Lichtenfels

Silvester im Asylheim: Es sind keine Minen, die da knallen

Gemeinsam begrüßten die Jugendlichen im Asylheim in der Nordgauer Straße das neue Jahr. Erstmals erlebten sie den Brauch des Zinngießens.
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Safar Omerdin beim Zinngießen - anschließen rätselt er, was ihm dieses glitzernde Gebilde aus Metall über die Zukunft wohl mitteilen will.  Fotos: Markus Häggberg
Safar Omerdin beim Zinngießen - anschließen rätselt er, was ihm dieses glitzernde Gebilde aus Metall über die Zukunft wohl mitteilen will. Fotos: Markus Häggberg
Dayib Jamal steht keine Nacht wie jede andere bevor. Es ist der 31. Dezember, und der 18-jährige Somali weiß von Unruhen, Krieg und Tellerminen zu erzählen, von Explosionen und Schüssen. Wenn es kracht und knallt, weil es zu Silvester so üblich ist, müssen Menschen wie er das nicht unbedingt mögen.

Der schlaksige Jugendliche wirkt freundlich und ruhig, so auch die beiden gleichaltrigen Besucher Melake Tedros und Safar Omerdin aus Eritrea. Sie wollten das neue Jahr in ihrem alten Zuhause, dem Asylheim in der Nordgauer Straße, begrüßen. Dort stoßen sie auf einen gedeckten Tisch, Tanzmusik aus Lautsprechern und deutsches Brauchtum zum Jahreswechsel.

Jörg Flöttl hat sich für diesen Tag "extra Dienst gegeben", wie er sagt. Auch ihn, den Diplompädagogen, beschäftigt an diesem letzten Tag im Jahr unter anderem die Frage, ob ein Trauma zu Silvester aufbrechen kann. "Spannend", sagt er dazu. Und wie er es sagt, klingt es nüchtern. Der junge Mann ist und fühlt sich verantwortlich für 25 Jungs und junge Männer in diesem zweiten Stock des ehemaligen Altenheims. Sie kommen aus Afghanistan, Pakistan, Syrien, Somalia oder Eritrea - aus Krisen- und Kriegsgebieten.


Verschiedene Zeitrechnungen

Für die Rummelsberger Dienste in der Abteilung Jugendhilfe ist Flöttl mit Kolleginnen hier tätig und am Silvestertag steigt eine kleine Party. Doch Silvester sagt hier nicht allen etwas - und wer Muslim ist, begeht ein neues Jahr ohnehin nach einem anderen Kalender, zu anderem Zeitpunkt.

Kamelfleisch, saure Milch und Mais - damit begrüßt man das neue Jahre in Dayibs Heimat. Die Familie feiert gemeinsam, erzählt er. An dieser Stelle interveniert Jörg Flöttl und erklärt, dass Familie in Somalia auf den Begriff Stamm erweitert wird. Von Dayibs Familie ist niemand hier, nicht einmal von seinem Stamm.


Alle machen Party

Jetzt meldet sich auch Melake zu Wort und erinnert sich an die Neujahrstage in seiner Heimat. Party hätten alle gemacht - Muslime und Christen. Erst für sich und oft auch auf öffentlichen Plätzen und gemeinsam. Kinder werden auch dort in dieser Nacht nicht zeitig ins Bett geschickt, man bleibt bis zum Morgen wach. Zwar wohnen Melake und Safar gar nicht hier im Haus, sie sind schon in einer Außenwohngruppe, aber was sie mit Dayib verbindet, ist der Besuch eines Unterrichts, der auf eine Ausbildung und einen Hauptschulabschluss vorbereiten soll. Jederzeit willkommen seien die beiden Männer, sagt Jörg Flöttl. Gerade wenn sie Fragen und Sorgen haben.
Vorsätze? Ja, die hätten sie, mitunter sogar welche, die abseits des notwendig Beruflichen zielen. So wie bei Safar, der sich vorgenommen hat, einem Fußball- oder einem Basketballverein beizutreten. Vorsätze für neue Jahre sind ihnen nicht unbekannt.

Der erste Gedanke, der ihnen beim Erwachen am Silvestermorgen kam? "Die unsichere Zukunft in der Heimat", führt Dayib an. "Das Jahr fängt ja gut an", merkt Safar ironisch an, denn ein Nackenleiden schließt körperbetonten Sport bei ihm derzeit aus. Draußen knallt es - und Dayib erschrickt.

Über den Flur schallt Musik. Orientalisch anmutende wummernde Disco-Beats, zu denen sich Jungs mit Hingabe an Rhythmus und Ausdruck bewegen. Eine lange Tafel ist aufgebaut, alkoholfreie Getränke, Chips, Knabbereien, Süßigkeiten, Luftschlangen. Vorher wurde gekocht und gemeinsam gegessen. Jetzt wirbelt alles durcheinander, manche stehen am Kicker, andere tanzen, wieder andere flitzen durch die Gänge.


Unsere Kultur zeigen

Jörg Flöttl ruft zur Ordnung. Und zum Zinngießen. "Uns geht es auch darum, unsere Kultur zu zeigen", erklärt der Pädagoge. Im Gegenzug habe man auch gemeinsam das islamische Zuckerfest begangen. "Wir haben öfter was zu feiern hier", setzt Jörg Flöttl lächelnd nach. Zu Ostern, so erinnert er sich, habe man in den Gängen und Fluren Eier versteckt. "Die fanden das so toll, dass sie die gefundenen Eier am liebsten wieder versteckt hätten."
Die Jungs erhitzen über einer Flamme das Zinn, werfen es in einen Zuber mit Wasser und versuchen aus den skurrilen Gebilden die Zukunft zu orakeln. Dayib hält seine käferartige Figur in den Händen. Das stehe für Glück durch Fleiß. Safar bringt so etwas wie ein Boot zustande. Das steht für eine Reise. Und einem 15-Jährigen gelingt ein zinnener Storch. Die Jungs freuen sich diebisch über diese Symbolhaftigkeit und einer klatscht freudig in die Hände und ruft Babybabybaby.


Keine Furcht vor Böllern

"Wir haben hier Jungs, die kennen nur Bürgerkrieg", kommt Jörg Flöttl auf Ernstes zu sprechen. In ein paar Minuten wird er Kracher und Feuerwerk nach unten tragen und den lauten Brauch mitmachen. Auch auf Wunsch mancher Jugendlicher.

Eine Minute vor Mitternacht beginnen die Teenager lautstark und voller Vorfreude einen 60-Sekunden-Countdown. Schon längst hat Lärm eingesetzt, und an diesem hohen Punkt am Breiten Rasen ist ein Überblick über die Feuerwerke der Stadt ein Genuss. Die Hauswand färbt sich im Widerschein des Feuerwerks rot und grün, Menschen drängen sich an den Scheiben. Dayib hält sich die Ohren zu, dann ist Neujahr - und das Feuerwerk beginnt auch hier.

Silvester. Der Somali beginnt zu lächeln, denn er weiß nun, dass das Knallen mit Tellerminen nichts zu tun hat.

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