Lichtenfels
Behindertenarbeit

50 Jahre Arbeit mit Behinderten in Lichtenfels

Karl Heinz Orlishausen war einer der Männer der ersten Stunde in der Behindertenarbeit in Lichtenfels. Vor 50 Jahren trat er für bestmögliche Förderung ein.
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Sonderschulrektor Karl Heinz Orlishausen auf einer privaten Aufnahme mit Kindern der schulvorbereitenden Einrichtung am Maximilian-Kolbe-Schulzentrum. Repro: Popp
Sonderschulrektor Karl Heinz Orlishausen auf einer privaten Aufnahme mit Kindern der schulvorbereitenden Einrichtung am Maximilian-Kolbe-Schulzentrum. Repro: Popp

Wenn am Samstag, 6. Juli, das Sommerfest gefeiert wird, dürfte die Historie nur eine Randnotiz sein. Doch erinnern wollen die Verantwortlichen vom Heilpädagogischen Zentrum schon an einen bemerkenswerten Zeitraum: Auf 50 Jahre Arbeit mit behinderten Menschen kann die Caritas im Landkreis Lichtenfels heuer zurückblicken. Damit verbunden sind viele tatkräftig Mitwirkende und Förderer, deren Leistung nicht geschmälert werden soll, wenn dieser Bericht einen der Männer der ersten Stunde in den Mittelpunkt rückt: Karl Heinz Orlishausen. Als Sonderschullehrer, später auch als Rektor, leistete er Pionierarbeit.

Die Anfänge bewegten sich in einem bescheidenen Rahmen. Orlishausen wollte Lehrer werden und hatte in Bamberg studiert. Erst die Anregung des Schulrates gab den Anstoß zu einer zweijährigen Zusatzausbildung in München, die er von 1966 bis '68, nach dem zweiten Staatsexamen, absolvierte. "Er war jung, und es hat ihn wohl gereizt, alleine etwas aufzubauen", mutmaßt seine Witwe Bärbel Orlishausen. Sie hat auf Bitte der Redaktion einen Einblick in das private Archiv ihres 2012 verstorbenen Mannes gegeben. Es handelt sich überwiegend um ordentlich abgeheftete Zeitungsausschnitte und Fotos, aber auch ein handschriftlich verfasstes Schülerregister ist darunter. Darin hat der Pädagoge für jedes Kind eine Karte mit Foto angelegt. Darauf vermerkt sind die Art der Behinderung und der familiäre Hintergrund, aber auch Besonderheiten und Charakteristika. Stets ist es eine wohlwollende, zugetane Einschätzung. Orlishausen hat seine Entscheidung für diesen Weg nicht bereut. Um diese Kinder könnten ihn alle Lehrer beneiden, habe er mal gesagt. Denn sie nähmen jede Anregung an, und er erlebte sie als dankbarer. Während heute der Unterricht von Pflegekräften begleitet wird, war Orlishausen damals allein auf sich gestellt. Beklagt habe er sich nie. Die Kinder seien für ihn immer eine Freude gewesen, "schwierig sind höchstens die Erwachsenen", soll er gesagt haben. "Mein Mann hat das einfach gern gemacht", resümiert Bärbel Orlishausen. "Da war nichts zu viel." Die Aufbauarbeit ging er mit dem Schwung eines 30-Jährigen an.

Alles war im Umbruch, denn: Es gab vor jener Zeit keine Schulpflicht für Kinder mit einer geistigen Behinderung. "Sie galten als unbeschulbar", berichtet Bärbel Orlishausen. Kinder mit einer Lernbehinderung, sozial Schwache oder Kinder an der Grenze zur Behinderung besuchten die sogenannte Hilfsschule. Ein neues Gesetz zur Schulpflicht verlangte aber nach Umsetzung. Alle Kinder sollten ein Recht darauf haben, zur Schule zu gehen und ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert zu werden.

In dem Lehrlingswohnheim am Rennleinsweg, das eigentlich für Schüler der Korbfachschule gebaut worden war, begann Karl Heinz Orlishausen den Unterricht. Der Caritasverband fand sich als Träger. Wegen des Rückgangs an angehenden Korbmachern war das Gebäude nicht mehr ausgelastet gewesen. Die ersten Schüler, 15 bis 20 Jungen und Mädchen, waren Kinder aus dem Frankenwald, wie sich Bärbel Orlishausen erinnert. Sie wurden montags hergebracht und freitags zurück, damit sie die Wochenenden in ihren Familien verbringen konnten. Unter der Woche lebten und lernten sie in Lichtenfels. Der Kontakt zu den Eltern war Karl Heinz Orlishausen so wichtig, dass er in den Ferien einmal mit seiner Frau einen Ausflug in den Frankenwald unternahm, um sie zu besuchen. Ihre Kinder gut untergebracht zu wissen, habe die Leute gefreut, erzählt seine Witwe.

Auch den Bau des Maximilian-Kolbe-Schulzentrums im Eichenweg 1983/84 begleitete er mit. Die Kinder profitierten von den zahlreichen Hobbys und Interessen des kreativen Schulleiters, der gerne fotografierte und von der Natur fasziniert war. Unterrichtsmaterialien entwickelte er selbst.

Ein Verfechter von Inklusion nach dem Verständnis, dass Kinder mit Behinderung möglichst gemeinsam mit Kindern ohne Behinderung unterrichtet werden, war der Sonderschulrektor nicht, wie wir erfahren. Er vertrat die Meinung, man sollte sie lieber individuell fördern, so dass sie sich nicht wegen schwächerer Leistungen ausgegrenzt fühlen. Integration im gesellschaftlichen Leben, das Miteinander im Freizeitbereich, unterstützte Orlishausen aber nach Kräften. Er gehörte auch dem Gründungsvorstand des Vereins zur Förderung Behinderter in Lichtenfels an und freute sich über gemeinsame Aktionen seiner Schule etwa mit örtlichen Vereinen. Als leidenschaftlicher Sportschütze initiierte er in den 1970er-Jahren den Besuchstag behinderter Kinder auf dem Lichtenfelser Schützenfest, den es heute noch gibt. Ort & Zeit 6. Juli, 14-19 Uhr, am/im Heilpädagogischen Zentrum (HPZ) der Caritas in Lichtenfels, Eichenweg 16; Programm: Beginn mit einer Andacht um 14 Uhr mit Weihbischof Gössl; im Anschluss präsentieren sich sämtliche Einrichtungen mit einem Querschnitt ihrer Arbeit. Gewinnspiel, Musik und viele Aktionen für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung.

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