Bad Staffelstein
Gesundheit

Rewalker: Der Traum vom Gehen wird in Bad Staffelstein wahr

Beinschienen, Motoren und Akkus sollen es Rollstuhlfahrern ermöglichen, wieder zu laufen. Weil das Gerät teuer ist, müssen Betroffene ihre Krankenkasse von der Finanzierung überzeugen. Das wurde bei einer Vorführung deutlich.
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Proband Ronny Berger aus Schweinfurt ist seit 15 Jahren Rollstuhlfahrer. Bald nicht mehr ausschließlich, wie er hofft. Er hat die stationäre Nutzung des Rewalk genehmigt bekommen. Foto: Markus Häggberg
Proband Ronny Berger aus Schweinfurt ist seit 15 Jahren Rollstuhlfahrer. Bald nicht mehr ausschließlich, wie er hofft. Er hat die stationäre Nutzung des Rewalk genehmigt bekommen. Foto: Markus Häggberg
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Der Traum vom Gehen ist stark. So sehr, dass querschnittsgelähmte Rollstuhlfahrer sich auch Jahre nach ihren Unfällen nicht als behindert träumen. Am Samstag kamen Besucher im Therapie- und Gesundheitszentrum THERAmed dem Traum vom Gehen näher.

Unsicherheitsfaktor: Krankenkasse
Andre van Rüschen ist jemand, der für das Vorführen bezahlt wird. Ein Wiedergänger, könnte man scherzhaft über den Norddeutschen sagen. Tatsächlich steht "ReWalker" auf der Visitenkarte des Rollstuhlfahrers. Genauer lässt sich sein Job gar nicht umschreiben, denn rewalkend (wiedergehend) ist er, der langjährige Querschnittsgelähmte für ReWalk Robotics. Das Unternehmen möchte "Querschnitter" aus den Rollstühlen holen, sie aufrichten und mittels Beinschienen, Motoren und Akku zum Gehen bringen. Ein schöner Gedanke, wenn da nicht die Unsicherheit der Krankenkassen wäre. Wolfgang Haensse rechnet vor. Der Abteilungsleiter für Reha-Technik des heimischen Sanitätsversorgers Wirth zitiert eine Statistik, wonach Krankenkassen mehr Geld für Verwaltung als die Bewilligung von Hilfsmitteln ausgeben. Und er zählt auf: "Notwendig, zweckmäßig, geeignet und wirtschaftlich" müsse ein Hilfsmittel sein, damit ein Patient Aussicht darauf erhält. Die Notwendigkeit mag noch der Arzt feststellen, aber irgendwann kommt man an den Punkt, an dem auch die Kasse ein Wort mitredet. Im Falle eines Rewalk-Apparats, der sie rund 68 000 Euro kostet, heißt das Wort oft Nein. Glaubt man Haensse, dann ist das kein kategorisches Nein, eher ein von Verunsicherung bestimmtes oder durch Hinhaltetaktik geprägtes. Das Rewalk-Gerät lasse sich schwer kategorisieren, werfe Fragen und Fragebögen bei Kassen auf, die beantwortet sein wollen. Das kostet. Zeit. Aber derzeit laufe ein Prozess um Genehmigung, bei dem ein Präzedenzurteil pro Antragsteller zu erwarten sei, so Haensse. Andre van Rüschen wechselt derweil behände vom Rollstuhl ins motorisierte Beinschienenkorsett, richtet sich auf und geht mittels Krücken sicher und fix im Raum umher. In seinen Träumen kommt sich Andre van Rüschen immer als Gehender vor.

Folgen für Organe und Stützapparat
Marc Friedrich entwischt ein gerauntes "Toll", als er den ReWalker aufstehen und gehen sieht. Der Bad Staffelsteiner Friedrich wäre, stünde er auf, ein Kerl von über 1,80 Metern. Aber seit 20 Jahren meistert er querschnittsgelähmt sein Leben vom Rollstuhl aus. Das hat Folgen, die weiter reichen als gemeinhin angenommen. "Die Leute denken immer nur, beim Querschnitt verkümmern die Muskeln", so der 42-Jährige. Aber seine Erfahrungen decken sich mit dem, was die Referenten Wolfgang Haennse und Sven Flöß an diesem Nachmittag auch schon erwähnten: Der Stützapparat leidet unter ständiger Sitzhaltung, die Organe auch, die Verdauung ebenfalls. All das zieht Folgekosten durch Medikamente und Behandlungen nach sich, die es gegen den Beschaffungswert eines Rewalks aufzurechnen gelte. Unterm Strich wäre der dann die billigere Alternative. Zwei Mal, in den USA und in Russland, war Friedrich zur Behandlung um dem Traum vom Gehen näher zu kommen. Überzeugt hat ihn am Samstag das Gesehene, die Virtuosität, mit der Andre van Rüschen seine Apparatur beherrscht. "So wie's der Andre drauf hat, macht's schon sehr was her", so Friedrich. Sieht er sich auch im ReWalker? "Ja! Ich behalte das im Auge, ich behalte auch den medizinischen Fortschritt im Auge", schließt der kaufmännische Angestellte. Wenn er träumt, sieht er sich als Gehenden.

Wie ein Roboter
Wwwwt, wwwwt, wwwwt - die Motoren geben ein Geräusch von sich, das man aus Science-Fiction-Filmen kennt. Dann, wenn Roboter auf einen zukommen. So ungefähr klingt der Rewalk auch. Und das Ding verlangt unbedingt Übung. Einfach einsteigen, umschnallen, festzurren und losgehen ist nicht drin. Das vom querschnittsgelähmten Israeli Amit Goffer Anfang 2001 entwickelte Gerät bedarf der Übung. Zwei Stunden täglich in der Anfangszeit mindestens, denn Richtungswechsel, unterschiedliche Untergründe, das Abrollen der Ferse und der Gleichgewichtssinn müssen eingeschult werden. Erst recht, wenn man bedenkt, dass Rollstuhlfahrer zu Beginn noch aus ihren Stühlen fallen. Vier Motoren entlang der Beine, zwei Krücken zum Ausbalancieren des Gewichts, ein für den Nutzer nicht merkliches 25-Kilo-Gestänge sowie der knapp 3000 Gramm schwere Akku im Rucksack ermöglichen ein Gehen von mehreren Stunden Dauer bei 3 km/h. Aber manche Voraussetzungen sind nicht einübbar. Schwerer als 100 Kilo sollte man nicht sein, über ein gesundes Herz-Kreislauf-System verfügen, die Fähigkeit zu längerem Stehen mitbringen, ausreichend Kraft im Oberkörper zudem und eine Körpergröße zwischen 1,57 und 1,91 Meter. Darauf sind die Modelle derzeit ausgerichtet. "Hochtechnologie, die an den Mann/Frau gebracht werden müsse", so Michael Klob, Leiter des THERAmed. Und Sven Flöß wird sagen: "Heute haben Sie die Zukunft gesehen." So wie Maximilian Präcklein aus Grub am Forst. Heute noch war der Querschnittsgelähmte nur zu Infozwecken da, aber in ein paar Tagen wird er erstmalig in den Rewalk steigen. Auch er träumt vom Gehen. "Den Rolli hab' ich dann nie dabei", sagt er.
 
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