Bamberg
Leserbrief

Leserbrief zu Babenbergerring: Langsamer Verfall eines Stadtteils

Seit 10 Jahren wohnt Axel Fritsch im Babenberger Viertel. Die Brandstiftung in einem Solarium Anfang Dezember ist für ihn der Höhepunkt eines seit drei Jahren währenden Verfalls des Bamberger Stadtteils.
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Das Solarium am Babenbergerring. Foto: Sebastian Martin
Das Solarium am Babenbergerring. Foto: Sebastian Martin
Nach den schnellen Ermittlungen der Polizei sollen mutmaßlich der Betreiber selbst und sein Neffe das Feuer gelegt haben. Ein Sachschaden in Höhe von 50.000 Euro sei entstanden, so ein Sprecher der Feuerwehr. Wie diese Summe ermittelt wurde, ist mir ein Rätsel. Der materielle Schaden dürfte deutlich im sechsstelligen Bereich liegen, zumal die wenigen benachbarten Läden nunmehr ebenfalls geschlossen sind, keine Umsätze mehr generiert werden und die Renovierungsarbeiten am Gebäude und im Wohnbereich bei Tageslicht betrachtet erheblich sein werden.

Die Frage dürfte sicher sein, wer dafür aufkommen wird. Bei Brandstiftungen zahlen die Feuerversicherungen nicht automatisch. Gemäß BGB § 823 , Schadensersatzpflicht, ist erst einmal der Verursacher haftbar: " Wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum oder ein sonstiges Recht eines anderen widerrechtlich verletzt, ist dem anderen zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens verpflichtet." Damit sind es erstmal die Brandstifter, die alleine für den Schaden aufkommen müssen. Ob diese, sofern die Täterschaft bewiesen ist, die entsprechenden Mittel dazu haben, wird sich zeigen. Eines dürfte sicher sein: Es wird sich möglicherweise monatelang hinziehen, bis der jetzige Zustand im Einkaufszentrum wieder verbessert wird. Und das ist das Schlimme daran.

1982 entwickelten die Soziologen Wilson und Kelling in den USA die Broken-Windows-Theorie ("Theorie der zerbrochenen Fenster") , die heute als bestätigt gilt. Demzufolge führt ein zunächst harmlos erscheinendes Phänomen, wie beispielsweise ein zerbrochenes Fenster, später sehr häufig zur Verwahrlosung eines Stadtteils mit Ausbreitung von kriminellen Handlungen. Die vorgeschlagene Konsequenz ist: Sofort das Fenster reparieren und somit signalisieren, dass an diesem Ort alles weiterhin geordnet ist. In einer Art ursächlicher Abfolge seien, so die Sozialwissenschaftler, Unordnung und Kriminalität innerhalb einer Community unentwirrbar miteinander verknüpft.

So gesehen sind die Brandstiftung und das zerbrochene Schaufenster ein absolutes Alarmzeichen, was sofortiges Handeln im Stadtteil erforderlich macht, damit dieser nicht zu einer "schlechten Adresse" verkommt. Das Babenberger Viertel verliert seit längerer Zeit seinen früheren Charme. Von dem in den 70er Jahren geplanten Nahkauf-Zentrum ist kaum etwas übrig geblieben. Der Metzer mit der Frische-Markt sind schon seit 2 Jahren Geschichte. Die Gewerbefläche steht seither leer. Der Schlecker-Markt ging sang- und klanglos in die Insolvenz. Auch hier ist Leerstand. Die Gaststätte hat zum 3. Mal den Pächter gewechselt. Der Getränkeladen ist fast immer zu. Der Bäcker hatte bis zum Brand auch nur noch beschränkte Öffnungszeiten. Jetzt ist nur noch ein Schild an der Tür: "Geschlossen!". Im abgebrannten "Sonnenstudio" war einmal ein Tabakladen, wo es auch Zeitschriften und Schulbedarf zu kaufen gab. Auch damit ist Schluss und es ist mehr als zweifelhaft, ob es jemals in diesen Räumen noch etwas zu kaufen gibt.

Die einzigen Felsen in der Brandung sind die Sparkasse, die Apotheke, ein Frisörladen und eine selten geöffnete Begegnungsstätte, die von Familien für Feiern genutzt wird.

Die Frage ist doch, warum ist das so? Warum haben kleine Betriebe, wie der Tabakladen und Gemüseladen und andere das Weite gesucht? Die Antwort ist ganz einfach: Viel zu hohe Mieten bei mangelnden Umsätzen. Ich denke, hier muss der Eigentümer der Gewerbeflächen an seinen sozialen Auftrag und gemeinwirtschaftliche Verantwortung erinnert werden. Hier braucht es dringend Konzepte, wie es weitergehen kann. Jeder Leerstand ist ein "Broken-Window-Risiko".

Mein Vorschlag an den Eigentümer:
• Sofortige Beseitigung aller Brandschäden durch den Eigentümer der Gewerberäume und Wohnungen
• Unverzügliche Kontaktaufnahme mit dem Stadtmarketing zur Entwicklung einer Gewerbekonzeption für das Babenberger-Viertel
• Sonder-Pachtpreise für junge Gewerbebetriebe
• Farbliche Neugestaltung des Einkaufszentrums
• Modernisierung der Spielplatzanlage

Axel Fritsch aus Bamberg

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