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Vogelgrippe

Tiere und Vereine im Kreis Lichtenfelssind durch die Stallpflicht gefährdet

Rassegeflügelzüchter und Privathalter sind genervt, die Tiere leiden. Wie lange soll das noch weitergehen mit der Stallpflicht?
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Im Ausgangsbereich ihres Stalles wartet eine Gans vergeblich darauf, von Andreas Scheumann (rechts) oder Andre Karl (links) hinausgelassen zu werden. Foto: Alexandra Kemnitzer
Im Ausgangsbereich ihres Stalles wartet eine Gans vergeblich darauf, von Andreas Scheumann (rechts) oder Andre Karl (links) hinausgelassen zu werden. Foto: Alexandra Kemnitzer
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Viele Tiere sitzen an den Fenstern ihrer Ställe und blicken sehnsüchtig nach draußen oder warten vor der verschlossenen Tür, leider vergeblich. Bei diesem Anblick blutet den Züchtern das Herz. Obwohl die Wirksamkeit der Aufstallung gegen die Vogelgrippe (H5N8) nicht belegt ist, müssen in Bayern nach wie vor auch die Rassegeflügelzüchter und Privathalter die Aufstallungspflicht einhalten. Das bringt auch die hiesigen Züchter auf die Palme.

Täglich müssen sie mit ansehen, wie sehr ihre Tiere darunter leiden, denn eine Lockerung dieser Pflicht gibt es nach wie vor nicht. Viele Züchter betreiben ihr Hobby seit Jahrzehnten und sind sich ihrer Verantwortung für ihre Tiere bewusst, denn für Rassegeflügelzüchter sind ihre Tiere das Wertvollste. Wenn die Stallpflicht weiter bestehen bleibt, wird das Geflügel bis 20. Mai oder darüber hinaus im Stall bleiben müssen, was gravierende Auswirkungen für die Nachzucht hat.


Bedauernswertes Dasein

"Die Tiere nicht hinauslassen zu dürfen und 24 Stunden im Stall zu halten, hat nichts mit art- und tierschutzgerechter Freilandhaltung zu tun", betont Andre Karl, Vorsitzender des Kreisverbandes Coburg der Rassegeflügelzüchter. Das sehen auch Andreas Scheumann, Zuchtwart im Kreisverband Lichtenfels, und Fritz Bauer, ehemaliger Vorsitzender des Kreisverbands Kronach, so. Während sich die Tiere der Hobbyzüchter sonst viel im Freien bewegen könnten, viel Tageslicht erhielten, was für die Stärkung ihres Immunsystems wichtig sei, fristeten sie nun monatelang ein bedauernswertes Dasein in zu kleinen Ställen. Dieser Widerspruch zum Tierschutzgesetz schlägt den verantwortungsbewussten Hobbyzüchtern gehörig auf den Magen.

"Gänse sind Weidetiere und haben daher massive Probleme mit der Aufstallung", erklärt Andreas Scheumann, der selbst Groß- und Wassergeflügel sowie Tauben züchtet. Um seine gefiederten Freunde wenigstens über das Futter etwas Abwechslung zu bieten und sie zu beschäftigen, mischt er frisches Obst oder Gemüse unter. Ein schwacher, aber wenigstens kleiner Trost.


Befriedigung grundlegender Bedürfnisse ist im engen Stall nicht möglich

Neben dem sozialen Stress besteht für die Tiere eine erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten. Hinzu kommen Nahrungsverweigerung, aggressives Verhalten und die Tatsache, dass die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse, wie beispielsweise die Pflege des Gefieders, nicht möglich sind. Hinzu kommt, dass Nachzuchten massiv gefährdet sind. So vollzieht das Wassergeflügel beispielsweise den Paarungsakt nur im Wasser. Auch das Wachstum von Jungtieren wird verzögert, wenn diese nicht ins Freie gehen können. "Durch diesen Umstand sind auch alte Rassegeflügelarten in ihrem Bestand gefährdet", gibt Andre Karl zu bedenken.

Nachzuchten seien heuer recht wenig oder gar nicht vorhanden sein. "Viele Züchter lassen ihre Tiere nicht brüten, weil ihnen die derzeitige Situation zu unsicher ist, oder überlegen, ihr Hobby ganz aufzugeben", erklärt der Kreisvorsitzende weiter.


Manche halten sich nicht an die Vorschriften und riskieren ein Bußgeld

Trotz verhängter Stallpflicht halten sich manche Züchter oder Privathalter nicht an die Vorschriften und nehmen Bußgelder in Kauf, da sie das Leid der Tiere einfach nicht mehr mitansehen können und ihnen eine tierschutzwidrige Haltung widerstrebt. Vielen von ihnen sei es auch nicht möglich, Hygienemaßnahmen in der vorgeschriebenen Form durchzuführen, wenn sie keinen massiven, frostfreien Stall haben, gibt Andreas Scheumann zu bedenken.

Auch wenn nahezu in fast allen Bundesländern die Viruserkrankung H5N8 bei Wildvögeln nachgewiesen wurde, gilt nicht überall die Stallpflicht, denn diese Entscheidung treffen die Bundesländer. Bestätigung dafür, dass diese Zwangmaßnahme nichts bringt, sehen die Züchter in den Ausführungen des Friedrich-Löffler-Instituts bestätigt. Die dortigen Experten kommen zu dem Schluss, dass die getroffenen Maßnahmen das Seuchengeschehen bei Wildvögeln nicht beeinflussen. Für die drei Hobbyzüchter ist nicht nachvollziehbar, warum die Politiker nicht den Fachleuten folgen. Diese zweifeln daran, dass mit dem Vogelzug im Herbst und Frühjahr das Virus übertragen wird. "Wo ich wohne, bin ich vom Vogelflug weit entfernt, muss aber meine Tiere eingesperrt lassen", beschwert sich Fritz Bauer und nennt die Vorschriften überzogen. "Wir in Oberfranken haben die geringste Dichte der Fälle in ganz Bayern. Bisher wurde nicht einmal eine Hand voll toter Tiere hier gefunden", merkt Andreas Scheumann an. In Baden-Württemberg, wo es doppelt so viele verendete Tiere gegeben habe, sei die Stallpflicht gelockert worden.


Ein vermuteter Zusammenhang

In der verhängten Aufstallpflicht in Bayern und dem schleppenden Vorweihnachtsgeschäft der Wirtschaftsgeflügelbetriebe im letzten Quartal 2016 bringen die drei in einen Zusammenhang. Diese Betriebe erhielten für Keulungen Ausfallzahlungen nach Gewicht, erklären sie. Etwa 60 bis 70 Prozent der bekannten Fälle seien in geschlossenen Wirtschaftsbetrieben festgestellt worden, obwohl dort die höchsten Hygienevorschriften eingehalten würden. Von außen gelangten lediglich Futter und Wasser sowie in manchen Betrieben Einstreu ins Innere.

Des Weiteren sehen die Vertreter der drei Kreisverbände den Gesetzgeber in der Pflicht. Das Tierseuchengesetz stamme aus dem Jahr 1972 und müsste längst aktualisiert werden. Nach Ansicht von Andreas Scheumann haben die Entscheidungsträger seit der letzten großen Vogelgrippewelle (2006) nichts dazu gelernt, was enttäuschend sei.

Mittlerweile werden in vielen Vereinen die negativen Auswirkungen offensichtlich. Andre Karl sagt, neben der kleiner werdenden Zahl an Aktiven und an Mitgliedern hätten Vereine finanzielle Einbußen zu verkraften. Schauen und Ausstellungen, die in den vergangenen Monaten nicht hätten abgehalten werden können, hätten vorfinanziert werden müssen. Oder es fehlten einfach die erhofften Einnahmen. Die Züchter hoffen nun auf Einsicht der Entscheidungsträger.

Auf Bezirksebene ist deshalb noch vor der Bezirksversammlung (Ende April) eine Informations- und Aufklärungsveranstaltung mit den hiesigen Landtags- und Bundestagsabgeordneten sowie interessierten Besuchern geplant. Ihnen soll verdeutlicht werden, dass eine generelle Aufstallpflicht in Betrieben von Rassegeflügel- und Hobbyzüchtern das Ausbreiten der Vogelgrippe nicht eindämmt.

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