Bad Staffelstein

Bad Staffelstein: Bei der Bonpflicht geht es um jede einzelne Wurst

Seit Jahresbeginn soll die Kassenbonpflicht Steuerbetrug verhindern. In den Geschäften in Bad Staffelstein klagen Geschäftsleute über die Zettelflut.
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Das Wienerle wandert für 70 Cent über die Ladentheke. Auch für den kleinen Betrag muss Gudrun Küffner einen Bon ausstellen.  Foto: Mirjam Stumpf
Das Wienerle wandert für 70 Cent über die Ladentheke. Auch für den kleinen Betrag muss Gudrun Küffner einen Bon ausstellen. Foto: Mirjam Stumpf

Ein gemischtes Körnerbrot geht über die Ladentheke der Bäckerei Tischer. "Das macht dann 1,35 Euro. Brauchen Sie den Kassenbon?", fragt Bäckereifachverkäuferin Sabine Wolfram. Ein entschiedenes Nein ist die Antwort der Kundin.

Seit dem 1. Januar 2020 gilt es für Betriebe die gesetzliche Regelung, den Kassenbon für jeden verkauften Artikel einen Kassenbon auszudrucken, unabhängig von der Höhe des Betrags. Das sogenannte Kassengesetz soll einen möglichen Steuerbetrug erschweren.

Die Meinungen der Einzelhändler sowie der Kunden in der Staffelsteiner Innenstadt über diese neue Regelung sind eindeutig. "Die meisten Kunden sagen genervt Nein", hat Sabine Wolfram bisher erfahren, wenn sie einen Beleg zur Bäckertüte dazugegeben hat. Dass die Daten auf beschichtetes statt auf re cyclebares Papier gedruckt werden, sei negativ zu bewerten.

Kassenzettel für zwei Brötchen

Inhaberin Diana Tischer sieht in dem Gesetz gar einen Rückschritt, was die Umweltbelastung angeht. "Für zwei Brötchen nimmt niemand seinen Kassenzettel mit", sagt sie.

Gleich gegenüber, in der Metzgerei Küffner, kann Gudrun Küffner nachvollziehen, dass die wenigsten Kunden ihren Beleg mitnehmen möchten. Viele kämen in der Mittagspause in die Metzgerei, die ihr Sohn führt, und hätten es deshalb oft eilig. Der Bon für das einzelne Wienlerle für 70 Cent, das beispielsweise über die Ladentheke geht, ist fast genauso lang wie die Brühwurst selbst. Keine 30 Sekunden später wandert die Wurst von der Hand in den Mund und der Papierzettel in den Mülleimer.

Laut Gesetz müssen die Belege entweder gedruckt oder in elektronischer Form ausgegeben werden.

Die Supermarktkette Rewe hat in Hinblick auf die Papierflut bekanntgegeben, dass sich die Kunden den Kassenbon auch als elektronische Datei an die eigene E-Mailadresse senden lassen können.

"Ich frage die Leute, ob sie einen Bon haben wollen", sagt Ursula Lieb, Inhaberin des Ladens "Eurasia". Jeder verkaufte Posten werde in die Kasse eingetippt und sei dadurch registriert. Das garantiere eine korrekte Abrechnung auch ohne die zwingende Ausgabe eines Papierbons.

Die Rollen sind teuer

Schließlich seien die einzelnen Rollen für die Registrierkasse nicht gerade kostengünstig. Für einen Karton mit 50 Rollen zahle sie rund 70 Euro. In ihren Laden kämen pro Tag rund 50 Kunden. "Wenn ich jeden Bon rauslassen würde, bräuchte ich jede Woche eine Rolle Papier", überschlägt Ursula Lieb.

Nach Angaben des Zentralverbands des Bäckerhandwerks könnten bei durchschnittlich 100.000 Kunden pro Bäckerei-Verkaufsfiliale deutschlandweit jährlich fünf Milliarden Bons aus Papier zusammenkommen. Damit könne man die Strecke bis zum Mond zweieinhalb Mal auslegen - und das alleine für das Bäckerhandwerk.

Bärbel Pfister, Angestellte im Laden "Zeitlosschön", und Inhaberin Christiane Schlund können der Regelung noch entgehen. Ihre Kasse ist schon einige Jahrzehnte alt, hat sogar noch eine Kurbel zur Öffnung. Die Belege für die Kunden sind bei ihnen noch handschriftlich auf einem Kassenblock, sagt Pfister. "Wir müssten sonst jeden Artikel einzeln scannen."

Gaststätten bonieren schon lange

"Das betrifft uns auch", sagt Michael Möslein, der Verwaltungsleiter des Bildungszentrums Kloster Banz der Hanns-Seidel-Stiftung. An der Kasse des Klostermuseum müssen nun zwingend Bons für jeden ausgegeben werden, was nicht tragisch sei. In der Klostergaststätte, sagt er, sei es seit Jahr und Tag gang und gäbe, den Gästen Bons auszustellen. Dort ändere sich für den Pächter nichts.

Im Bildungszentrum selbst, in dem die Gastronomie jedoch darauf eingerichtet sei, Seminargäste zu verpflegen, bedeute die Bonierpflicht einen immensen personellen Mehraufwand. Die Speisen seien im Seminarpreis inbegriffen. Es sei jahrzehntelange Praxis, dass die Gäste zum Speisesaal laufen und an der Theke ein Getränk abgreifen. Michael Möslein rechnet vor, dass die Neuregelung nun vorsehe, bei 150 Tagungsgästen 150 Bons auszustellen. "Das wird nicht zu halten sein - diese Regelung wurde zu schnell getroffen, da muss nachgebessert werden." Um die Regelung eins zu eins umzusetzen, müsste er eine Servicekraft allein dafür einsetzen, Getränke zu bonieren und den Gästen die Bons vorzulegen.

"Das wünscht der Kunde nicht - und wir bräuchten einen zusätzlichen Papierkorb." Bisher seien alle diese Getränke auf einen Bon gebucht worden - eine Kontrolle sei dadurch wechselseitig gewährleistet gewesen.

Der Hotel- und Gaststättenverband, kündigt Michael Möslein an, werde sich noch diesen Monat darüber Gedanken machen, wie die Vorgabe praktisch anwendbar gemacht werden kann: "Die neue Regelung ist nicht ausgereift, nicht praxisnah und nur bedingt umsetzbar."

Kommentar von Redaktionsmitglied Matthias Einwag

Der Staat muss Zeichen setzen

Maximale Transparenz beim Abrechnen! Was spricht dagegen, jeden Verkaufsvorgang transparent zu machen? Das Ausgeben der Bons ist keine Unterstellung, dass von jedermann betrogen werde. Es ist die Kontrolle, nichts zu vergessen. Der Staat hatte vor gut drei Jahren angekündigt, diese gesetzliche Regelung 2020 zu treffen. Zeit genug für alle Betroffenen, sich Gedanken zu machen, wie sie das umsetzen werden. In der Regel kennt das Finanzamt jene schwarzen Schafe, die Grauzonen nutzen, um Geld am Fiskus vorbeizumogeln. Verdeckte Kontrollen durch die Steuerfahnder sind erforderlich, um alle gleich zu behandeln. Es gilt also, Lücken zu schließen und Zeichen zu setzen, um Wettbewerbsverzerrungen zu minimieren. Damit hilft der Staat jenen Betrieben, die beispielsweise Sozialversicherungsbeiträge ordentlich entrichten und somit gezwungen sind, diese Kosten auf Waren oder Dienstleistungen umzulegen. Es darf nicht sein, dass jene, die korrekt abrechnen, vom Kunden abgestraft werden, weil ihre Endpreise höher ausfallen als die der Konkurrenz. Ich habe Verständnis dafür, dass die Finanzprüfer nun ein scharfes Schwert in der Hand haben, um nach oftmals monatelangem Observieren und begründetem Verdacht ein deutliches Zeichen zu setzen.

Kommentar von Redaktionsmitglied Mirjam Stumpf

Das Verhältnis stimmt nicht

Ein Spaziergang durch die Innenstadt von Bad Staffelstein macht es deutlich: Lobende Töne für die neue Bonpflicht haben Händler als auch Kunden nicht gerade übrig.

Der viele zusätzliche Müll, die steigenden Kosten für das Papier, die Frage nach der Notwendigkeit, den Beleg für zwei Brötchen und eine Nussschnecke einzustecken...

All diese Punkte scheinen im alltäglichen Geschäft zu überwiegen. Denn die Bemühungen, Wegwerfverpackungen zu vermeiden, schienen auf einem guten Weg. Die Kassenbonpflicht macht dem nun im wahrsten Sinne einen Strich durch die Rechnung.

Das neue Gesetz soll Steuerbetrug nicht mehr möglich machen. Die Frage ist, ob ein solches Gesetz für die kleinen Betriebe nicht viel mehr bürokratischen Aufwand bedeutet. Doch was ist im Vergleich dazu mit großen (Online-)Firmen mit Sitz außerhalb Deutschlands, die hierzulande keine Steuern zahlen müssen?

"Wer betrügen will, findet schon einen Weg." Auch dieser Satz ist zu bedenken.

Schade, dass sich die beschichteten Bons, die auf der Ladentheke gelassen werden, nicht mal fürs Heizen des Geschäfts im Winter eignen. Dennoch gilt: Welches Kassensystem, welches Papier benutzt wird, das hat jeder Geschäftsmann selbst in der Hand.

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