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Sport

An den steilen Wänden im Fränkischen Jura: Der Kopf klettert vorneweg

Wer meint, dass es beim Klettern in steilen Wänden vor allem auf die Kraft ankommt, sollte es lieber gleich bleiben lassen.
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Johanna Martin hat den Berg im Griff: weil sie ihn respektiert und versteht. Das macht das Klettern aus.  Fotos: Adriane Lochner
Johanna Martin hat den Berg im Griff: weil sie ihn respektiert und versteht. Das macht das Klettern aus. Fotos: Adriane Lochner
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Er ist einer der erfahrensten Kletterer im Nördlichen Frankenjura: Bereits vor 34 Jahren hat sich Jürgen Kremer der nervenaufreibenden Sportart verschrieben.

Kleinziegenfelder Tal, Weihersmühler Wand: Die mit Magnesia bedeckten Fingerspitzen sind an einen Riss geklammert. Mit den Fußspitzen stemmt er sich in den Fels, die Beine tragen das meiste Gewicht. Sich mit so wenigen Berührungspunkten in der Wand zu halten, kostet Kraft, Ausdauer und Balance.

Jürgen Kremers ganzer Körper ist angespannt. Nun kommt der gefährlichste Teil, er muss die Sicherung anbringen. Johanna Martin, Kremers Kletterpartnerin, sichert ihn vom Boden aus. Konzentriert verfolgt sie jede seiner Bewegungen. Kremer greift nach einer der Expressen. Die sogenannte "Exe" ist eine Schlinge mit zwei Karabinern. Einen davon klippt Kremer an den Haken in der Wand.


Im freien Fall

Dann zieht er das Seil nach. Würde er jetzt stürzen, hätte er einen Fallweg von sechs bis acht Metern. Moderne Seile dehnen sich zwar und fangen einen Großteil der Sturzenergie auf, doch ein gewisses Verletzungsrisiko bleibt. Erst wenn auch das Seil in die Exe geklippt ist, können Kremer und Martin aufatmen. Dann geht es weiter zum nächsten Haken.

"Klettern ist Kopfsache. Alles, woran man denkt, ist: krieg' ich den Haken, fall' ich oder nicht?", sagt Kremer. Gerade diese Angst sei es, die seine Gedanken bündelt und ihn wegholt vom Alltag. Das Klettern sei der perfekte Ausgleich zu seinem Bürojob, sagt der Produktionsleiter aus Lichtenfels.

Seine Kletterpartnerin Johanna Martin aus Bamberg hat noch einen anderen Beweggrund. "Mir ist wichtig, dass ich draußen bin", so Martin, die auch gerne Fahrrad fährt oder joggt. Die Kletterei an der frischen Luft sei viel besser als jedes Fitnessstudio. Kremer pflichtet ihr bei: "Beim Klettern trainiert man Muskeln, von denen man nicht einmal wusste, dass man sie hat." Der Sport sei die beste Rückenschule und trainiere Koordination und Fußtechnik.

Klettern ist eine Frage des Vertrauens, nicht nur in die eigenen Fähigkeiten, sondern auch in den Partner, der am Boden über Leben und Tod entscheidet. "Den richtigen Kletterpartner zu finden, ist sehr schwierig. Es muss dabei ja auch zwischenmenschlich perfekt passen.", sagt Martin.


Mehr als 10 000 Routen

Sie und Kremer haben sich über Bekannte in der hiesigen Kletterszene kennengelernt. Die ist groß, denn mit mehr als 10 000 Routen an über 1000 Felsformationen ist der Nördliche Frankenjura zwischen Bamberg, Nürnberg, Amberg und Bayreuth eines der bekanntesten Klettergebiete weltweit, eines mit historischer Bedeutung. Der Frankenjura ist die Geburtsstätte der Rotpunkt-Kletterei, die in den 1970er Jahren das Sportklettern revolutionierte.

Früher war es üblich, dass Kletterer Trittleitern und Haken als Steighilfe in der Felswand anbrachten. Der Nürnberger Bergsteiger Kurt Albert war einer der Ersten, der begann, ausschließlich die natürliche Felsoberfläche zu nutzen - der Ansatz stammte aus dem US-amerikanischen Yosemite-Nationalpark. Ab 1975 markierte Albert seine Touren mit einem roten Punkt - daher der Name Rotpunkt-Kletterei.

Im Jahr 2010 verunglückte Albert tödlich am Höhenglücksteig in der Nähe von Hirschbach. Kremer, heute 50 Jahre alt, kannte Albert noch persönlich.


Speedklettern? Nein danke!

Kremer selbst hat bereits vor 34 Jahren mit dem Klettern begonnen. Zusammen mit einem Schulkameraden und dessen Vater ist er zum Bergsteigen in die Alpen gefahren. Durch die alpine Kletterei hatte Kremer Blut geleckt, der Frankenjura lag direkt vor seiner Haustür.

Jürgen Kremer hat im Frankenjura Hunderte neuer Routen gebohrt und einen Kletterführer für die nördlichste Fränkische Schweiz geschrieben. Kletterwettbewerbe interessieren ihn nicht. Bei der inoffiziellen Weltmeisterschaft werden verschiedene Disziplinen geprüft, vom Speedklettern bis zum Schwierigkeitsklettern mit anspruchsvollen technischen Problemen. Kremer sagt: "Für mich ist Klettern kein Wettkampfsport. Für mich geht es um die persönliche Herausforderung, das Erfolgserlebnis und die Auseinandersetzung mit der Wand."
Mehr Infos zu Jürgen Kremers Kletterei gibt es auf seiner Website www.kletterphoto.de