Lichtenfels
Herzenssache

Schatzkisten-Party bringt Menschen mit Behinderung zusammen

Die "Schatzkiste Franken" mit Sitz in Lichtenfels bringt Menschen mit Behinderung zusammen. Zum zweiten Mal veranstaltet Birgit Sauerschell eine Kennenlern-Party. Der Verein "Franken helfen Franken" unterstützt das Projekt mit 400 Euro.
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Amors Pfeil soll die Menschen bei der Kennenlern-Party treffen. Foto: Christian Bauriedel
Amors Pfeil soll die Menschen bei der Kennenlern-Party treffen. Foto: Christian Bauriedel
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Die Bässe wummern. Ein kurzer Blick im Vorübergehen. Augenkontakt bei flackerndem Licht der Scheinwerfer. Eine Berührung beim Tanzen. Ein Drink zusammen. Vielleicht zwei. Plaudern und schauen, ob die Wellenlänge stimmt. Danach die große Frage: Bekomme ich die Telefonnummer? So ungefähr sehen die Rituale am Wochenende in den Diskotheken und Clubs überall im Land aus. Und wohl jeder kennt die Überwindung, die es kostet, jemanden anzusprechen. Denkt man daran, wie man selbst seinen Partner kennengelernt hat, dann sind wohl auch diese Szenen irgendwo im Hinterkopf.

"Im Grunde läuft unsere Party genauso ab, wie jede andere auch. Tanzen, umschauen, quatschen und vielleicht was zusammen trinken", sagt Birgit Sauerschell. Sie sitzt im Erdgeschoss des Heilpädagogischen Zentrums der Caritas in Lichtenfels. In dem schmucken kleinen Haus in der Schillerstraße hat ihr Verein, die "Schatzkiste Franken", seinen Sitz. Vor ihr auf dem Tisch liegen zwei Buttons. "Ich bin noch zu haben" steht auf dem blauen, "Ich suche einen Freund" auf dem grünen. Es sind die dezenten Zeichen, mit denen die Partygäste am Freitag, 1. März, in der AC-Halle in Lichtenfels auf die Pirsch gehen werden.

400 Euro vom Spendenverein

Die "Schatzkiste" ist eine Partnervermittlung, die darauf spezialisiert ist, Menschen mit Behinderung zusammenzubringen. Zum zweiten Mal veranstaltet der Verein in Lichtenfels eine "Schatzkisten-Party". Mitorganisator ist das Heilpädagogische Zentrum der Caritas Lichtenfels, das auch der Träger des eingetragenen Vereins ist. Finanziert wird die Veranstaltrung - neben anderen Sponsoren - von "Franken helfen Franken", dem Spendenverein der Mediengruppe Oberfranken (MGO). Dieser beteiligt sich mit 400 Euro an der "Schatzkisten-Party". Der Verein unterstützt mit den Spenden von Privatleuten und Firmen gemeinnützige Projekte in Franken. Das Ziel: die eherenamtliche Arbeit würdigen und soziales Engagement fördern. "Die Partnervermittlung für Behinderte steht in ganz besonderer Weise für die Integration in der Gesellschaft", sagt Christina Beil, bei der MGO für "Franken helfen Franken" zuständig.

Nicht nur für Behinderte

Und auch Birgit Sauerschell betont den integrativen Charakter: "Es ist ausdrücklich keine reine Kennenlernfeier nur für Behinderte." Ihr komme es darauf an, alle Menschen zusammenzubringen, ganz nach dem Konzept der Inklusion. Keine Abschottung, sondern bunte Mischung. Deshalb lädt sie alle, auch jene ohne Behinderung, ein, vorbeizukommen und sich umzuschauen.

"Was einem sofort auffällt, ist, dass behinderte Menschen viel weniger Hemmungen haben, jemanden anzusprechen", erzählt die 48-Jährige begeistert von der ersten Party im April 2012. Es gebe einfach nicht die großen Hürden, die sich Nichtbehinderte bei der Partnersuche oft bauen. Entweder die Gäste sprechen sich beim Tanzen direkt an, oder sie gehen zur extra eingerichteten Wand mit Steckbriefen der Suchenden. "Da viele nicht schreiben und lesen können, ist das Wichtigste natürlich das Bild", meint Birgit Sauerschell.
Vor der ersten Party im April 2012 hatte sie mit vielleicht 50 bis 100 Gästen gerechnet. Gekommen sind dann rund 250. Davon waren rund 50 ohne Behinderung. "Wir waren baff, wie gut die Veranstaltung aufgenommen wurde", sagt die 48-Jährige.

Anreise aus ganz Franken

Aus ganz Franken, von Bayreuth bis Hof über Nürnberg und Ansbach, seien die Besucher gekommen, meist in Gruppen zusammen mit ihren Betreuern. Kein Wunder, denn das Thema Beziehung und Partnerschaft sei für die Behinderten ganz wichtig. Der Wunsch, einen Freund oder eine Freundin zu haben, sei sehr groß. Erotisches spiele dabei meistens eine untergeordnete Rolle, so die Partnervermittlerin. Auch wenn man vielleicht weiter auseinander wohne und sich nur ein paar Mal im Jahr treffe: Einfach jemanden zu haben, mit dem man am Telefon quatschen kann, sei für viele Behinderte das Wichtigste.

"In den Einrichtungen und Werkstätten, sind die Menschen ja oft seit Kindergartenzeiten zusammen. Da ist es schwer, jemanden Neues kennenzulernen", meint die Psychologin, die den Verein 2010 gegründet hat. Ihr Vorbild waren dabei die "Schatzkisten" in Norddeutschland, die es seit Ende der 1990er Jahre gibt. "Wir sind in Bayern noch die Einzigen. In der Partnervermittlung von Behinderten ist noch jede Menge zu tun."

Kartei mit 60 Personen

Die Kennenlern-Partys sind aber nur ein Standbein des Vereins. Rund 60 körperlich oder geistig Behinderte haben sich schon in Birgit Sauerschells Kartei aufnehmen lassen. Davon hat sie bisher sechs Menschen einen Vorschlag gemacht. Das klingt nach relativ wenig. In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Vermittlung aufgrund der unterschiedlichen Grade an Behinderung schwierig gestaltet. Es gebe zum Beispiel viele geistig behinderte Menschen, die keinen Rolli-Fahrer wollen - und umgekehrt habe mancher Körperbehinderte Vorurteile gegen geistig Behinderte, meint die Vermittlerin.

Für eine Aufnahme in die Kartei muss jeder Bewerber persönlich in Lichtenfels vorbeikommen. Schließlich muss sich Birgit Sauerschell ein eigenes Bild machen, um später auch die zwei Richtigen zusammenzubringen. Viele rührende Momente habe sie schon erlebt. Erfasst werden Name, Alter, Arbeitsplatz sowie eine Selbstbeschreibung und ein Profil des gewünschten Mitmenschen.

Viele rührende Momente habe sie schon erlebt. Einer ihrer Klienten musste von seinem Betreuer unbedingt noch zu einem Blumenladen gefahren werden. Schließlich wollte er seiner Freundin eine Rose mitbringen. Aber auch Trennungen hat Birgit Sauerschell schon erlebt: "Am Anfang waren die beiden noch ein Herz und eine Seele. Bussi hier, Bussi da. Aber nach zwei bis drei Wochen hat er sie dann plötzlich doch absolut daneben gefunden." Wie es bei Beziehungen eben so ist. Ein Zeichen dafür, dass die "Schatzkiste" in Lichtenfels eine völlig normale Arbeit leistet.




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