Michelau

Jugendliche sammelten Thesen

Die Dekanatsjugend beschäftigte sich mit Martin Luther. Neben den geschichtlichen Hintergründen ging es auch um die Zukunft in Kirche und Gesellschaft.
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Luther (Michael Heràn) im Disput mit dem Vertreter der traditionellen Kirche (Andreas Heràn). Die Jugendliche Lea Zerr versucht deren Standpunkte zu verstehen. Foto: Klaus Gagel
Luther (Michael Heràn) im Disput mit dem Vertreter der traditionellen Kirche (Andreas Heràn). Die Jugendliche Lea Zerr versucht deren Standpunkte zu verstehen. Foto: Klaus Gagel
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"Was würden wir heute in Kirche und Gesellschaft beklagen und wie Luther 1517 an die Tür schlagen? Die Auseinandersetzungen mit dieser Thematik waren Gegenstand eines dekanatsweiten Gottesdienstes und eines sich anschließenden Grillfestes am Samstagabend in der Dekanatsgemeinde Michelau. Neben den 95 Thesen, die Jugendliche bayernweit gesammelt hatten, hatten auch die Jugendlichen im Dekanat Michelau einiges zu sagen, wie sie sich ihre Zukunft in Kirche und Gesellschaft vorstellen.
Symbolträchtig begann der einführende Gottesdienst am 1.7.17 offiziell um 17.17 Uhr. Ein direkter Bezug auf das Jahr 1517, das Jahr in dem Martin Luther nach der heute gängigen Überlieferung seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg anschlug.
Die hiesige Dekanatsjugend hatte die historischen Ereignisse unterhaltsam aufbereitet. Luther, verkörpert von Michael Heràn, stand im Disput mit dem traditionell orientierten Vertreter der katholischen Kirche (Andreas Heràn), wobei sich auch Lea Zerr als Jugendliche des 21. Jahrhunderts mehrfach in die Diskussion einschaltete.


Wissenschaftlicher Disput

Schnell wurde deutlich: Primäres Ziel Luthers war es, einen wissenschaftlichen Disput zu initiieren. So waren die Thesen, die Michael Heràn an die Holztür neben dem Altar anschlug, auch in Latein verfasst. Ihre volle Brisanz erlangten die Glaubenssätze erst im Frühjahr 1518, als sie durch den deutsch-sprachigen "Sermon von Ablass und Gnade" weite Verbreitung fanden.
Unverkennbar konfrontierte Luther die Kirche mit ihrem Kommerz in Form des Ablasshandels. Mit Hilfe der Bibel stützte er seine Thesen, die im Schlussteil in eine Vielzahl von "Warum-Fragen" mündeten.
Es ist ein höchst anerkennenswerter Ansatz, dass sich die evangelische Jugend auf mehreren Ebenen mit der Fragestellung, wie kann man Kirche und Gesellschaft heute voranbringen, auseinandersetzte.
Fragen und Forderungen, Anregungen und Erkenntnisse hat die evangelische Jugend in Bayern ein Jahr lang online gesammelt und in 95 Thesen zusammengefasst, die gebündelt im Viererpack auf je einer Postkarte Verbreitung finden sollen.
Dabei wird die Transparenz in der Politik ebenso eingefordert wie mehr Umweltbewusstsein in Form von Tierschutz oder dem Schutz des Regenwaldes. Reformation wird als eine Haltung gesehen, die das Christentum lebendig erhält im Geist der Freiheit. Gottesdienste sollten spannender und kreativer werden, offener für alle Glaubensrichtungen mit Angeboten für alle Altersgruppen. Grundlegend dabei ist, dass die Stimme der Jugend auch gehört wird.


Auch heute aktuell

Dass Reformation auch heute noch aktuell ist, das verriet auch ein Blick ins Kirchenschiff. Rund 50 Jugendliche waren gekommen, begleitet von etwa ebenso vielen Erwachsenen.
Die Kirche ist 500 Jahre nach Luther vielen Gläubigen fremd geworden. Die Botschaft erreicht sie nicht trotz aller anerkennenswerten Bemühungen. Die Gründe dafür mögen Gleichgültigkeit sein, aber wohl auch eine verloren gegangene Identifikation. Wenn man bedenkt, dass zum Dekanat Michelau 20 Kirchengemeinden mit über 26 000 Mitgliedern gehören und dass das Dekanat vom Tambach bis Zapfendorf, von Burgkunstadt/Altenkunstadt bis Heilgersdorf reicht, so war die Resonanz auf einen derartigen dekanatsweiten Gottesdienst für die Dekanatsjugend und ihrem Dekanatsjugendreferenten Reiner Babucke eigentlich enttäuschend.
Die evangelische Jugend im Dekanat Michelau ließ sich davon jedoch nicht entmutigen. Bei ihrem Konvent im März diesen Jahres hatte sie viele Anregungen gesammelt, die sie in 95 Thesen zu verschiedenen Themen zusammengefasst hatte. Auch diese 95 Jugendthesen fanden ihren Anschlag an der symbolischen Tür am Altar.
Doch es sollte nicht bei einem Alleingang der Jugendlichen bleiben. Deshalb verteilten Luci Herold und ihre Mitstreiter bunte Zettel und Stifte an die Anwesenden, damit diese ebenfalls ihre Wünsche und Anregungen einbringen konnten. Die Aktion wurde lebhaft angenommen, eine lange Schlange bildete sich vor der Thesentür.
Eine gelungene und überzeugende Aktion, die zu einer intensiveren Verkündigung des eigenen Glaubens ebenso aufrief wie zur Akzeptanz fremder Kulturen, modernere Abenddienste forderte oder eine stärkere Berücksichtigung der U25-Generation.

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