortlicher Umgang mit Ressourcen. Es gilt, den voranschreitenden Flächenverbrauch zu stoppen. Es geht dabei auch um die Lebensqualität in den Orten, die nicht im Kern ausbluten dürfen, während außen herum neue Siedlungen aus dem Boden gestampft werden.

Jeder Euro in eine solche Untersuchung ist deshalb richtig angelegt. Die gewonnenen Erkenntnisse bergen nachher aber auch eine Verpflichtung.

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