Beim Rettungszweckverband Coburg gibt es Überlegungen, die auf einem Gutachten des Institutes für Notfallmedizin fußen, die Burgkunstadter Rettungswache zugunsten eines Standortes in Zettlitz aufzugeben. Zugleich soll der Stellplatz in Weismain, der sich derzeit in der Niestener Straße befindet, zu einer Rettungswache aufgewertet werden, die rund um die Uhr besetzt ist. Die Zeiten der Hilfsfristüberschreitungen würden dann auf dem Jura endgültig der Vergangenheit angehören, in den östlichen Ortsteilen von Burgkunstadt könnten hingegen Fristüberschreitungen auftreten, befürchten viele Burgkunstadter.
Eine verfahrene Situation, über die derzeit in der Öffentlichkeit rege diskutiert wird. Während der Burgkunstadter CSU-Ortsverband vehement für den Erhalt der Rettungswache kämpft, begrüßt der Weismainer Stadtrat Michael Müller, der als ehemaliger Geschäftsführer einer Hilfsorganisation mit der Materie bestens vertraut ist, die Gedankenspiele des Rettungszweckverbandes. Der Fränkische Tag sprach mit beiden Parteien über das Pro und Contra einer Verlegung der Rettungswache von Burgkunstadt in den Marktzeulner Ortsteil Zettlitz.
Eine Eingabe in den Routenplaner fördert es zu Tage: Ob der Rettungswagen nun von Weismain oder Zettlitz aus die östlichen Ortsteile von Burgkunstadt (Kirchlein, Gärtenroth, Wildenroth, Hainzendorf, Reuth, Eben oder Lopphof) ansteuert - immer wird die eingangs genannte Hilfsfrist mit Fahrzeiten von 14 bis 18 Minuten überschritten.
Das ist für die Burgkunstadter Stadträtin Christine Frieß, stellvertretende Vorsitzende des CSU-Ortsverbands, der große Knackpunkt: "Ein Teil von Burgkunstadt wäre zukünftig schlechter gestellt als bisher." Zudem würde sich, so die Kommunalpolitikerin, der Einsatzbereich um Gebiete im Landkreis Coburg und Kronach erweitern, so dass die Rettungswagen vermehrt die Krankenhäuser in Coburg und Kronach anfahren würden. Die Folge für sie wäre eine wesentlich längere Einsatzdauer des Fahrzeugs und die dadurch bedingte längere Abwesenheit im östlichen Landkreis Lichtenfels. Zu bedenken gibt die Stadträtin, dass eine neue Rettungswache in Zettlitz, Geld kosten würde, die das BRK aufzubringen habe.
Die Einsatzzahlen für das Jahr 2010, die vom Institut für Notfallmedizin stammen, sprechen für sie eine klare Sprache: 2010 war es in Burgkunstadt zu 559, in Altenkunstadt zu 403 und in Weismain zu 388 Notfalleinsätzen gekommen. "Der Erhalt unserer Rettungswache hat für uns oberste Priorität", resümiert Christine Frieß.

Michael Müller sieht es anders


Michael Müller, der für die CSU im Weismainer Stadtrat sitzt, kann die Argumente von Christine Frieß nicht nachvollziehen. Die Befürchtung, in den östlichen Ortsteilen von Burgkunstadt werde es zu einer Überschreitung der Hilfsfristen kommen, hält er für unbegründet: "Sie werden von den Rettungsfahrzeugen aus den Nachbarlandkreisen Kronach und Kulmbach mit angefahren." Auf dem Jura funktioniere dies bereits hervorragend: Buckendorf und Kleinziegenfeld würden von Einsatzkräften aus Hollfeld, Seubersdorf aus Thurnau angefahren. Es sei Tagesgeschäft, dass über die Grenzen der einzelnen Rettungszweckverbände Einsätze gefahren würden, so Müller, der seine Sichtweise mit einem Beispiel untermauert: "Als kürzlich bei einem Unfall im Altenkunstadter Ortsteil Pfaffendorf ein Autofahrer in ein Brückengeländer gerast war, kam das Fahrzeug aus dem Landkreis Kronach, weil der Wagen in Burgkunstadt anderweitig besetzt war."
Der Vorschlag der Burgkunstadter CSU, zusätzlich zum Weismainer Zwölf-Stunden-Stellplatz noch einen weiteren in Lettenreuth, Marktzeuln oder Redwitz zu errichten und die Burgkunstadter Wache zu belassen, bringe keine Verbesserung der Situation. "Was nützt eine solche Regelung, wenn sich kurz nach acht Uhr mehrere Notfälle im Burgkunstadter Raum ereignen?", fragt Müller.
Würde man dem Vorschlag des Instituts für Notfallmedizin in München folgen, dann hätte man im Landkreis Lichtenfels drei statt bisher zwei Fahrzeuge, die rund um die Uhr dienstbereit seien: in Lichtenfels, Zettlitz und Weismain. Vor allem nachts ereigneten sich viele Einsätze, sagt Müller, der sich auf Untersuchungen des Instituts für Notfallmedizin beruft. Die Auslastungsquote in dem großen Einzugsgebiet der Rettungswache Burgkunstadt, das von Küps bis Kleinziegenfeld und von Weidhausen bis Mainleus reicht, liege derzeit bei 90 bis 95 Prozent.

Zweckverband entscheidet


Der Notarzt soll weiterhin in Burgkunstadt bleiben. Das ist für den Weismainer ein weiterer Pluspunkt: "Wenn die Ärzte zukünftig zwei Rettungsfahrzeuge in Zettlitz und Weismain zu bedienen haben, dann verdienen sie mehr, die Arbeit wird für sie also attraktiver."
Burgkunstadt werde trotz des Verlusts seiner Rettungswache von der neuen Regelung profitieren, ist sich Müller sicher, denn "es wird zukünftig von zwei Rettungswachen aus angefahren, die in rund sechs Kilometer Entfernung rund um die Uhr besetzt sind. Bislang gab es eine Rettungswache vor Ort und eine 15 Kilometer entfernte in Lichtenfels."
Das letzte Wort in der Angelegenheit hat der Rettungszweckverband Coburg. Der Landkreis Lichtenfels ist in dem Gremium durch Landrat Christian Meißner sowie die beiden Weismainer Kreisräte, Bürgermeister Udo Dauer und Michael Dreiseitel, vertreten.

Die Vorgeschichte


Der Gesetzgeber schreibt bei Notfalleinsätzen eine Hilfsfrist von zwölf Minuten vor, die auf den entlegenen Juradörfern rund um Weismain überschritten wurde.
Über zehn Jahre lang hatte sich der BRK-Kreisverband, unterstützt von der Stadt Weismain und der Bürgerschaft, darum bemüht, einen Stellplatz auf dem Jura einzurichten. Die Beharrlichkeit, mit der das Ziel verfolgt wurde, führte schließlich zum Erfolg: Im Oktober 2009 wurde dieser Stellplatz in Fesselsdorf eingerichtet.
Dies hatte zur Folge, dass sich die Eintreffzeiten des Rettungswagens um bis zu zehn Minuten verkürzten. Am 1. Januar 2011 löste der Arbeiter-Samariter-Bund nach einer öffentlichen Ausschreibung des Rettungszweckverbands das BRK ab.
2011 trat im Freistaat eine neue Version des Rettungsdienstgesetzes in Kraft. Daraufhin mussten sämtliche Rettungsdienstbezirke in Bayern einer neuen Beurteilung unterzogen werden. In diesem Zusammenhang kam es dann Anfang dieses Jahres zu einer Verlegung des Stellplatzes von Fesselsdorf nach Weismain.
Dazu hatte auch das Institut für Notfallmedizin (INM) mit Sitz in München geraten, das regelmäßig Gutachten zur rettungsdienstlichen Situation in Bayern erstellt. Begründung: Bei etwa 95 Prozent aller Einsätze war der Rettungswagen in Richtung der beiden Kunstädte oder nach Weismain gerollt; nur bei unter zehn Prozent aller Einsätze auf dem Jura war der Wagen bei der Alarmierung im Dorf gestanden, weilte also oft zur Gebietsabsicherung andernorts im östlichen Landkreis. In Fesselsdorf und der unmittelbaren Umgebung wurden lediglich zwei Einsätze im vergangenen Jahr registriert.

Zettlitz vorgeschlagen


Die Krönung für die Weismainer wäre es nun, wenn dieser Standort zur Rettungswache hochgestuft werden würde. Ferner wurde im Rettungszweckverband Coburg, dem die Landkreise Coburg, Lichtenfels und Kronach sowie die Stadt Coburg angehören, die Idee geboren, die Burgkunstadter Rettungswache zugunsten eines Standorts in Zettlitz aufzugeben, von dem aus auch weiterhin den südöstlichen Landkreis Coburg (Weidhausen/Sonnefeld) und der südliche Landkreis Kronach mit abgedeckt werden soll, was bislang von Burgkunstadt mit erledigt wurde. Ziel der Umstrukturierung ist eine ausgewogene Auslastung der Einsatzfahrzeuge.