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Lichtenfels
Integration

"Ahmad geben wir nicht mehr her"

Wie kann es gelingen, dass Flüchtlinge und Einheimische miteinander zufrieden leben? Es braucht dazu vor allem eines: Menschlichkeit.
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Chefin Roswitha Wittmann und Ahmad, der eine Ausbildung als Industriekaufmann absolviert und dann eine Anstellung erhalten hat. Foto: Popp
Chefin Roswitha Wittmann und Ahmad, der eine Ausbildung als Industriekaufmann absolviert und dann eine Anstellung erhalten hat. Foto: Popp
Roswitha Wittmann weiß, was Ahmad hinter sich hat. Sie nennt aber nur die Eckpunkte - Flucht aus Afghanistan, Monate in Rumänien ohne Dach über dem Kopf, Monate im Gefängnis mit Schwerverbrechern. Er soll lieber selbst erzählen. Für die Firmenchefin zählt mehr das Hier und Jetzt. Ahmad hat in Deutschland sein Fachabitur gemacht, eine Ausbildung als Industriekaufmann abgeschlossen und ist jetzt in ihrem Unternehmen im Büro angestellt. Das alles allein ist schon beachtlich, denn der junge Mann konnte zwar sehr gut Englisch, die deutsche Sprache musste er aber von Grund auf lernen. Heute kann man sich prima unterhalten. Es fehlen schon eher dem Zuhörer die Worte, wenn Ahmad von seinem Leben und seinem Schicksal erzählt. Er hatte Abitur gemacht, ein Studium begonnen, und war Mitarbeiter einer westlichen Botschaft in Kabul. Er verdiente gut, hatte ein schönes Auto. Aber er hat alles, was er besaß, verkauft, um genug Geld für die Flucht zusammenzubekommen. Es ging auf einmal um das nackte Überleben, als zwei seiner Kollegen bei ihren Familien ausfindig gemacht und von den Taliban ermordet worden waren. Er hätte der nächste sein können, hatte schon Drohungen erhalten. Ahmad informierte seine Familie und beschloss, sein Land zu verlassen. Auf legalem Weg war ihm das aber im November 2008 nicht mehr möglich. Der Prozess, über die Botschaft in das entsprechende Land zu gelangen, nahm erfahrungsgemäß ein Jahr in Anspruch. Zu lange, wenn man um sein Leben bangen muss. Deshalb zahlte der junge Mann 25 000 Dollar an Schleuser. Er kam nach Rumänien, durfte sechs Monate in einem Asylheim bleiben, wurde als politischer Flüchtling anerkannt. Aber Hilfe bekam er nicht. Er riskierte die Flucht nach England, dachte, er hätte es da leichter, wegen der Sprache. Doch er kam in Haft und wurde zurück nach Rumänien abgeschoben. Seine Familie überwies ihm Geld, von dem er sich ein Kellerloch mietete. "Ich bin einmal nachts aufgewacht und spürte etwas Schweres auf meinem Brustkorb. Da bekam ich Angst", erzählt er. Es waren zwei Ratten, deren Größe er mit auseinander gehaltenen Händen beschreibt. Monatelang schlief er in einem Park. Dann ein neuer Anlauf: Deutschland. Viel Hoffnung machte ihm niemand, er werde das Land wieder verlassen müssen. Das Datum seiner geplanten Abschiebung ist ihm ins Gedächtnis eingebrannt, der 22. Februar 2011. Ein Aufschub mit befristeter Duldung gelang nur, weil er zwischenzeitlich ein Stipendium über die Organisation "Brot für die Welt" erhalten hatte. "Ich habe immer tolle Menschen getroffen, die sich eingesetzt haben", sagt Ahmad dankbar.

Was man eher nebenbei von ihm erfährt, ist, dass er immer alles daran gesetzt hat, zu lernen. Zuerst die Sprache, dann den Unterrichtsstoff mehrerer Jahrgangsstufen auf einmal an der Fachoberschule. "Das war nicht leicht", sagt er rückblickend.
Nebenbei ist er mit dem Fahrrad bei Wind und Wetter zu einem Hotelbetrieb gefahren, um dort in der Küche zu helfen und sich etwas dazuzuverdienen. Bei Bahnfahrten hat er fremde Menschen angesprochen, ob sie sich ein bisschen mit ihm unterhalten würden. Sie bräuchten keine Angst zu haben, er wolle nur sein Deutsch verbessern. Manche wollten das nicht. Andere schon. Ahmad urteilt nicht pauschal. "Es gibt nicht die Deutschen oder die Afghanen", sagt er. "Man kann nur jeden Menschen für sich beurteilen." Damit ist auch klar, was er über Flüchtlinge denkt, die hier für traurige Schlagzeilen gesorgt haben. Er möchte nicht, dass deswegen alle über einen Kamm geschoren werden. Roswitha Wittmann hat das nie gemacht. Sie ist offen auf Ahmad zugegangen, als sie von seinem Schicksal erfahren hat. Sie wollte irgendwie helfen. "Am Anfang habe ich einfach ein paar nicht mehr getragene Kleidungsstücke meiner Söhne zusammengepackt, die in etwa in seinem Alter sind", berichtet sie. Dann aber merkte sie schnell, dass es weniger wichtig war, etwas Materielles zu geben, als das Gefühl zu vermitteln: Da ist jemand da. Sie sei wohl so etwas wie eine Ersatzmutter geworden, sagt die Unternehmerin mit einem Lächeln. Und setzt dann ernst hinzu, sie wünschte sich, dass jeder, der das kann, sich eines jungen Flüchtlings annehmen würde. Dann wären diese Jugendlichen emotional nicht so allein gelassen und auch nicht so verführbar für IS-Ideologien. Es reiche nicht, sie zu verwalten.


Auf Flüchtlinge zugehen


"Die Gesellschaft will alles auf den Staat abwälzen." Integration sei nur dann zu schaffen, wenn alle zusammenhelfen. Dass ihre Firma drei Syrer in Lager und Produktion angestellt hat und jetzt eine Bürokraft aus Afghanistan, ist ein Beitrag zu einer großen Herausforderung. Auf persönlicher Ebene ist es eine Bereicherung. "Den geben wir nimmer her", heißt es inzwischen über Ahmad auch aus dem Umfeld der Familie. Ahmad will etwas zurückgeben. Er besucht Flüchtlingsunterkünfte, übersetzt und motiviert junge Leute, Deutsch zu lernen. Arbeit sei ganz wichtig, betont er. Und er sagt auch einen Satz, der deutlich macht, wie wichtig es ist, dass es Menschen gibt, die Hilfe und Orientierung anbieten: "Wenn man keine Karte hat, kann man tagelang laufen und findet den Weg nicht."

Roswitha Wittmann wünscht sich, dass sich mehr Menschen trauen, auf Flüchtlinge zuzugehen, mal jemanden einzuladen, für jemanden da zu sein. Man würde sich kennenlernen, voneinander etwas erfahren. Dann hätten die Leute keine Angst vor den Fremden mehr, "und die Welt würde besser ausschauen."
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