Richard Hümmers kleines Reich liegt im ersten Stock. In dem Zimmer, in dem der 76-Jährige als Kind geschlafen hat, befindet sich seine Schneiderwerkstatt. Besser gesagt: seine Schlappenmanufaktur. Hier fertigt er Tappen aus Stoffresten an: Ganz einfache Hausschuhe, so wie er es von seinen Eltern, die Schneider gewesen sind, gelernt hat. Die Machart ist zwar alt, doch Richard Hümmer hat immer wieder neue Methoden entwickelt, er hat die Kunst des Schlappenmachens perfektioniert.

"Nach dem Krieg haben wir alte Gäulsdecken und Militärmäntel zu Schlappen verarbeitet", erinnert sich der Rentner. In einer Zeit, in der Rohstoffe knapp, die Not groß war, mussten die Menschen findig sein.

Nur eine beheizte Stube im Haus


"Wir hatten nur einen beheizten Raum, die Schneiderei", sagt er. Wenn die Eltern wenig Aufträge hatten, nähten sie Schlappen, um etwas zu haben, das man eintauschen konnte. Die Kinder saßen dabei, sahen zu - und nähten mit. Mit Kinderarbeit hat das nichts zu tun, eher mit einer willkommenen Ablenkung, denn damals gab es kein Internet und keinen Fernseher; noch nicht einmal ein Radio hatte die Familie.

Wie das mit dem Schlappenmachen begonnen hat? Richard Hümmer grinst. Dann berichtet er in breitem Kleukheimer Fränkisch, dass sein Vater Baptist, der gerade aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause gekommen war, zunächst nur für seine Familie Schlappen nähte. Als eine Schweisdorfer Bäuerin die hübschen Stoffpantoffeln sah, rief sie entzückt aus: "Babbist, so a Bo or Schlabbm musst' miich aa mach'!" Als Lohn dafür bot sie ihm zwei Zentner Weizen an - Naturalien waren zu jener Zeit eine härtere Währung als Münzen und Scheine.

Tausche Brot gegen Schlappen


So kam es, dass Vater Baptist fortan Schlappen nähte. Immer mal wieder ein Paar. Als Rohstoff verwendete er Textilien, die nicht mehr passten oder verschlissen waren. Einen lebhaften Schlappenhandel eröffnete die Familie trotzdem nicht. Die Hausschuhe waren jedoch ein ideales Geschenk für Angehörige und Freunde, außerdem ließen sie sich gut gegen Waren des täglichen Bedarfs eintauschen.

1950 begann Richard Hümmer im elterlichen Betrieb eine Lehre. Drei Jahre lernte er Damenschneider, ein weiteres Jahr schloss er an, um sich auch Herrenschneider nennen zu dürfen.

In diesem Jahr kaufte die Familie auch ihr erstes Radio, einen großen hölzernen Kasten mit einem grünem "magischen Auge". 500 Mark hat der Apparat damals gekostet, sehr viel Geld.

Warum er sich so genau daran erinnert? Weil in diesem Jahr die elektrische Spannung in Kleukheim von 110 auf 220 Volt geändert wurde, sagt Richard Hümmer. Deshalb mussten alle Elektrogeräte ausgetauscht werden: "Für die Schneiderei mussten neue Bügeleisen her." Doch zurück zu den Schlappen: Als die großen Textilhäuser und der Versandhandel in den 1950er Jahren aufkamen und man von der Schneiderei nicht mehr leben konnte, sattelte Richard Hümmer beruflich um. Er arbeitete zunächst auf dem Bau, später dann in der Schneyer Schuhfabrik Lico. Doch das Schlappennähen ging ihm nicht aus dem Kopf, denn Schlappen gehen immer.

In seiner kleinen Werkstatt probierte er immer neue Kniffe aus, um die Schlappen zu verbessern. Wir würden heute sagen, er sei zwar innovativ gewesen, doch es kam ihm nicht in den Sinn, als Couturier sein Label zu pushen. "Ich hab' halt mei' Freud dran", begründet er fränkisch-schnörkellos, warum er Schlappen näht, wie andere Leute eben Strümpfe stricken oder Wurzelmännchen schnitzen. Irgendein Steckenpferd braucht der Mensch.

In dieser Werkstatt, zwischen etlichen Meisterbriefen, zahllosen Fadenrollen und einer Madonnenfigur, ist Richard Hümmer ungestört. Das Radio aus dem Jahr 1950 unterhält ihn, während er auf der Pfaff-Nähmaschine, die sein Vater 1928 gebraucht gekauft hatte, die vorbereiteten Teile zu Schlappen zusammenfügt. Hier entstehen die Brand- und die Laufsohle, hier werden Borten zur Zierde angenäht, hier wird gekettelt und umgebuckt. Wenn Richard Hümmer erzählt, vermischen sich der Fachjargon der Schneider und Schuster wie von selbst. Kein Wunder bei einem Schneider, der Tappen schustert.

Aus einem Zopf wird eine Sohle


Seine jüngste Innovation sind die Innensohlen, die er aus einem gedrehten Stoffzopf anfertigt. "Des hobb ich selber entwickelt", sagt er und beschreibt minutiös, wie aus dem zweifarbigen Zopf eine Sohle wird. Ebenso detailliert schildert er das Entstehen eines Absatzes aus einem Stückchen Leder. Nur das Fassband in der Kante - "des is a vädeuflda Är berd".

Sind die Tappen dann fertig, klebt der Meister ein handgeschriebenes Etikett mit der geschätzten Größenangabe auf den Absatz: "39 +". Genau weiß er die Größe nicht, denn "die fall'n halt unterschiedlich aus".

Zwei Paar Schlappen fertigt Richard Hümmer pro Woche an. Ungefähr - denn auch das ist keine normierte Größe. Es muss Spaß machen, das ist ihm das Wichtigste. Seine Tappen sind Unikate. Bezahlen könnte man die Handarbeit kaum. Nein: Ans Verkaufen hat er nie gedacht. Allein zum Verschenken fertige er sie an, und um eine alte Handwerkskunst am Leben zu halten.

Schlappen-Ausstellung


Das ist der Grund, warum das Festkomitee "875 Jahre Kleukheim" am Festtag (2. September) eine kleine Schlappenausstellung bei ihm bestellt hat. Richard Hümmer hat zugesagt, eine bunte Auswahl zur Verfügung zu stellen. Daran arbeitet er nun. Seine Stoff- und Fadenvorräte jedenfalls reichen noch für Jahrzehnte. Er grinst verschmitzt und zeigt auf einen im Eck hängenden Morgenmantel: "Den Morgenrock da hinten, den brauch' ich aa für Sohl'n."