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Lichtenfels
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Als Bomben auf Lichtenfels fielen

Willi Lankes verstand es, beim Vortrag über die letzten Kriegstage lokales Kolorit ins größere Ganze zu stellen.
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Willibert Lankes überzeugte darin, Recherchen auch mit Humor in einen großen Zusammenhang zu stellen. Fotos: Markus Häggberg
Willibert Lankes überzeugte darin, Recherchen auch mit Humor in einen großen Zusammenhang zu stellen. Fotos: Markus Häggberg
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Bei Willibert Lankes darf man sich vermutlich auf noch viel mehr Kommendes einrichten. Der einstige Dienstellenleiter der Polizeiinspektion Lichtenfels hat sich schon vor seiner Pensionierung einen Namen als Referent für ein packendes heimatliches Geschichtsthema gemacht.

Nach seinen Recherchen zu einem oberfränkischen Frauenmörder nun also "Die letzten Kriegstage am Obermain". Ein Thema, das seiner Aussage zufolge unbedingt beim CHW Premiere haben sollte. Die also stieg am Donnerstagabend in der ehemaligen Synagoge. So viele Besucher hatte Ulrich Sünkel noch selten in der einstigen Synagoge begrüßen dürfen. Die Sitzplätze reichten nicht aus, und das bedeutet im Fall der Synagoge schon, dass mehr als 100 Besucher gekommen sein müssen. Eine Zahl, die auch schon darum erstaunlich war, weil der Geschichtsverein im Umfeld auch noch eine Konkurrenzveranstaltung bot.

Kein trockener Zahlenreiter

"Ich bin kein Historiker und will auch nicht den Anschein erwecken, einer zu sein", betonte Lankes zu Beginn und über sich. Wer Historiker als trockene Zahlenreiter kennenlernen musste, atmet bei solchen Sätzen befreit auf. Doch tatsächlich braucht Lankes den Vergleich mit guten und unterhaltsamen Historikern auch nicht unbedingt zu scheuen, nicht dann, wenn er, wie jetzt geschehen, lokales Kolorit ins größere Ganze zu stellen versteht.

Immer wieder habe er seine Informationen gesiebt und "Mosaiksteinchen gesammelt". Später nach dem Vortrag wird Ulrich Sünkel gegenüber unserer Zeitung erwähnen, dass von den ersten gedanklichen Anläufen bis zum Sieben, zum Auswerten und zum Konzeptionieren des Vortrags wohl eineinviertel Jahre vergangen sein mochten. Akribie also legte Lankes gewiss an den Tag, schon allein bei all den Namen der Zeitzeugen, denen einstiger Soldaten, den Abfolgen von Truppenbewegungen, den minutiös recherchierten Bombardements am Obermain, dem passenden Herausgreifen von Einzelschicksalen und alledem.

23. Februar 1945, 6.30 Uhr

Einem der Momente des Vortrags, bei denen Lankes die Tragweite des Großen für das Kleine gekonnt herausarbeitete, lagen seine Recherchen zu dem zugrunde, was gegen 6.30 Uhr am 23. Februar 1945 auf einer Rollbahn des Militärflugplatzes Nuthampstead in Ostengland an- und abhob: die 37 B-17- Bomber des 398. US-Bomber-Geschwaders. Es sollte nach Aufmunitionierung mit TNT-Sprengbomben zunächst Kurs auf Zwickau, Plauen, Hof oder Bayreuth nehmen, dann aber unter Weisung eines Captain Kenneth wegen schlechter Sichtverhältnisse in Richtung Lichtenfels abdrehen. 96 Sprengbomben zu je 250 Kilo richteten Verheerendes am Güterbahnhof an.

Tatsächlich bemühte sich Lankes auch um die Protokolle des darauf folgenden Feuerwehreinsatzes und arbeitete mit belastbaren Zahlen zur heimischen Katastrophe. Aber dann verstand er auch den Wechsel ins Große vorzunehmen, um über zehn Jahre zurückzugehen und auf die durch Hermann Göring vorgenommene Gründung des Luftschutzbundes zu verweisen. Diese sah Lankes als ein mindestens starkes Indiz dafür an, dass die Nazis schon zu Beginn ihrer Herrschaft einen Krieg ansteuerten. Überaus besonders aber war, dass es Lankes gelang, das Foto einer über Lichtenfels abwerfenden Bomberbesatzung aufzutreiben. Somit schuf er den eindringlichen Moment, auch den Männern ein freundlich lächelndes Gesicht zu geben, die für 32 Tote in der Heimat sorgten. Aber das Verwunderliche nahm noch größere Dimension an, als der Dozent bemerkte, dass dieser Bombenabwurf vom Februar '45 Teil der Operation Clarion war und von dem Mann verantwortet wurde, der auch zu den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki maßgeblich war: Carl Spaatz.

Mehrmals fand Lankes Gelegenheit, das Lokale in den größeren Rahmen zu stellen oder umgekehrt vorzugehen, den lokalen Aberwitz mit der Gesamtlage in Verbindung zu bringen. Der Vortrag, nach dessen Bewältigung sich Lankes durchaus erschöpft zeigte, dürfte erinnernswert bleiben. Und Interesse für Kommendes von dem Marktgraitzer wecken.

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