Lichtenfels

Den Dreh heraus mit der Weide

Korbmacher im Sinne des Wortes sind heute nur noch wenige. Die moderne Bezeichnung Flechtwerkgestalter trägt dem veränderten Berufsbild Rechnung. Es braucht Ideenreichtum, um in dem Handwerk bestehen zu können.
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Nina-Regina Nötzelmann arbeitet an einem Spiralgeflecht aus geschälter Weide . Fotos: Ronald Rinklef
Nina-Regina Nötzelmann arbeitet an einem Spiralgeflecht aus geschälter Weide . Fotos: Ronald Rinklef
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Die Werkstatt in der umfunktionierten Garage ist kein gemütlicher Ort. Ein Elektro-Radiator leistet der von unten hochkriechenden Kälte mehr schlecht als recht Widerstand. Die eingeweichten Weidenruten in der großen, betonierten Wanne verströmen ihren typischen Geruch. Auf der hölzernen Bank sitzt man hart und aufrecht, die wenigen Werkzeuge in Griffnähe. In diesem Umfeld entstehen Engelsflügel, die als transparente Schale oder Raumdekoration dienen. Oder Objekte, deren Funktion allein darin besteht, das Auge des Betrachters zu erfreuen. Natürlich kann Nina-Regina Nötzelmann auch einen Einkaufskorb oder Schaukelstuhl herstellen. Sie macht es aber selten. Lieber ist die gelernte Flechtwerkgestalterin kreativ, probiert aus, wie sie traditionelle Handwerkskunst mit moderner Formgebung verknüpfen kann.
Dabei kann es sein, dass ein alter Mopedreifen eine neue Funktion als Rand einer Schale bekommt, ungeschälte Weidenruten die Form eines menschlichen Herzens annehmen oder eine kaputte Gießkanne zum floristischen Objekt wird. Mit solchen Spielereien bestückt die 30-Jährige dann Ausstellungen.
Geld verdient sie mit kleinen Geschenkideen oder großen Maßanfertigungen, die sie direkt aus der Werkstatt, via Onlineshop, auf Handwerkermärkten oder über den Ladenbereich des Deutschen Korbmuseums in ihrer Heimatgemeinde Michelau verkauft. Ein weiteres Standbein sind Reparaturen und Kurse. Diese dienen nicht etwa nur dem Vermitteln handwerklicher Fertigkeiten. Der Auftrag eines großen Unternehmens zielte jüngst auf Entschleunigung und Teambuilding ab. "Man muss vernetzt sein", sagt sie. Und dürfe seine Arbeit nicht unter Wert verkaufen. Da appelliert die stellvertretende bayerische Landesinnungsmeisterin auch an die Kollegen, Selbstbewusstsein zu zeigen. Bevor sie ein Werkstück halb verschenke, lagere sie es lieber ein und verkaufe es ein andermal für den richtigen Preis.
Allein von Kundschaft aus der Region könnte sie eigener Einschätzung nach nicht leben - auch wenn sie sich mittendrin im Landkreis der Korbstadt Lichtenfels befindet. Gerade in einer Gegend, wo einst fast in jedem Haus in Heimarbeit geflochten wurde, werde dieses Handwerk nicht grundsätzlich hochgeschätzt, findet sie. Als Flechthandwerker müsse man heute mit individuellen Arbeiten überzeugen, seine Nische finden. "Die Zeiten, in denen man große Mengen von Alltagsgegenständen produzieren und absetzen konnte, die sind vorbei."
Das wusste Nina-Regina Nötzelmann, bevor sie sich für die Ausbildung an der Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung entschied. Ihre Familie habe hinter ihr gestanden, erzählt sie, obwohl es klar war, dass man mit dem Verdienst keine großen Sprünge würde machen können. "Ich war schon als Kind recht kreativ", erzählt sie. Darin sei sie gefördert worden. Nach dem Besuch der Fachoberschule, Fachrichtung Gestaltung, liebäugelte die junge Frau mit einem Designstudium. Momentan drängt es sie nicht an eine Hochschule. Aber experimentelles Arbeiten und Weiterentwicklung sind ihr wichtig. "Ich schaue, dass ich mir jedes Jahr eine Woche freischaufele, in der ich an etwas Neuem arbeiten oder an einer Lösung feilen kann, um eine Produktidee verkaufsfähig zu machen." Einmal im Jahr trifft sie sich auch mit den drei Kollegen ihrer Projektgruppe "Flechtett" zum kreativen Austausch. Sie alle haben ihr Handwerk in Lichtenfels erlernt, leben heute über das Bundesgebiet verstreut. Im vergangenen Jahr nahmen sie auf Einladung einer spanischen Flechterin an einer Ausstellung in deren Heimat teil. Auch den Kontakt zu älteren Korbmachern schätzt Nina-Regina Nötzelmann, die sonst ja die meiste Zeit allein in ihrer Werkstatt verbringt. Sie trifft sie, wenn sie in den Lebenden Werkstätten des Korbmuseums mitarbeitet. Sie erlebt dabei mitunter auch deren Neugier an neueren Techniken.
Ihren Traum vom eigenen Atelier mit Kursraum über der Garage konnte sie noch nicht verwirklichen. Aber die Idee dazu ist da.

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