Leiden ist nicht das richtige Wort. An einer Krankheit leiden ist die übliche deutsche Redewendung. Keine zutreffenden, denn weder leidet Margit Hanel, noch sieht sie ihr Schicksal als Krankheit an. "Es ist eine Behinderung", sagt sie.

Eine Krankheit tritt ja nach der Geburt auf und wäre heilbar, so ihr Argument. Behindern aber lässt sich Hanel von Osteogenesis Imperfecta (OI), so der medizinische Terminus zur Glasknochenkrankheit, nicht. Vier Stunden täglich arbeitet die Kasendorferin (Kreis Kulmbach) in der Kundenbetreuung, pendelt mit ihrem nach ihren Bedürfnissen umgebauten Kombi zwischen Arbeit und ihrem nach ihren Bedürfnissen eingerichteten kleinen Häuschen aus zwei Fertigbauteilen, das für sie eine Altersvorsorge darstellt, und geht nach Feierabend mit ihren drei Hunden Gassi. Sie lacht, als ihr der Gedanke kommt, dass sie womöglich ein ganz schön spießiges Leben führt. Aus Vorsicht entschleunigt hat sie es nicht. "Ich gelte eher als hektisch und rede viel", so die junge Frau. Berufskrankheit einer Telefonistin? "Ja, vielleicht", meint sie schmunzelnd.

Jörg Hoepfner ist Pressesprecher von Baur Burgkunstadt. Er kennt die Geschichte des Hauses, weiß um das Leiden der Kathi Baur (Ehefrau des Firmengründers Friedrich Baur), weiß auch um die darum historisch gewachsene Nähe zu kranken oder behinderten Mitarbeitern, kennt die Zahlen: Fast sieben Prozent aller Mitarbeiter des Hauses sind behindert. Zwei Prozent mehr, als Firmen ab einer bestimmten Größe einzustellen aufgerufen sind. 6,9 Prozent sind bei Baur 307 Menschen an der Zahl. Hoepfner kennt die Zahlen. Wen er nicht kennt, ist die Mitarbeiterin Margit Hanel. Er kann nicht alle Behinderten kennen, zumal man "vielen eine Behinderung" nicht ansieht, wie er sagt.

Die Behinderung Hanels hingegen ist unübersehbar. 1,15 m ist die Frau zierlich, zwei Rollstühle stehen an ihrem Arbeitsplatz. In dem einen sitzt sie mit erhöhtem Komfort, mit dem anderen fährt sie davon, hinein in den für Rollstuhlfahrer umgebauten Aufzug, hinab zum Auto auf dem Parkplatz. Seit elf Jahren ist die gelernte Bürokauffrau im Unternehmen tätig und hat einige Entscheidungsgewalt. Sie ist im Telefondienst, betreut Kundenreklamationen und Abzahlungen.

An ihrem Arbeitsplatz mit der Nummer 636 ist sie keine Nummer, sie ist eine Instanz für Kunden, die beispielsweise andere Zahlungsmodalitäten erfragen. Dann ruft Hanel am PC die Kundendaten ab, verfolgt die Zahlungsmoral zurück, schätzt ein, ob der Anrufer nicht zahlen kann oder nicht zahlen will, räumt ihm innerhalb vorgegebener Richtlinien eine zeitliche Frist oder Sonderkonditionen ein. Oder auch nicht. "Behinderte gehören zu unserer Unternehmenskultur und zu unserer Unternehmensidentität." Hoepfner sagt das ganz entschieden. Er kann auch argumentieren. "Sie sind sehr motiviert und immun gegen Abwerbungsversuche, das ist für den Arbeitgeber schön", stellt er die Vorzüge der 6,9 Prozent von mehr als 4300 Mitarbeitern heraus.

Auf Margit Hanel musste sich der Arbeitgeber Baur nicht eigens vorbereiten. Ihr Arbeitsplatz sieht aus wie jeder andere in den Großraumbüros im sechsten Stock des Callcenters in der Bahnhofsstraße. Computer, Telefonanlage, Kopfhörer, persönliche Dinge: eine kleine Topfpflanze und die Fotos von Charly und Mini, zwei von drei Chihuahua-Hündchen, mit denen sich die junge Frau ihr Häuschen teilt. Auf Arbeit hat sich Hanel noch nie verletzt, aber wenn das passieren sollte, so würde der Heilungsprozess normal verlaufen, versichert sie. Einer Schulung ihrer Kollegen für den Umgang mit ihr bedarf es nicht.

Hanel lebt von einer Teilrente und von ihrem Können als Sachbearbeiterin. Nach vier Stunden ist Feierabend. Margit Hanel steigt um, fährt mit ihrem Rollstuhl zur elektronischen Stechuhr, zum Lift, hinunter zum Parkplatz. Sie steigt von ihrem Rollstuhl auf ihren Fahrersitz um, derweil sich die Tür ihres Kombi öffnet und eine Vorrichtung ihren Rollstuhl einholt. Später dann, zu Hause angekommen, wird die junge Frau erneut umsteigen, auf einen Rollstuhl der mit weniger Kraftaufwand etwas schneller fährt. Dann geben ihre Hündchen das Tempo vor.