Lichtenfels
Kabarett

Kabarettistisches FDP-Begräbnis in Dehlers Geburtstadt Lichtenfels

Das Totale Bamberger Cabaret schafft etwas, was nur wenige schaffen: einen rappelvollen Saal im Lichtenfels Stadtschloss zu bespaßen. Ihr witzig- satirischer Jahresrückblick wechselt zwischen ernst und heiter
Artikel drucken Artikel einbetten
"Wir nehmen Abschied" von der FDP. Fotos: Klaus Gagel
"Wir nehmen Abschied" von der FDP. Fotos: Klaus Gagel
+7 Bilder
"Ausverkauft!" Dieses Prädikat muss man sich als Künstler im Lichtenfelser Stadtschloss erst einmal verdienen. Doch TBC, das Totale Bamberger Cabaret, füllte am Samstagabend das "Wohnzimmer der Stadt" auch ohne große Werbung durch den Veranstalter. "Augen zu und nochmal durch" hieß es vor voll besetzten Stuhlreihen.
"Ich hasse es wenn die Wirklichkeit komischer ist als ich". Dieser Satz von Neuzugang Michael A. Tomis, der sich längst perfekt in das Duett mit Georg Koeniger und Florian Hofmann einfügt, lässt erahnen, dass man sich oft auch mit viel Humor schwer tut, die raue Realität zu verkraften.
Viele hintergründige Bezüge erschließen sich nur dem, der die Nachrichtenlage 2013 verfolgt hat oder sich in der Welt der Atomphysik genauso gut auskennt wie in Janosch' Kinderwelt.
Notfalls lässt TBC dem Publikum Zeit, bis der Groschen fällt, doch auch so werden die Lachmuskeln gehörig strapaziert.

Quarks und Quark

Im Zeitungsjackett listen die Drei gleich zu Beginn die größten Tops und Flops auf. Es ist aber nur das "Warm-up" für nachfolgende Zwerchfellattacken. Während Florian von den Higgs-Teilchen (Nobelpreis für Physik 2013) schwärmt, träumt Michael vom Superwetter auf der Fürther Kerwa und dem Barbecue bei Doris. Quarks und Quark also, nur für Georg war 2013 ein besch... Jahr, denn eigentlich hätte ja am 21. 12. 2012 die Welt untergehen sollen, weshalb er einen Tag zuvor seinem Chef seine Meinung mit einem entsprechenden Haufen auf dem Schreibtisch unmissverständlich mitgeteilt hat.
Doch nichts war's mit dem Weltuntergang und stattdessen überstürzten sich die Ereignisse. Eine Million Deutsche gab's weniger bei der Volkszählung. Die waren wohl alle auf Mallorca, rassiges Pferdefleisch von vitalen Hengsten inklusive Schmerzmittel gab es nicht nur an Dönerbuden.
Sponsoring, wohin man blickt, und das Feld ist noch lange nicht ausgereizt. "Snickers" für die Bahn "wenn's mal wieder länger dauert" oder gesponserte Feiertage für die Kirche: Lufthansa übernimmt Christi Himmelfahrt, die Bayerische Brandversicherungskammer den Aschermittwoch und Billy Boy Marias unbefleckte Empfängnis. Den Bischof vom Limburg würde es freuen.
So richtig zur Höchstform läuft TBC bei seinen szenischen Darstellungen auf, als sich der Bischof von Limburg dem Rateteam von Robert Lemkes "Was bin ich?" stellt. Der wandlungsfähige Florian als vierköpfiges Rateteam, Michael alias Robert Lemke als verbindlicher Quizmaster und Georg als scheinheiliger Bischof mit seinem einnehmenden Wesen treiben das Publikum von einer Lachsalve zur nächsten. Was hätte das für eine süße Gutenachtgeschichte für Kinder werden können, als Georg die Reise des kleinen Tigers und des kleinen Bärs nach Panama schilderte, stünde nicht dahinter die ironische Betrachtung des Offshore-Leaks vom April 2013 um Steuerhinterziehungen im gigantischen Ausmaß. "Es ist schon toll, wenn man Freunde hat, die es einem hundertfach heimzahlen!"

Stahl, Sturm und Heer

Von NSU bis NSA reichen die brisanten Themen und selbst jetzt noch braucht man über den Prozess gegen Beate Zschäpe keine Scherze machen, denn die sind laut Michael alle integriert. Wenn's bloß nicht so ernst wäre. Stahl, Sturm und Heer heißen die drei Pflichtverteidiger, vier Bundesanwälte, acht Richter, die fünf Angeklagten haben elf Verteidiger, es gibt 86 Nebenkläger mit 62 Anwälten, es wurden über 600 Zeugen benannt und der Prozess soll zweieinhalb Jahre dauern.
Das Mitgefühl für die verschütteten Arbeiterinnen in Bangladesh findet seinen Niederschlag an den Wühltischen und in den Designstudios: 9,99 Euro-Jeans mit dem Muster blutiger Hände. Da bleibt selbst dem Publikum das Lachen im Halse stecken.
Hintergründig wird's auch im zweiten Teil des Abends beim Abgesang von Georg auf die dahinsiechende FDP. Selbst die Fußball-WM in Katar wird durch den Kaiser-Schmarrn ("da läuft keiner rum in Ketten") kaum aufgewertet: "Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser" - man muss nicht alles verstehen.
Marcel Reich-Ranicki (Michael A. Tomis) im Himmel reduziert auf ein Halleluja. Vieles wird uns in Zukunft fehlen. Auch die Arbeitslosenzahlen werden wohl wieder steigen, wenn sich selbst Papst Benedikt XVI auf den Arbeitsamt meldet. Was nützen Altgriechisch, Latein und Aramäisch, wenn der Oberhirte nicht mal als Schaf-Scherer arbeiten kann?
Auch zwei Stunden reichen nicht aus, um all das aufzuspießen, was im Laufe eines Jahres so alles passiert ist. Noch lange nicht ausgekostet sind wohl auch die Verhandlungen der GroKo mit den beiden Protagonisten Angie (Florian Hofmann) und Sigmar (Michael A. Tomis). Allein der Flughafenbau in Berlin ergäbe eine abendfüllende unendliche Geschichte. Fortsetzung folgt.
Eine Fortsetzung im Jahresrückblick würde man sich auch 2015 von TBC wünschen. Das Publikum drückt es indirekt am Ende mit drei stürmisch geforderten Zugaben aus. Denn bei so einem Jahresrückblick ist das Verfallsdatum einprogrammiert. So können sich alle diejenigen, die diesmal keine Karten ergattern konnten, nur damit trösten, dass TBC bereits am 10. Oktober wieder kommt, dann allerdings mit dem Programm "Lachablösung".

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren