Lichtenfels
Unser Thema der Woche // Auf- und Abstieg

Angst vor dem Abgrund - vorbei

Harald Fischer fühlt sich pudelwohl auf alpinen Touren. Das war nicht immer so. Eine persönliche Geschichte von einem, der losging, seine Grenzen auszuloten.
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Durch die senkrechten Felswände des Monte Casale in den Gardaseebergen (Trentino) führt der Klettersteig "Che Guevara", benannt nach dem kubanischen Revolutionär. Harald Fischer hat daran gearbeitet, sich an Tiefblicke zu gewöhnen. Foto: Susanne Fischer
Durch die senkrechten Felswände des Monte Casale in den Gardaseebergen (Trentino) führt der Klettersteig "Che Guevara", benannt nach dem kubanischen Revolutionär. Harald Fischer hat daran gearbeitet, sich an Tiefblicke zu gewöhnen. Foto: Susanne Fischer

Bergwandern ist für Harald Fischer die beste Methode, sich zu erholen. Die Eindrücke der Natur, bevorzugt in den Berchtesgadener Alpen, im Wilden Kaiser, Karwendelgebirge oder in den Dolomiten, wirken nach - und er hat bei einem Bildvortrag auch schon andere an den imposanten Panoramen teilhaben lassen. Doch solche Ausblicke, vor allem den nach unten, genießen zu können, das hat sich der 60-Jährige ganz allein erarbeitet.

Dabei erscheint Höhenangst der falsche Begriff zu sein. Denn kurioserweise fühlte sich der Lichtenfelser schon als junge Mann pudelwohl in der Höhe - als Hobbypilot am Steuer von Motor- und Segelfliegern. Einmal auf dem Flugplatzfest bei einem Kunstflug mit Loopings und allem Pipapo dabei, beschloss er, selbst den Pilotenschein zu machen. Und saß danach noch 25 Jahre im Cockpit. Aber am Staffelberg vermied er es, auch nur in die Nähe der Kante zu gehen. Es genügte schon, das Foto eines Bergsteigers in einer Felswand zu betrachten, um ein mulmiges Gefühl zu bekommen. Auf so einem schmalen Grat einmal selbst entlang zu gehen, war für ihn damals unvorstellbar. Dieser Widerspruch wurmte ihn allerdings, er wollte ihn ergründen.

Seine erste mehrtägige Bergtour habe er so gründlich geplant wie einen Flug, erzählt Fischer rückblickend. "Ich habe klein angefangen." Das Wandern, wie überhaupt Bewegung an der frischen Luft (und sei es zum Schneeschippen) habe er schon immer gemocht. Nun aber waren weniger die Weglängen als die zu bewältigenden Höhenmeter zu berücksichtigen. Was konnte er schaffen, wie viel Proviant und vor allem Wasser im Rucksack tragen? Er las immer mehrere Tourenbeschreibungen, denn die Angaben wichen durchaus voneinander ab, wie er feststellen musste. Letztlich galt es, das eigene Tempo, die eigene Leistungsgrenze herauszufinden. Sich an Tiefblicke zu gewöhnen, auf einem Brett über einen Abgrund zu gehen, das war kein abruptes Überwinden, sondern ein langer Prozess. "Ich habe die Schwierigkeitsstufen kontinuierlich gesteigert." An schmalen Steigen wagte er die Schritte am Sicherungsseil eingehängt. "Da bist Du stolz wie ein König", beschreibt er das Gefühl nach der Überwindung. "Und dann merkst Du: Du kannst das." Die Lösung seines Problems sei das Vertrauenfassen in die eigenen Fähigkeiten, in die Technik, in die Natur gewesen, resümiert Fischer. Wenn man das nur im Urlaub ausprobiert, geht leicht ein Jahrzehnt vorbei, bis man dahin kommt, wo Harald Fischer heute ist. Er kann die Berge wirklich genießen. Ein Kletterer ist er nicht geworden. Das will er auch nicht; er bleibt lieber auf den Füßen. "Ich weiß, wo meine Grenze ist, die will ich nicht mehr toppen."

Erstaunlich ist aber für ihn persönlich, dass er sich heute fitter als in jüngeren Jahren fühlt; kaum Knie- oder sonstige Gelenkprobleme, und mit einer Grundkondition, die auch ohne spezielles Training erhalten bleibt. Er holt sich die Bewegung im Alltag, nimmt immer die Treppe, nie einen Aufzug, geht von Oberwallenstadt zu Fuß zu seiner Arbeit im Amt für Kultur und Tourismus und hat eigenen Worten zufolge nie das Problem, keinen Parkplatz zu finden: Weil es ihm einfach nichts ausmache, das Auto ein Stück weiter draußen abzustellen. Zu einem gesunden Lebensstil gehört für den Lichtenfelser auch die Wertschätzung gesunder Lebensmittel. Bioküche ja, aber mit Genuss und ohne Verbote, so lässt sich seine Devise zusammenfassen. Viel Gemüse, oft aus dem eigenen Garten, und fränkische Bratwürste als etwas Besonderes.

Das Fliegen hat Fischer aufgegeben, weil es viel Zeit in Anspruch nahm. Mitglied beim Aero-Club ist er immer noch, weil er die Gemeinschaft schätzt. Auch in den Bergen geht er nicht mehr unbedingt alleine los, will niemandem etwas beweisen.

Zieht er nun den Aufstieg oder den Abstieg vor? Da muss Harald Fischer nicht überlegen: Reizvoller sei für ihn, bergauf zu gehen. Der Abstieg werde dagegen leicht unterschätzt. Obwohl die Anspannung weg ist, müsse man hochkonzentriert bleiben, sonst könnte das fatale Fehler zur Folge haben. Manchmal waren für den passionierten Bergsteiger Auf- und Abstieg schon näher beieinander, als ihm lieb war: wenn er das gesteckte Ziel nicht erreicht hat. Sich oder andere nicht aus falsch verstandenem Ehrgeiz in Gefahr zu bringen, ist auch eine Lektion, die die Berge lehren. "Natürlich fuchst es einen, kurz vor dem Gipfel wegen einer Schlechtwetterfront abzubrechen." Aber es ist vernünftiger. Und die Alpen halten für Harald Fischer noch viele reizvolle Ziele bereit.

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