Lichtenfels
Thema der Woche

Bestrafen und Chancen geben

Ulrike Barausch ist als Jugendrichterin tätig. Oft liegt es in ihrem Ermessen, ob sie einem jungen Menschen für gewisse Zeit die Freiheit entzieht.
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Ulrike Barausch ist die Direktorin des Amtsgerichts Lichtenfels und gleichzeitig Jugendrichterin. Foto: Popp
Ulrike Barausch ist die Direktorin des Amtsgerichts Lichtenfels und gleichzeitig Jugendrichterin. Foto: Popp

Manchmal dauert die Begegnung nur eine halbe Stunde, doch der Eindruck hält lange nach. Vielleicht ist es der Respekt vor der Instanz Gericht, die Würde der schwarzen Roben, oder die Konfrontation mit dem eigenen Fehlverhalten, jedenfalls fließen nicht selten Tränen. "Viele sind schon geläutert, wenn nur die Anklage verlesen wird", sagt Jugendrichterin Ulrike Barausch, denen brauche sie dann nicht mehr groß ins Gewissen reden. Doch in der Regel landet man nicht beim ersten Gesetzesverstoß vor Gericht. Oft spielt jugendtypisches Verdrängen eine Rolle, dass der- oder diejenige sich wieder zu einem Verhalten hinreißen lässt, das die Gesellschaft nicht toleriert. Vor allem in alkoholisiertem Zustand und in der Gruppe fallen die Hemmungen. Dann nutzt die Richterin ihren Erfahrungsschatz aus dem Erwachsenenbereich, um auf 15-, 16- oder 17-Jährige einzuwirken. "Ich weiß ja, wo der Weg hinführen kann, und ich arbeite ganz gern mit Beispielen." Die "Geschichten als Warnung", die sie den jungen Leuten vor Augen führt, sind Tatsachenberichte. So wie der über einen Mann, der mit einem einzigen Schlag mit der bloßen Hand, in betrunkenem Zustand, einen anderen so unglücklich traf, dass dieser umfiel und tot war. "Ich möchte aufzeigen, was passieren kann, wie schnell man sich sein Leben verderben kann." Nach so einer Tat folgten ja nicht nur eine Haftstrafe und finanzielle Ansprüche der Hinterbliebenen. Es gehe auch um das Weiterleben des Verurteilten in der Gesellschaft, um die psychische Belastung.

Eine solche wahre Geschichte lässt keinen unberührt, wie Ulrike Barausch beobachtet hat. Diejenigen, die wegen eines weit weniger schwerwiegenden Vergehens auf der Anklagebank sitzen, reagieren erschrocken, werden still. Und dann sind da auch noch die Drogen-Geschichten, von denen die Jugendrichterin erzählen kann. Wie sich die Sucht aufbaut, vom ersten Joint bis in die verhängnisvolle Spirale, aus der das Entkommen schwer ist. Da kann es dann sogar lebensrettend sein, durch eine Verurteilung hinter Schloss und Riegel zu kommen, weg von der Straße, von Prostitution und Beschaffungskriminalität, mit der Chance auf Therapie, Schulabschluss und/oder Ausbildung.

Als Jugendrichter hat man eine hohe Verantwortung. Vor allem geht es darum, jemanden zum Umdenken zu bewegen, in die richtigen Bahnen zu lenken. Zwar gibt das Gesetz den Rahmen für eine Bestrafung vor, aber der Ermessensspielraum sei hier viel größer als im Erwachsenen-Strafrecht, erklärt Ulrike Barausch. "Wenn ich denke, es gibt noch eine Chance ohne Gefängnis, werde ich die finden." Selbst bei wiederholten Straftaten beziehungsweise Rückfällen sei noch nicht alles verloren. Vielen fehle einfach die Reife. Bei schweren Fällen und wenn erzieherische Maßnahmen nicht fruchten, müssten aber Strafen verhängt werden, "die sie auch spüren". Jugendarrest ist sozusagen der Warnschuss vor einer Jugendstrafe. Er kann auch nur für einen Tag am Wochenende verhängt werden. Die Wirkung könne derart nachhaltig sein, dass man einen vormaligen "Dauerkunden" nachher nie wieder vor Gericht gesehen hat...

Die Lichtenfelser Amtsgerichtsdirektorin ist seit 26 Jahren Richterin - ihr Wunschberuf. Mit persönlichen Schicksalen, die einem dabei begegnen, und auch mit der Verantwortung, die mit jedem Urteil verbunden sind, muss man umgehen können. Darauf angesprochen merkt sie an, dass es Berufe gibt, bei denen ein Fehler gravierender sein könne - etwa bei einem Herzchirurgen. "Bei uns kann eine höhere Instanz noch korrigieren, und das tut gut, zu wissen."

Es sei bisher noch nicht vorgekommen, dass sie aufgrund der gesetzlichen Vorgaben ein Strafmaß habe verhängen müssen, das sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnte. Wie das wäre, wenn sie in einem Rechtssystem arbeiten müsste, das die Todesstrafe vorsieht? "Ich glaube, dann hätte ich den Beruf nicht ergriffen."

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