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Lichtenfels
Prozess

Staffelsteiner fordert per Mail eine Million als "Schweigegeld"

Ein 35-jähriger Staffelsteiner, der wirre E-Mails verschickt hatte, muss sich wegen Beleidigung und des Versuchs einer Erpressung vor Gericht verantworten. Nun soll sich ein Psychiater ein Bild vom Zustand des Angeschuldigten machen.
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Der Angeklagte gab Rätsel auf. Wie gesund ist er wirklich? Ein psychiatrisches Gutachten soll nun klären, wie seine Beleidigungen und der Versuch einer Erpressung einzuschätzen sind. Am 24. Juli wird das Verfahren im Amtsgericht wieder aufgenommen. Bis dahin will sich ein Psychiater "in die Kurve" legen, also sputen. Ihm werden nun Daten zu dem 35-jährigen Staffelsteiner zugänglich gemacht.

Wirr und vollkommen haltlos waren die Vorwürfe des Angeschuldigten, die er per E-Mail an einen 41-jährigen Staffelsteiner verschickt hatte. Erstmalig am 22. Oktober 2012 sandte er dem 41-Jährigen, den er während des gestrigen Gerichtsverfahrens sogar als Freund bezeichnete, eine Botschaft mit der Überschrift: "Ein neuer Adolf?" Dabei bezichtigte er den Adressaten, ihn, den Absender, auf eine grundsätzliche Offenheit gegenüber nationalsozialistischem Gedankengut hin abgeklopft zu haben.

In der gleichen Mail aber unterstellte der Beschuldigte dem 41-jährigen Bauzeichner gleichzeitig eine Kuppelei. So soll ihn dieser mit einer schwarzen Frau verbandelt haben wollen. "Ist kläglich gescheitert. Mal im Ernst, wie soll das gehen, erst Hass auf Schwarz eintrichtern, und dann zusammenführen?", lautete eine weitere Passage. Danach äußerte er noch, dass der Betrieb des Bruders seines Adressaten Gelder nach Liechtenstein bringe. Ferner war noch von Habgier die Rede und davon, dass der E-Mail-Empfänger Drogen zu sich nehme und wohl ohne Hanf nicht mehr schlafen könne.

E-Mails wie diese erhielt der Bauzeichner häufiger, insgesamt an die 200 Stück, wie er im Zeugenstand sagte. Mehr noch: Tatsächlich soll der Angeklagte auch ein Paket mit Zetteln nahe seiner Wohnung abgelegt haben. Damit habe er die Mutter des Zeugen in Panik versetzt, die von den wirren Vorwürfen mitbekam und nun sogar "Todesangst" ausgestanden habe.

In einer anderen Mail äußerte sich der Angeklagte erpressend wie folgt: "Die Polizei würde ich nicht einschalten, denn wer letzten Endes im Gefängnis landet, steht ja wohl schon fest." Danach forderte er den Mann, den er als Freund bezeichnete, dazu auf, endlich heimzugehen und eine Beichte abzulegen. Dann forderte er allen Ernstes 1.000.000 Euro als "Schweigegeld", gab seine Kontonummer und Bankverbindung an.

Tags zuvor hatte er schon zu anderen Mitteln der Einschüchterung gegriffen, als er den Laden des Bruders am helllichten Tag mit einem überaus großen Hakenkreuz beschmierte. Dass das von Kunden des Ladens bemerkt werden würde, dürfte ihm vollkommen klar gewesen sein.

Umstände wie diese ließen das Schöffengericht am klaren Verstand des Angeklagten zweifeln. Der sprach immer wieder davon, dass er sich seine Taten selbst nicht erklären könne. Er habe unter Depressionen gelitten, weil er früher in einer Firma gemobbt worden sei, so der derzeit arbeitslose Angeschuldigte. "Das musste ich an ihm auslassen", lautete seine Erklärung.

Von Freundschaft keine Rede

Die Angelegenheit um Mobbing interessierte den Psychiater ebenfalls. Auch hierzu wolle er Akteneinsicht nehmen. Zudem suchte er zu ergründen, wie und in welchem Verhältnis genau der Angeklagte und sein Adressat gestanden haben, ob Eifersucht, oder eine unerwiderte Liebe eine Rolle gespielt haben könnten. Der Zeuge verneinte und schilderte den Angeklagten als jemanden, mit dem er letztmalig im Jugendalter näheren Umgang gepflegt habe, seitdem nicht mehr. Und von Freundschaft könne demzufolge auch keine Rede sein.
Nach und nach berichtete der 41-Jährige im Zeugenstand von Sachverhalten, die keine Aufnahme in die Anklageschrift fanden. So auch davon, wie er von seinem Erpresser "mit verstellter Computerstimme" angerufen worden sei.

Richter Thomas Pohl hakte an dieser Stelle nach und wollte in Erfahrung bringen, in welchem Gemütszustand sich der Angeklagte bei diesen Gesprächen befunden habe. "Er war erhaben", lautete die Antwort.
Eine zweite Anklage wurde von Staatsanwältin Bianka Franke verlesen. Sie befasste sich mit E-Mails, die beleidigend und sexistisch waren. Im Grunde konnte man ihnen nicht folgen, sie enthielten keine Struktur, nichts Greifbares, nur Beleidigungen und erneute Aufforderungen, "die Wahrheit" zu benennen.

Ein Erklärungsversuch

Immer wieder beteuerte der Angeklagte, dass es ihm selbst nicht erklärlich sei, wieso er sich so verhalten habe. Einen Erklärungsversuch unternahm er aber doch: Es könnten die Depressionen gewesen sein, die dafür verantwortlich waren. In dieser Zeit habe er all die Mails geschrieben.

Dass er einsichtig geworden sein könnte, davon ist nicht auszugehen, wenn das stimmt, was der Zeuge vorbrachte: Erst vor drei Tagen soll dieser eine erneute Nachricht erhalten haben, diesmal mit der Bemerkung, dass sich der Angeklagte auf den Tag des Verfahrens freue.

Drei Wochen Zeit werden nun ins Land gehen. Drei Wochen, in denen sich ein Psychiater ein Bild vom Zustand des Angeschuldigten machen will. Es sei nicht eben viel Zeit, wie der Mann angab, aber er wolle sich "in die Kurve legen", was Beeilung bedeutet.

Die Vernehmung weiterer Zeugen ist nicht vorgesehen, denn Pohl arbeitete diesen Prozesspunkt am Mittwoch ab.

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