Die Weismainer hätten meinen können, dass in ihrer Stadt ein Western gedreht wird. Hoch zu Ross kam ein Herr in Hirschlederhosen und einem langen Mantel in Richtung Rathaus durch den Regen geritten. Erschöpft sah Ulrich Hoffmann aus, dennoch wirkte er sehr zufrieden. Er hatte sein Ziel erreicht: Über 370 Kilometer ist er von Berlin nach Weismain geritten. Auf seinem Freiberger-Pferd Homer, einem neunjährigen Wallach, war er angereist. "Ganz nach dem Motto ,Mit Homer in meine Vergangenheit‘", sagte der 68-Jährige.

Denn ursprünglich stammt der großgewachsene Mann mit dem rheinländischen Akzent aus dem oberschlesischen Beuthe, dem heutigen Bytom in Polen, von wo aus er und seine Familie Anfang 1945 in Richtung Franken geflohen waren. Eine neue Heimat fanden er und seine Familie für rund fünf Jahre in Niesten, ein Katzensprung von Weismain entfernt. Danach ging es für die Hoffmanns weiter nach Bonn. Heute lebt Ulrich Hoffmann in Berlin. Die Zeit in der Niestener Mühle, wo auch andere Flüchtlingsfamilien wohnten, hat er dennoch nie vergessen. Zum Beispiel die Drahthaarterrier, die eine andere Vertriebenenfamilie als Nebenerwerb gezüchtet hat. "Die haben mich immer in den Hintern gekniffen", erzählt er. "Mein Gott, das ist ja alles schon 60 Jahre her." Mit einigen Tieren stand Hoffmann anscheinend auf Kriegsfuß, da es auch der Ganter vom Nachbarhof auf ihn abgesehen hatte: "Der hat mich öfters angegriffen als ich Milch holen gegangen bin; so sehr, dass ich die halbe Milch dabei verschüttet habe." Und natürlich dachte er an seinen Freund Schorsch, mit dem er Elstern hielt, die seiner Mutter den ein oder anderen Suppenwürfel geklaut haben.

Also fasste Hoffmann vor zwei Jahren den Entschluss, mit seinem Pferd nach Weismain zu reiten. "Wegen des Pferdes musste ich planen wie blöd", erklärt er. Für jede Nacht brauchte er Unterstellmöglichkeiten, um die er sich im Vorhinein kümmern musste. In Weismain hatte er schon einen Hof im Hinterkopf. Dort, wo er immer Milch geholt und sein Freund Schorsch gewohnt hat - der sollte es um der alten Zeiten Willen sein.

Also rief er dort an und ihn traf fast der Schlag: "Auf einmal sagt der am anderen Ende zu mir ,Ja Ulrich, bist's du?‘." Tatsächlich war es sein Freund Schorsch. "Ich dachte nicht, dass mich noch jemand kennt", gibt der 68-Jährige zu. "Bist erschrocken?", fragte ihn Schorsch, der mit vollem Namen Georg Hopfenmüller heißt, und muss lachen.

Dieser Zufall bestärkte Ulrich Hoffmann und so ritt er vor zwei Wochen in der Nähe von Berlin los. "Schorsch war sehr skeptisch, ob das klappt", sagte er, "aber das Pferd hat so toll mitgemacht, dass ich ihm zuhause die doppelte Ration geben werde." Die Reise habe ihm großen Spaß bereitet, vielleicht abgesehen von den Bremsen an den heißen Tagen. In Weismain wollte er sich auf jeden Fall sein altes Klassenzimmer ansehen, in dem heute die Tourist-Information untergebracht ist. Die Mühle in Niesten, die einst sein Zuhause war, besuchte er ebenfalls. Dabei sei für ihn "vieles wieder lebendig geworden". Mit dem fränkischen Dialekt seines Freundes Georg Hopfenmüller hat Ulrich Hoffmann übrigens keine Probleme: "Ich versteh noch heute jedes Wort. Damals habe ich ja selbst so gesprochen, dass mich in Bonn erst einmal niemand verstanden hat."

Ein Anliegen hatte Ulrich Hoffmann allerdings. Er ließ sich einen Termin bei Bürgermeister Udo Dauer geben, um ihm zu danken: "Ich möchte dem Bürgermeister und den Menschen in Weismain danken, dass sie diese Mengen an Menschen aufgenommen haben - das ist eine Jahrhundertleistung."

Heute reist er mit dem Auto wieder zurück nach Berlin. 60 Jahre soll es jedoch nicht mehr dauern, bis er Schorsch wiedersieht. Das nächste Mal möchte Ulrich Hoffmann seine Familie mitbringen.