Oberbrunn
Jahreswechsel

Glück ist Teil seiner Arbeit

Silvester ist die Nacht des Aberglaubens. Wir haben mit einem Talisman aus Fleisch und Blut gesprochen: Kaminkehrermeister Dieter Spaderna über Tradition, Wandel und rohe Eier im Hut.
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Dieter Spaderna zeigt einen kleinen Glücksbringer in Form einer Münze für 2016, die er an Kunden verschenkt.  Foto: Hendrik Steffens
Dieter Spaderna zeigt einen kleinen Glücksbringer in Form einer Münze für 2016, die er an Kunden verschenkt. Foto: Hendrik Steffens
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Dieter Spaderna hat sich traditionell in Schale geschmissen und den schwarzen Zylinder aufgesetzt. Auf den goldenen Knöpfen, die an die Weste der Kaminkehrerkluft aus Lichtenfelser Produktion genäht sind, prangt ein Abbild des Feuer-Schutzheiligen St. Florian. In dem modernen Büro im Ebensfelder Gemeindeteil Oberbrunn wirkt der Kaminkehrermeister wie aus der Zeit gefallen. Doch das Bild passt, denn Spaderna verbindet Tradition und Moderne als Schornsteinfeger, Energieberater und Talisman.

Glauben Sie an Glücksbringer?
Dieter Spaderna: Ja, freilich. Ich bin Kaminkehrer und ich bin Glücksbringer. Nur wenn man das positiv rüberbringt und dran glaubt, wirkt's auch.
Außerdem habe ich auch noch kleine Glücksbringer da, die ich an Kunden verteile.
(Holt die Münze raus, die auf dem Foto rechts zu sehen ist). Damals als die D-Mark abgeschafft worden ist, habe ich mir auch noch zwei große Säcke mit Pfennigen geholt. Die hebe ich noch ein wenig auf und verteile sie weiter.

Höhepunkt der Glücksbringer-Kultur ist Silvester. Haben Sie da besondere Rituale?
Nein, das nicht. Aber in Coburg haben wir Schornsteinfeger kurz vor dem Jahreswechsel eine schöne Aktion: Da verkaufen wir Glücksklee und machen eine Tombola zur Unterstützung des Vereins "Kaminkehrer helfen krebskranken Kindern." Den Kindern wollen wir auch ein bisschen Glück bringen.

Ist es eigentlich noch zeitgemäß, dass Leute Sie für Glücksbringer halten?
Vor allem bei den älteren Herrschaften ist das sehr präsent. Da bekommt man oft eine Menge erzählt und einige wollen am Knopf drehen (weist auf seine schwarze Weste). Zum Glück sind die fest angebracht und lösen sich nicht (lacht).
Man wird auch bei Hochzeiten gebucht, allerdings wird das weniger. Ich bin vor meiner Zeit als Selbstständiger mal mit einer Gruppe Schornsteinfeger zu einer Hochzeit bestellt worden, und weil das was ganz Besonderes werden sollte, haben wir ein richtiges kleines Schwein als zusätzlichen Glücksbringer dabei gehabt.
Wenn Kollegen heiraten, ist es üblich, dass man Spalier steht vor der Kirche und da gibt es einen alten Brauch ...

Welchen?
Der erinnert an frühere Zeiten: Den Zylinder hatten Kaminkehrer ursprünglich, um Eier zu transportieren. Man ist - etwa nach dem Krieg - in Naturalien bezahlt worden. Da hat der Kaminkehrer seinen Zylinder unten stehen lassen, wenn er auf den Dachboden geklettert ist, und dann hat der Bauer ein paar Eier reingelegt. Nach getaner Arbeit hat der Kaminkehrer den Zylinder mit den Eiern wieder aufgesetzt und zog weiter.
Zu meiner Hochzeit wurden mir vier rohe Eier in den Zylinder gelegt. Ich musste den dann aufsetzen. Da ich das noch nie gemacht hatte, bin ich ziemlich erschrocken. Ist aber gutgegangen.
Warum sind Schornsteinfeger eigentlich Glücksbringer?
Das kommt aus dem Mittelalter: Die Städte waren ziemlich eng bebaut, die Kamine teilweise aus Holz und wenn sich da ein Glanzruß (unvollständige Verbrennung von Holz, Anm. d. Red.) angesetzt hat, dann konnten die Kamine selbst zu brennen anfangen. Dabei wurden ganze Stadtteile ausgelöscht.
Die Reinigung des Kamins hat solche Unglücke verhindert. Daher kommt unser Ruf als Glücksbringer.

Schornsteinfeger ist ein Beruf im Wandel. Wie sehr sind Sie eigentlich noch Kaminkehrer?
Wir haben in unserem Kehrbezirk (Weismain) noch bestimmt 250 Häuser, in die wir vier Mal im Jahr reingehen zum Kaminkehren. Aber es kommen andere Dinge hinzu. Ungefähr 80 Prozent der Meister sind auch Energieberater. Ich selbst bin Kfw-Sachverständiger, mache Thermografie, Neubauberechnungen ... alles was Förderungen im energetischen Bereich angeht. Sogar Passivhaus-Planungen - obwohl die nicht mal einen Kamin haben.

Sie sind auch erstaunlich sauber. Kein Ruß.
Es gibt in Bamberg Kaminkehrer, die vielleicht vier Wochen im Jahr kehren gehen. Generell sieht man nicht mehr so viel Ruß. Hier auf dem Land kehren viele noch dreiviertel des Jahres. Aber auch hier wandelt es sich und alles ist nicht mehr so dreckig wie es mal war.

Kommen eigentlich genug Schornsteinfeger nach?
Ja. Wir sind eines der wenigen Handwerke, die keine Nachwuchsprobleme haben. Wir wollen pro Jahr zehn Prozent ausbilden. Und die Zahl schaffen wir. Als ich das letzte Mal in der Presse gesagt habe, dass wir Nachwuchs suchen, bekam ich drei Anfragen auf eine Lehrstelle. Das Interview führte Hendrik Steffens.



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