Lichtenfels
Tattoo-Convention

Tattoo-Convention in Lichtenfels: Wie die Haut zur Erzählerin wird

Tätowierungen aller Art stehen im Mittelpunkt dieser Messe. Hinter Bildern und Sprüchen, die man am Körper trägt, stecken oft persönliche Geschichten.
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Stillhalten und es aushalten heißt es, wenn eine Tätowierung gestochen wird. Fotos: Markus Häggberg
Stillhalten und es aushalten heißt es, wenn eine Tätowierung gestochen wird. Fotos: Markus Häggberg
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Zum wiederholten Male fand am Wochenende die Tattoo-Convention in der Stadthalle in Lichtenfels statt. Zum wiederholten Male Anlass, eine Welt für sich zu betreten. Einblicke und Ausblicke rund um Haut, Farbe und Süchte.

Gleich hinter dem Eingang stand er: Der Mann, der nicht wusste, wem er gleicht. Wer jemals Moby Dick gesehen oder gelesen hat, wird Queequeg nie vergessen - jenen Südseeprinzen, der Harpunier und Zylinderträger wurde. So ungefähr wirkt Alan auch, denn er trägt einen Hut, der auf dem Weg zum Zylinder scheint, und seine Tätowierungen machen auch vor dem Gesicht nicht Halt. Darauf angesprochen, fühlt er sich geschmeichelt, den Film hat er nie gesehen. Seinen Nachnamen verrät er nicht, und spricht er, so klingt er sanft und gütig. Doch blickt er in die Kamera, weiß er um die Wirkung seiner tätowierten Mimik. Und setzt sie ein.

Die V2-Freunde aus Coburg sind stets Ausrichter der Messe, die alljährlich nach Lichtenfels kommt. Ein Sirren schwirrt hier in der Luft, und dicht an dicht stehen mit dunklem Stoff ausgeschlagene, halboffene Boxen als Stände. V2 steht für einen Motortyp, die V2-Freunde sind ein Motorradverein. Das Sirren rührt von den Tätowiermaschinen, und die sind an beinahe jedem der 46 Stände im Einsatz.
46 Stände 2016, 46 Stände 2017 und für 2018 sei auch schon Interesse angemeldet, heißt es. Es ist die Szene Frankens, die sich hier trifft, es gibt aber auch Tätowierer aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder den neuen Bundesländern.

2500 Besucher werden an zwei Tagen erwartet, erhofft - jedenfalls ist das der Richtwert vergangener Jahre. Zehn Ordner, 40 Personen im Aufbau, im Abbau, im Ausschank. Doch die Geschichten liegen abseits des Organisatorischen.

So wie bei Bea vom "House of Pain" aus Magdeburg. House of Pain heißt Haus der Schmerzen, und zu dieser Seite des Tätowierens und Tätowiertwerdens bekennt sich Bea. Wie so viele hier legt sie keinen Wert darauf, auch ihren Nachnamen zu benennen. Doch sie erzählt: "Wer sich was auf die Haut machen lässt, steht definitiv auf Schmerzen." Ihr Rücken, sagt sie, habe nur mit dem Tod zu tun. Der griff in ihrer Familie um sich und hinterließ dann auf ihr Motive wie verwelkte Blumen oder Kreuze, einen ganzen Rücken lang. Dass Tätowiertwerden beim Verarbeiten von Erlebtem helfen könnte, bezweifelt die Frau. "Oftmals sind die Motive eine Wiedergabe der Wiedergabe", sagt sie. Hat sie verarbeitet? "Ich denke jeden Tag daran." Aber auch deshalb, weil sie sich den Verstorbenen nie von der Zeit aus dem Kopf schlagen lassen möchte. Tattoo ist Erinnerungsstütze.
Jenny und Micha kommen aus Neustadt bei Coburg. Doch während Micha unauffällig ist, lässt Jenny tief blicken. Carpe diem steht auf ihrem Dekolleté zu lesen. Die Frage muss sie sich gefallen lassen: "Wenn Ihnen Menschen nicht direkt nur in die Augen schauen - stört Sie das?" Nein, sagt sie, denn sie wisse sehr wohl, dass sie ihr Tattoo an exponierter Stelle trage. Das Paar ist auch aus der Branche, stellt aber nicht aus. Es hat Wochenende. Den professionellen Blick aber auch. Seine Meinung: "Ganz schlecht ist hier keiner, es gibt aber auch Mittelmaß."


Wie eine Sucht

Zwei Trends sind erkennbar. Der, das Tattoo auch wieder weglasern zu lassen, sowie der, Frauengesichter auf die Haut aufzutragen, die so aussehen, als würde eine Totenkopfmaske darüber geschminkt. La Catrina heißt das und kommt aus Mexiko. Wird hier jemand auf die Sucht des Tätowiertwerdens angesprochen, räumt er zumeist ein. So ist das. Eigentlich das einzige Metier, in dem Angesprochene ihre "Sucht" belächeln.
Silvia ist 55 und kommt aus Kempen. Ihren Vornamen darf man wissen, auch dass sie sich Augen unter die Papillen hat tätowieren lassen. Papillen, nicht Pupillen. So trägt sie nun also ihre Brustwarzen beäugt und gibt zu, dass sie in der Auswahl ihrer Motive sprunghaft sein kann. "Find' ich schön, will ich haben - Ende!" Sie ist hier am "Lucky Tattoo-Stand", tätowiert nicht, macht aber für alle hier am Stand die Finanzen und Abrechnungen. Die vertrauen ihr, sind ja selber tätowiert. Die Mutter dreier Kinder erzählt davon, dass sie "selbst Schwierigkeiten, ne Putzstelle zu kriegen" hatte, geschweige denn eine Wohnung. Ihre Tattoos lassen sich durchaus als Trotz erklären. "Weil die Leute falsch sind, möchte ich ihnen Futter geben. Die Leute sollen reden."

Yvonne aus Hirschaid ist da anders. Die 43-jährige Hausfrau und Mutter wäre gerne Flugtriebwerksingenieurin geworden und sagt, sie wisse jetzt, nach einem Schicksalsschlag, was zu bewältigen sie in der Lage sei. Damit ihr das auch immer gewahr bleibt, hat sie es sich in englischer Sprache auf den linken Oberschenkel stechen lassen. Möchte sie es nachlesen, bedürfte es eines Spiegels, der das Gestochene dann kontert.
Ein Sirren liegt in der Luft, und es viele Beweggründe dafür.
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