Horsdorf
Obstbau

Apfel mit dem Aroma einer Ananas

Hans-Karl Hertel schwört auf Äpfel und Birnen alter Sorten. Deshalb ist er stets auf der Suche nach Edelreisern, um alte Arten zu erhalten. Die Bäume veredelt er selbst. Bei den Früchten ist ihm der Geschmack wichtig, nicht der Ertrag.
Artikel drucken Artikel einbetten
Hans-Karl Hertel beim Veredeln eines Baumes auf seiner Obstwiese am Fuß des Staffelbergs     Foto: Matthias Einwag
Hans-Karl Hertel beim Veredeln eines Baumes auf seiner Obstwiese am Fuß des Staffelbergs Foto: Matthias Einwag
+10 Bilder

Wenn Hans-Karl Hertel im Frühjahr mit dem Geländewagen in seinen Obstgarten fährt, hat er stets einige Bündel Edelreiser dabei. Von alten fränkischen Obstsorten ist er fasziniert. Mehr als 30 davon kultiviert er auf seinen Obstbaumwiesen am Fuß des Staffelbergs. Äpfel, Birnen, Pflaumen und Kirschen baut er an. Seine Leidenschaft gilt dem Veredeln seiner Apfel- und Birnbäume.

Der 62-Jährige ist deshalb ständig auf der Suche nach Ablegern alter Sorten. Diese Reiser tauscht er mit Kollegen oder gewinnt sie von eigenen Bäumen. Leiten lässt er sich dabei nur vom Aroma, nicht vom Ertrag. Auf eine Unterlage - so wird ein Baum genannt, der veredelt werden soll - setzt Hans-Karl Hertel nur Reiser jener Sorten, die ihm schmecken. "Der Grafensteiner ist mein Lieblingsapfel", sagt er und zählt auf, welche alten Sorten er sonst noch auf seinen insgesamt rund 100 Bäumen hat: Landsberger Renette, Winterrambur, Dülmener Rosenapfel, Boskop, Blenheimer Goldrenette und Danziger Kantapfel.

Ganz seltene Apfelsorte

"Die Ananas-Renette wollt' ich unbedingt jetzt einmal haben", erzählt er und zeigt ein Bündel Edelreiser, die er sich abschneiden durfte. In Oberfranken gebe es von dieser Sorte nur noch zwei Bäume - einer stehe im Klostergarten in Kirchschletten, der andere in Kulmbach. Wer von diesem Apfel probiere, sagt er, der schmecke tatsächlich einen Hauch von Ananas. Kein Vergleich zu den in Supermärkten angebotenen Neuzüchtungen wie Pink Lady. "Nur fürs Auge, kein Geschmack", lautet sein vernichtendes Urteil über diese äußerlich schönen Früchte. Derzeit gebe es in Deutschland noch rund 800 alte Apfelsorten, aber 3500 Neuzüchtungen, schätzt er. Damit sollen Sorten entstehen, deren Früchte perfekt aussehen und deren Anschnitt nicht zu schnell braun wird.

Allergisch auf Neuzüchtung

Bei einem Krankenhausaufenthalt bekam Hans-Karl Hertel kürzlich Äpfel einer Neuzüchtung serviert. Nach dem Verzehr dieser Früchte bildeten sich Bläschen auf der Haut seines Armes. Der Arzt verordnete eine Salbe zum Kühlen des Ausschlags. Es sei nicht sofort klar gewesen, was der Auslöser dieser Hautreizung gewesen ist. Nachdem er jedoch keinen dieser Äpfel mehr aß, besserte sich die Allergie nach wenigen Tagen.

Das ist ein Grund, warum Hertel auf die alten Obstsorten schwört. Mehr als drei Sorten pro Baum hält er nicht für sinnvoll - das sei nur für Leute, die ins Guinness-Buch der Rekorde kommen wollen. Veredelt wird aber jeder seiner Bäume.

Seit mehr als 40 Jahren interessiert er sich für alte Sorten und kultiviert als einer der letzten Landwirte die Staffelsteiner Beckenbirne, eine regional begrenzten Sorte.

Sein Obstgarten am Fuß des Staffelbergs war Anfang der 1960er-Jahre einmal eine Musteranlage, die von 16 Eigentümern betrieben wurde. In Hertels Parzelle stehen neben Apfel- und Birnbäumen auch Zwetschgen-, Pflaumen-, Mirabellen- und Kirschbäume. Um zu wissen, welchen Baum er bereits veredelt hat, fertigte er sich einen Plan an. Zudem kennzeichnet er die veredelten Ästchen jeweils mit einem gelben Band, um später nicht versehentlich bei der Baumpflege ein Edelreis abzuschneiden.

Edelreis aus dem Klostergarten

An diesem Frühjahrstag pfropft er einige Reiser der Ananas-Renette aus dem Kirchschlettener Klostergarten auf die Äste geeigneter Bäume - etwa auf eine Goldparmäne. Nachdem er einen dünnen Zweig abgezwickt hat, schneidet er die Rinde der Unterlage vorsichtig an und weitet sie. Nun kann er das Reis einführen und mit Bast oder speziellem Gummiband fixieren. "Das Veredelungsband zieht sich wie Kaugummi", flachst er. Die Schnittfläche bestreicht er mit Baumwachs zum Wundverschluss. "Es wächst entweder an oder nicht", kommentiert er lapidar. Schließlich komme es nicht auf Massenproduktion an, sondern auf Früchte, die gut schmecken.

Eine unbekannte Birnensorte

Allwissend ist der Horsdorfer Obstbauer jedoch nicht. Grinsend gibt er zu, einen Birnbaum zu besitzen, dessen Sorte er nicht kenne. Gemeinsam mit den Experten vom Deutschen Pomologenverband will er den Namen dieser sehr saftigen Frucht aber unbedingt herausfinden. Bis es soweit ist, verarbeitet er die Birnen unbekannter Art nach altbewährter Weise: "Die wer'n eingemaischt und zu Schnaps gebrannt."

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren