Bad Staffelstein
Dreharbeiten

Wo Luther seine Tochter beerdigt

Vor der Marienkapelle in Kaider entstehen derzeit Szenen für einen ARD-Film über den Reformator. In dem kleinen Ort freut man sich über den Trubel.
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Elfriede Bechmann steigt den Hügel hinauf zur Marienkapelle. Unter ihrem Arm klemmt ein geflochtener Korb, darin eine Flasche Schnaps und ein Schmalzbrot. "Selbst gebacken", sagt Bechmann, die in Kaider geboren ist und bis heute in ihrem Elternhaus wohnt. "Und der Schnaps ist gebrannt aus unserem eigenen Bio-Obst. Riechen Sie mal!", sagt sie und öffnet den Verschluss. "Ich werde den Schauspielern nachher mal ein Schnäpsla anbieten."
Die Schauspieler sind zwar noch nicht da, der Rest des Filmteams ist aber schon um die Marienkapelle versammelt: Etwa 25 Leute, darunter die Kamerafrau, der Tontechniker und viele andere. Denn die Wiese vor der Kapelle in Kaider dient als Drehort für den ARD-Film Katharina von Bora, Martin Luthers Ehefrau.
Anlass für den Film ist der 500. Jahrestag der Reformation im komenden Jahr, dementsprechend ist die Erstausstrahlung in der ARD für nächstes Frühjahr geplant.
Gedreht wird von Mai bis Juli in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Bayern. Spricht man die Dorfbewohner Kaiders auf den Film an, sprechen sie von einer "Sensation".
Der Aufnahmeleiter lehnt an einem Grabstein und steckt sich eine Zigarette an. Funkgerät in der Brusttasche, auf dem Kopf eine Schiebermütze: Philipp Alzmann hat alles im Griff. "Das Wetter spielt jetzt auch noch mit, pünktlich zu Beginn", sagt er und blickt Richtung Westen, wo die Wolken langsam den blauen Himmel freigeben. "Hinter dem Hügel dort geht die Sonne unter, dann können wir schön mit Gegenlicht filmen." Das ist einer der Gründe, warum in Kaider gedreht wird. Auf der Suche nach Drehorten sind Scouts die Gegend vorher abgefahren. Gesucht wurde eine geeignete Szenerie für die Beerdigung der zwölfjährigen Tocher von Martin und Katharina Luther.


Grabsteine aus Styropor

"Die schöne, alte Kapelle und die wunderbare, wild gewachsene Wiese sind für uns ideal", erklärt Alzmann. Das Team hat extra für den Dreh Grabsteine vor der Kapelle aufgestellt, insgesamt drei Tage sollen sie dort stehen. Alzmann klopft dagegen. "Alles Styropor", sagt er, dann rauscht sein Funkgerät und er entschuldigt sich.
Ein paar Schritte weiter steht Elfriede Bechmann, den Korb noch immer im Arm. "Ein Friedhof in Kaider, das ist toll. Dann müssen wir nicht mehr nach Frauenberg", sagt sie und kichert. "Ich nehme den Grabstein da!", witzelt ein anderer Dorfbewohner.
Ein Wagen mit Ausrüstung und ein Pavillon für die Schauspieler stehen hinter der Kapelle. An der Eingangspforte lehnt eine Mikrofonangel, ein paar Mitarbeiter sitzen auf einer Bierbank, die Blicke Richtung Norden. Sie sehen eine Frau in roter Bluse, die den Trampelpfad vom Dorfzentrum hinaufsteigt. Korblumen leuchten durch das hohe Gras, Hummeln und Schmetterlinge brummen und flattern umher auf der Suche nach Nahrung. Unter dem Hügel erstreckt sich Kaider mit seinen Fachwerkhäusern und Spitzdächern.
Die Frau mit der roten Bluse marschiert an den Gräbern vorbei und spricht ein wenig mit den Mitarbeitern des Filmteams. Seit Jahren kümmert sie sich um die Marienkapelle, sie putzt und schmückt sie, wenn im Sommer die Touristen kommen. "Entschuldigung, aber letzte Woche habe ich ausnahmsweise nicht sauber gemacht", sagt sie und bringt damit die Mitarbeiter zum Schmunzeln. Dass sich die Anwohner so um sie kümmern, dürften sie selten erlebt haben.
Die Sonne bricht endgültig aus den Wolken, der Tontechniker zieht seinen Pullover aus. "Wahnsinn, wer hätte gedacht, dass wir hier in der Sonne stehen", sagt einer. Dann werden die Kameras positioniert und die Mikrofone ausgerichtet. Am Rand des Friedhofs stehen zwei Klappstühle, auf denen "Regie" steht.
Kurz darauf betritt Martin Luther mit seiner Frau die Szenerie. "Moin, moin" sagt er und blickt sich um. "Kameras haben hier überhaupt nichts zu suchen!" ruft er hinüber. Die Dorfbewohner werden gebeten, ein wenig Abstand zu halten während der Filmaufnahmen, um die Schauspieler nicht zu stören. Karoline Schuch und Devid Striesow standen zuletzt gemeinsam für den Kinofilm "Ich bin dann mal weg" vor der Kamera. "Die Beerdigung der Tochter von Katharina und Martin Luther ist eine der anspruchsvollsten Szenen", erklärt eine Mitarbeiterin der Filmcrew.


Kaider nimmt Anteil

Unten an der Hauptstraße unterhält sich Andreas Pfarrdrescher mit einer jungen Familie. Er ist Ortssprecher und sitzt im Stadtrat, heute trägt er einen Blaumann. Den ganzen Tag über stand er bei der Kapelle und hat fotografiert, die Freude über die Wahl Kaiders als Drehort ist ihm anzusehen. "Wann hat man schon die Chance, sowas hier zu sehen?", sagt er.
"Es ist echt faszinierend, wie viel hier los ist." Auch einige der 90 Bewohner von Kaider nutzten die Gelegenheit, professionelle Dreharbeiten aus der Nähe zu beobachten. "No freilich", sagen sie auf die Frage, ob sie sich den Film im nächsten Jahr anschauen werden. Auch Bechmann hat sich das fest vorgenommen. Aus ein wenig Entfernung hat sie sich die Aufnahmen angesehen. "Einmal mussten sie die Szene wiederholen, weil im Hintergrund ein Transporter vom Steinbruch gefahren ist", erzählt sie. Den Schnaps hat die Filmcrew dankend abgelehnt, das Schmalzbrot aber ist fast aufgegessen. Bechmann hat es während des Drehs an Mitarbeiter verteilt, "die da rumgerannt sind". Als Aufnahmeleiter Alzmann davon hört, muss er lachen. "Das ist ja herrlich."
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