Ebern

Die Hassbergeritis geht wieder um

Um es gleich vorwegzunehmen: Mich nervt der inflationäre Gebrauch des Begriffs „Hassberge“. Und es scheint immer schlimmer zu werden. Wenn das allgegenwärtige „Bei uns in den Hassbergen“ ertönt, frage ich mich: Muss eigentlich alles, aber wirklich alles ausnahmslos mit dieser Bezeichnun...
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Rathaus_Hassfurt
Um es gleich vorwegzunehmen: Mich nervt der inflationäre Gebrauch des Begriffs „Hassberge“. Und es scheint immer schlimmer zu werden. Wenn das allgegenwärtige „Bei uns in den Hassbergen“ ertönt, frage ich mich:

Muss eigentlich alles, aber wirklich alles ausnahmslos mit dieser Bezeichnung zugekleistert werden? Warum? Ich bin kein „Hassberg(l)er“ und möchte so nicht bezeichnet werden. Auch, weil es wie Hinterwäldler klingt.

Hassberge, wohin man schaut. Ein freier Zeitungsmitarbeiter durfte unlängst unredigiert von einem „östlichen Hassbergkamm“ fabulieren, den es gar nicht gibt. Gemeint war wohl der Höhenzug von Baunach bis zum Zeilberg bei Maroldsweisach. Der Kreisheimatpfleger berichtete jüngst, dass die Hügelkette einst „First“ geheißen habe.

Kein Wunder, dass im Dickicht der unzähligen Hassberg-Schöpfungen die geographische Orientierung verloren geht.

Eine Petition im Internet fordert gar einen Kinderarzt für den „nördlichen“ Landkreis Hassberge, obwohl der Arzt nach Ebern, das sich im Osten des Kreises befindet, gewünscht wird.

Überhaupt, der Hassberg-Furor ist unerbittlich. Bei Wikipedia, dem Internet-Lexikon der Laien, sahen sich unbekannte Autoren bemüßigt, der meist flachwelligen Hügelkette der Hassberge das Adelsprädikat „Mittelgebirge“ zu verleihen. Etikettenschwindel in Reinform.

Geplagte Wirte stehen nicht selten vor der diffizilen Aufgabe, ob der unspektakulären Landschaft erst enttäuschte, dann aufgebrachte Touristen mit kostenlosen Schnäpschen wieder zu beruhigen.

In Hassfurt sind die Hassberge nie angekommen

In einem Hassfurter Zeitungsgeschäft liegen verschiedene Druckerzeugnisse aus, aufgereiht wie die Schützen: Das „Hassfurter Tagblatt“, das nach seiner Veräußerung an die Main-Post dem „Boten vom Hassgau“ wie aus dem Gesicht geschnitten ist, allerdings ein Zehnerle billiger. Und der Fränkische Tag.

Ich bücke mich, greife nach dem Fränkischen Tag, dort prangen unter dem Zeitungstitel die Lettern: „Frühausgabe Bamberg“. Wo ist die Ausgabe Hassberge?

Auf Nachfrage verklickert mir die Verkäuferin nach einer kurzen Denkpause: „Die Ausgabe Hassfurt“ muss schon weg sein.“ Aha, überlege ich mir, so akkurat und eng die Zeitungen auf der Auslage drapiert sind, hat die „Hassfurter Ausgabe“ überhaupt ihr eigenes Plätzchen gehabt?

Nun denn. Es scheint, je weniger die Hassberge in Hassfurt angekommen sind, desto mehr muss wenigstens der Rest des Landkreises mit der Begrifflichkeit beglückt werden. Am meisten müssen sich die Eberner über die „Hassberge“ freuen.

Je eifriger sie das tun, desto größer ist wiederum die Freude in Hassfurt. Juchheißa! (Das ist ein Ausruf ausgelassenen Beglücktseins.)

So kommt es, dass alle dieses Spiel mitspielen. Kinderfasching in den Hassbergen (Juchheißa!), die Main-Post erfindet in vorauseilendem Gehorsam die Polizeiinspektion Hassberge (Juchheißa!), die Sparkasse zieht sich ebenfalls den Hassberg-Schuh an (Juchheißa!) und die Hassberg-Kliniken büßen ihren Namen immer noch.

Wenn „Hassbergler“ Prüfungen bestehen, dann handelt es sich vermutlich um Bürger, die im Landkreis ihren Wohnsitz und fleißig gebüffelt haben (oder sollte es nicht „gehassbergelt“ heißen?). Wie lange dauert es eigentlich noch, bis auch „Hassberglerinnen“ ihre Prüfungen meistern?

Die katholische Kirche musste oder wollte sich beim Dekanatsnamen ebenfalls dem „Hassberg-Wahn“ beugen. Wann das evangelische Dekanat nachzieht, dürfte nur noch eine Frage von Zeit und ausreichend wahrgenommenem Druck sein.

Doch man muss die Kirche im Dorf lassen: Einzig der Landkreis und der Naturpark führen berechtigterweise den Namen „Hassberge“. Alles andere riecht verdächtig nach künstlich hergestellter „Kreis-Identifikation“. Die braucht im Grunde niemand. Denn einen Nutzen hat sie nicht. Im schlimmsten Fall kommt sogar das Gegenteil dabei heraus. Und das wäre schädlich.


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