LKR Lichtenfels
Mobilfunk

Wenigstens ihre Wohnung ist WLAN-frei

Für ihr jetziges Zuhause in Bad Staffelstein hat eine Frau vieles aufgegeben, nachdem sie überzeugt war, dass Mobilfunk sie krank gemacht hat.
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Rita Wittmann am Fenster ihrer Wohnung in Bad Staffelstein. Draußen ist die Belastung größer. Foto: Popp
Rita Wittmann am Fenster ihrer Wohnung in Bad Staffelstein. Draußen ist die Belastung größer. Foto: Popp
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Es fing schleichend an. Rita Wittmann fühlte sich oft müde, schlief schlecht. Ein paar Jahre nachdem der Mobilfunkmast knapp 150 Meter neben ihr Haus gesetzt worden war, wurde sie richtig krank. Sie kam mit nächtlichem Herzrasen in die Klinik, hatte Nervenzuckungen, ihr Immunsystem war geschwächt. Dabei erfreute sie sich früher bester Gesundheit. Sie führte ihre eigene Gärtnerei im Landkreis Bamberg. Es dauerte, bis durch Messungen in ihren Wohnräumen ein Zusammenhang mit der elektromagnetischen Strahlung ausgemacht wurde. Genützt hat ihr das nichts. "Du hast keine Chance, so lange die erlaubten Grenzwerte nicht überschritten werden", sagt Rita Wittmann. Und die Grenzwerte in Deutschland zählen zu den höchsten im internationalen Vergleich. Bis sie an einen Umweltmediziner gelangte, für den ihre Symptome schlüssig waren, wurden der verzweifelten Frau von Ärzten Psychopharmaka verabreicht.
"Sie haben mich ruhig gestellt, aber meine Beschwerden sind geblieben." Rita Wittmann war klar, dass sie weg musste von dieser Dauerbestrahlung, weg von ihrem Betrieb und ihrem Haus. Dabei empfindet sie es heute als Glück, dass sie beides verkaufen und sich so in Bad Staffelstein eine neue Wohnung leisten und den Verdienstausfall abfedern konnte. Andere Betroffene, die wie sie nicht mehr arbeitsfähig sind, werden schnell zu Hartz-IV-Empfängern. "Weil es sich nicht um eine anerkannte Krankheit handelt, bekommen wir auch keine Rente." Präparate zur Stärkung des Immunsystems zahle keine Krankenkasse.

Die beste Regeneration erfährt Rita Wittmann in ihrem Zuhause. Die Wohnung, in die sie 2013 mit ihrem Mann gezogen ist, befindet sich in einem Sentinel-Haus, das nach strengen Kriterien gebaut wurde, um Schadstoffbelastungen so niedrig wie möglich zu halten. Von außen dringt kaum elektromagnetische Strahlung hinein, und innen garantiert ein Notarvertrag zwischen den Eigentümern, dass kein WLAN installiert oder Schnurlostelefone verwendet werden. An diesem Rückzugsort kann die immer noch an einer Vielzahl von Unverträglichkeiten leidende Frau sich erholen. Viele Elektrosensible wünschen sich das. Der Erlanger Verein zur Hilfe umweltbedingt Erkrankter mit bundesweit etwa 200 Mitgliedern hat sich für den Bau entsprechender Wohnungen stark gemacht, doch es gibt keine Fördermittel und keine Lobby. Die Geschäftsführerin, Monika Frielinghaus, ist selbst Betroffene. Seit vor einem halben Jahr ein Feuerwehrmann in die Wohnung unter ihr gezogen ist, haben sich ihre Beschwerden massiv verstärkt. Seit der Umstellung auf den Digitalfunk - der Tetra-Standart gilt unter Kritikern als besonders schädlich - weiß sie, dass sie nicht bleiben kann. Bei Politikern haben die Anliegen des Vereins bislang keine Unterstützer gefunden, wie Frielinghaus schildert. Sie glaubt auch zu wissen, warum: "Die wollen sich nicht die Finger verbrennen." Schließlich gehe es im Mobilfunkbereich um ein Milliardengeschäft. Die Bestrebungen, das Netz weiter auszubauen und flächendeckend für freies WLAN zu sorgen, sind für Betroffene bestürzende Nachrichten. "Wir werden damit extrem belastet", sagt die Vereinsvertreterin. Es gebe kaum mehr Rückzugsgebiete. Ein Mitglied lebe derzeit in einem Wohnwagen in einem Funkloch und werde von Freunden versorgt. Auch für Rita Wittmann ist die Belastung außerhalb der eigenen vier Wände spürbar größer geworden. "Ich kann nirgendwo anders übernachten, in Hotels ist fast überall WLAN." Längere Zugfahrten sind für sie unerträglich. Selbst eine kurze Radtour wird unter entsprechenden Gesichtspunkten geplant. Nach ein paar Stunden zu Besuch oder im Restaurant geht es ihr einen ganzen Tag lang schlecht. Sie vergleicht das mit einer schweren allergischen Reaktion. Trotzdem strahlt Rita Wittmann Lebensfreude aus. Sie warnt aber vor sorglosem Umgang mit dem Thema Mobilfunk. "Man weiß doch nicht, was es für Spätfolgen gibt. Asbest ist auch erst als ungefährlich eingestuft worden."


"Möglicherweise krebserregend"

Vor zwölf Jahren wurde in Lichtenfels die Bürgerinitiative "Strahlungsarmer Mobilfunk" gegründet. Ihr Sprecher Michael Kolb berichtet von einem guten Zusammenwirken mit der Stadtverwaltung. Dadurch habe man insofern auf Standorte von Funkmasten Einfluss nehmen können, dass der Abstand zur Wohnbebauung größer als ursprünglich von den Betreibern geplant wurde. Der Abstand ist eines der wichtigsten Anliegen der Bewegung, die sich nicht als Gegner definiert haben will. "Die Mobilfunk-Versorgung soll gesichert, überall ein Notruf via Handy möglich sein", betont Kolb. Außer dieser Grundversorgung sollte nichts weiter aufgebaut werden. Deshalb hat ihm auch die Art und Weise missfallen, wie sich die Lichtenfelser Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner (CSU) kürzlich für den Mobilfunkausbau ausgesprochen hat. Politiker sollten sich für gesundheitsverträgliche Lösungen einsetzen. Den Menschen müssten Erholungsräume bleiben, vor allem Schlafbereiche, an denen sie nicht rund um die Uhr "vollgefunkt" werden. Michael Kolb bezeichnet sich übrigens selbst als Technik-Freak. Er unterrichtet Informatik an der Realschule, seine beiden Kinder sind Teenager, beide mit eigenem Smartphone. "Sie nutzen es für gezielte, kurze Anrufe - oder für Spiele offline", berichtet der Vater. Über diesen bewussten Umgang ist er froh, denn für ihn gilt der Vorsorgegrundsatz. Gerade in Schulbussen oder in der Bahn sei wegen des physikalischen Effekts des Faradayschen Käfigs die Sendeleistung und somit die Belastung für den einzelnen besonders hoch. Seit vielen Jahren schon wird elektromagnetische Strahlung in Zusammenhang mit der Entstehung von Gehirntumoren und Demenzerkrankungen wie Alzheimer oder auch Konzentrations- und Schlafstörungen gebracht. Vermehrt Nervenerkrankungen bei Kindern, ADHS - das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom - beobachtet er selbst bei Schülern. 2011 aber hat die Internationale Krebsforschungsagentur der WHO Mobilfunkstrahlung erstmals als "möglicherweise karzinogen" eingestuft. Es gab bei dem Votum von 31 Wissenschaftlern aus 14 Ländern nur eine Gegenstimme, wie einem Bericht der Forschungsstiftung Pandora zu entnehmen ist. Diese Gegenstimme stammte von einem Vertreter aus Deutschland. Der hier festgelegte Grenzwert ist einer der höchsten weltweit. Seriöse Institute empfehlen, im Sinne eines vorsorgenden Gesundheitsschutzes für hochfrequente elektromagnetische Strahlung Werte einzuhalten, die um den Faktor 100 unter den in Deutschland festgelegten Grenzwerten liegen. Diese stützen sich nämlich ausschließlich auf thermische Effekte und auf Studien, bei denen zweifelsfrei Schädigungen nachgewiesen wurden. Viele Wissenschaftler bezweifeln jedoch, dass der Erwärmungseffekt der einzige biologisch relevante Effekt elektromagnetischer Strahlung ist. In der Schweiz haben Forschungsergebnisse bereits zu einer drastischen Absenkung der Vorsorge-Grenzwerte für die Bevölkerung geführt.


"Es würde einen Riesenaufschrei geben"

"Funkstrahlen wirken auf die Kraftwerke im Zellkern", fasst Michael Kolb zusammen, was er aus Forschungsergebnissen herauslesen konnte. "Je nachdem, wie sensibel einer ist, wirkt sich das aus." Man werde sich lange sträuben, dies anzuerkennen, denn es würde einen Riesenaufschrei geben, meint Kolb. Schützende Maßnahmen wie ein Senken der Grenzwerte hält er für geboten; außerdem Nutzung und Ausbau des Festnetzes durch Glasfaserkabel. Ängste möchte er nicht schüren. Wenn jemand seinen Wohnbereich beurteilt haben möchte, ist er gern mit Messungen behilflich.


Aus der Politik

Der Freistaat Bayern soll mit einem engmaschigen Netz von WLAN-Hotspots überzogen werden, wie Minister Markus Söder (CSU) bekanntgegeben hat. Laut Ministerin Ilse Aigner (CSU) gibt es Überlegungen zu einem Förderprogramm für den Mobilfunkausbau. Auch die heimische Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner (CSU) hat sich dafür ausgesprochen. Diese Ausbaupläne werden auch mit Sorge zur Kenntnis genommen - vor allem von elektrosensiblen Menschen. Die Bundesärztekammer warnte: Es gebe gewichtige Hinweise aus Tierversuchen, dass die Strahlen auch unterhalb der gültigen Grenzwerte schädigen können. Sie forderte das Bundesamt für Strahlenschutz auf, sich mit den seriösen Forschungsergebnissen auseinanderzusetzen. MdB Emmi Zeulner sagt dazu: "Für mich haben die Anliegen der Bürger in meinem Wahlkreis Priorität. Ich nehme die Sorgen um die Auswirkungen von elektromagnetischen Strahlen sehr ernst. Es gilt, die wissenschaftlichen Ergebnisse dazu in die weiteren Überlegungen mit einzubeziehen und gegebenenfalls entsprechende Schutzmaßnahmen zu erarbeiten. Mir als Gesundheitspolitikerin ist es wichtig, dass ein Ausbau von WLAN-Hotspots und Mobilfunk nicht zu Lasten der Gesundheit geht. Dennoch halte ich einen kontinuierlichen Ausbau von Breitbandversorgung und Mobilfunk gerade für den ländlichen Raum für unerlässlich. Für Wirtschaft, Arbeitnehmer und -geber sowie junge Familien ist eine adäquate Versorgung ein wichtiger Standortfaktor, der die Wettbewerbsfähigkeit Oberfrankens sichert."


Ringen um mehr Abstand auch in Altenkunstadt

Die Bürgerinitiative Mobilfunkstandort Altenkunstadt (BI) stellt im Vorfeld der Gemeinderatssitzung am 7. Juni einen neuen Antrag auf Beschlussfassungen zu einem vorsorgeorientierten Mobilfunk. Dies sollte in öffentlicher Sitzung geschehen. Nachdem die Gemeinderäte mit Mobilfunkanbietern einen Alternativstandort nur 250 Meter vom ersten Haus an der Hangkante des Gemeindebergs Külmitz ausgehandelt haben, müsse dieser strahlenminimiert gestaltet werden, um die Bevölkerung zu schützen, so die Forderung. Die BI verlangt eine ergänzende Begutachtung durch das Umweltinstitut München, und zwar bei Nutzung des Mastes durch drei Mobilfunkanbieter bei voller Leistung, wovon ausgegangen werden müsse. Künftig werden Techniken mit noch höherer Strahlenbelastung installiert, so die Annahme. Durch die beantragte Gutachtenerweiterung und Berücksichtigung im Dialogverfahren mit den Mobilfunkbetreibern verspricht sich die Initiative einen optimierten Standort - weniger Strahlung bei gutem Empfang. Sie fordert zudem eine vollständige Umsetzung vorsorgeorientierten Mobilfunks in allen Gemeindeteilen. Die BI versteht sich als Interessenvertretung der Mehrheit der wahlberechtigten Altenkunstadter und sieht es als Erfolg an, dass immerhin zwei Mobilfunkstandorte verhindert wurden, zwei Standorte abgebaut werden und dafür ein Standort außerorts entsteht - auch wenn ein Großteil der Mitglieder den ortsnahen Mast nicht gutheißt. Sie haben öffentlich auf eine Krebsgefahr hingewiesen und für einen größeren Abstand von 1000 Metern plädiert, wobei immer noch ausreichend Empfang gewährleistet wäre.


Starke Belastung durch Schnurlostelefone und WLAN im Haus

Bei einer Veranstaltung im September soll in Altenkunstadt ein Referent über die Vermeidung oder Reduzierung von Funklösungen wie WLAN und Schnurlostelefonen mit DECT-Technik im privaten Bereich informieren. Diese stellen in Haushalten oft die stärkste Belastung dar.

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