Ja, sie sind erfahren darin, an Dinner-Morden teilzunehmen. Besucher von Dinner-Morden scheinen im Allgemeinen Wiederholungstäter zu sein. Viele der Teilnehmer der Dinner-Krimi-Aufführung "Requiem für Onkel Knut" im Kurhotel haben das gestanden. Der FT hatte das Glück, an eine Innenansicht dieses "mörderischen" Treibens zu kommen. Dem Vorhaben, mitspielen zu dürfen, wurde seitens der Theatertruppe um Pia Thimon gerne entsprochen. Besser noch: Der Reporter wurde an der Tür abgefangen und zum Mitspielen aufgefordert.
Der Raum ist groß, vielleicht 20 Meter lang und zwölf Meter breit. Vier Tischreihen, wohl für an die 100 Zuschauer, sind eingedeckt. Nicht wenige Besucher sind dem Anlass entsprechend gekleidet, also voll der Trauer. Traurig über das Ableben von Onkel Knut, an dessen Urne am Eingang die Gäste vorbei gehen mussten. Vom Band kommt Musik. Keine Trauermusik, es spielt die Crème de la Crème der Rockmusik, Dylan, die Rolling Stones etc.
Ab und an fragt ein Mitglied des Ensembles "Theater auf Tour" aus Darmstadt einen Besucher, ob sich dieser vorstellen könne, eine Rolle zu übernehmen. Die Dialoge werden dann schon so hingebogen, dass der Gefragte nicht überfordert ist oder scheint. Die Schauspieler sind schließlich Profis.
Mir gegenüber sitzt kein Geringerer als Jackie Howl, der große Jackie Howl. Den Rockstar Jackie Howl, der in den 60ern für Furore sorgte, hat es nie gegeben. Der Mann, der ihn verkörpert, ist Henry Stützinger aus Lichtenfels. Er und seine Gattin, die er - ganz stilecht - an diesem Abend als "Groupie" ansieht, sind die rechte Gesellschaft für Pauline Hanson (Pia Thimon), Knuts Witwe und bekennender Althippie. Henry Stützinger legt Jackie-Howl-Attitüden an den Tag: Wenn Ollie O'Reilly, ein alter "Freak", Kommunarde, bekennender Nichtsnutz, Althippie und Globetrotter, ihn immer wieder anspricht und an die alten Zeiten erinnert, steht Jackie Howl auf, spielt Luftgitarre und tut ganz so, als ob er damals mit Janis Joplin oder den "Grateful Dead" in San Francisco ein Haus bewohnt hätte. Er macht seine Sache gut, in seinem Lederkostüm, mit der Ledermütze auf dem Kopf und den verspiegelten Brillengläsern mit dem Peace-Emblem. Er wohne jetzt "auf Barbados" und trinke nur noch Mineralwasser, flachst er im Gespräch mit seinen Tischnachbarn. Am Ende des Abends, nach dem vierten Gang, wird auch er sein Kostüm wieder abgeben.
Mein Name ist Justin Hickley. Mit diesem Namen muss man ja Notar und Rechtsanwalt werden. Und der ehemalige Professor von Saskia Hanson. Das ist meine Rolle, und die Namen versprechen einen Abend mit angelsächsischem Einschlag, ja sogar mit angelsächsischem Totschlag. Mein Alter Ego Hickley ist eine von acht Gastrollen für spielfreudige Gäste. Irgendwo in der Mitte des Raumes sitzt auch Edgar Beck aus Frensdorf in Bamberg. Er gibt den "Dr. No", einen fernöstlichen Quacksalber, dessen Yin und Yang angesichts des Drehbuchs versagt. Wer sein Patient wird, kann höchstens noch auf die Reinkarnation hoffen, aber nicht auf ein Weiterleben im Hier und Jetzt. Unweit von ihm sitzt "Lady Melissa". Mit ihrem Hut wirkt die Schammelsdorferin Kunigunde Wittmann, als ob sie vom Pferderennen in Ascott direkt zum Leichenschmaus angereist kam. Eines haben wir Laien gemeinsam: Wir kennen unseren Text nicht. Wir können ihn gar nicht kennen, denn wir sind nur Stichwortempfänger. Das heißt aber auch, dass wir höllisch aufpassen müssen, um dem Geschehen nur ja zu folgen. Es wäre doch peinlich, wenn man in ein Tischgespräch verwickelt wäre und beispielsweise den Zuruf vom konservativen Pfarrer (Thilo Richter) verpassen würde. Eine gewisse Angst davor, das Schauspiel durch Unaufmerksamkeit oder - im Falle des Einbezogenwerdens - durch Begriffsstutzigkeit oder mangelnde Spontaneität ins Stocken zu bringen, sitzt mit am Tisch.

Vier Gänge zur Entspannung


Zur Entspannung hilft dann das Menu, welches in vier Gängen - als Spielpausen gedacht - aufgetischt wird. Oder das Singen. "Light my fire” von den Doors oder "Born to be wild” von Steppenwolf mussten die Zuschauer intonieren. Und ein verrocktes "O Uncle Knut" nach der Melodie von "Oh mein Papa". Die Schauspieler sorgen schon dafür, dass mitgesungen wird. Dann der große Moment: Der Notar und Rechtsanwalt muss das Testament verlesen. Es hilft, sich in die Rolle zu versenken. Ein Notar ist gewöhnlich etwas älter, wenn er den Verblichenen über viele Jahre beraten hat. Vielleicht ist er vor lauter Seriosität humorlos. Besser man legt sich die Rolle zurecht. Saskia Hanson (Verena Specht-Ronique), scharf auf das Erbe, reicht dem Notar das Mikrofon. Von da an ist es mit der feierlichen Stimmung vorbei. Die Schlacht um Lord Knut Hansons Erbe ist eröffnet. Ein Pfarrer, eine Witwe mit Doppelrolle und eine Punkerin, ebenfalls in Doppelrolle, inszenieren gemeinsam mit den Gastrollen immer wieder neue Wendungen, Raufereien und Verfolgungsjagden entlang der Tischreihen. Am Ende des Mordsdinners bezichtigen die Darsteller sich gegenseitig des Kapitalverbrechens und lassen das Publikum Handzettel für eine Prognose darüber ausfüllen, wer wirklich der Mörder ist. Zwei Stimmen konnte sogar der FT-Mitarbeiter auf sich vereinen. Völlig wider Erwarten.