Walsdorf

Das Aurachtal - ein Blick in die Frühgeschichte

Das Aurachtal – ein Blick in die Frühgeschichte „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer...“ So steht es in der Bibel. Aber so weit wollen wir nicht zurückblicken...
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Das Aurachtal – ein Blick in die Frühgeschichte

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer...“ So steht es in der Bibel. Aber so weit wollen wir nicht zurückblicken. Die Zeitreise beginnt um 400 v. Chr. in der Eisenzeit, einer frühen Epoche der Latènezeit, so benannt nach dem Fundplatz La Tène am Neuenburger See in der Schweiz. Es ist eine Zeit, als die schimmernde Vielfalt von Kulturen und Zivilisationen in dem mächtigen Halbkreis um die Wüste Arabiens, dem „Fruchtbaren Halbmond“, wieder das sind, was sie nach der Sintflut waren: Wüsten. Die Völker Mitteleuropas dagegen sind aus ihrem Jahrhunderte langen, dunklen Dämmerschlaf erwacht. Heller Schein steht über dem römischen Italien, und keine 100 Jahre später wird Alexander der Große das persische Weltreich zertrümmern.

Träger der mediterran beeinflussten Latènekultur sind die Kelten. Celtoi nannten die Griechen diese Volksgruppen, celtae oder auch galli die Römer. Ins Deutsche übertragen bedeutet das sinngemäß „die Mächtigen, Erhabenen, Starken“.
Das antike Bild von den Völkern jenseits der Alpen erfreute sich einer Einfachheit, über die sich die griechischen und römischen ABC-Schützen nur freuen konnten: im Westen Europas saßen Kelten und im Osten Skythen. Kam ein unbekanntes Volk aus Mitteleuropa daher, dann waren das eben „Keltoskythen“. So einfach war das.
Mit den Kelten mussten sich die Römer schon damals, lange vor der Eroberung Galliens, mehr als einmal herumschlagen. 387 v. Chr. lacht der Boierfürst Brennus den Römern sein berühmtes „Vae victis – Wehe den Besiegten“ entgegen. 70 Jahre später kämpfen Kelten in der Armee des Karthagers Hannibal, und helfen überaus tatkräftig mit bei Cannae 80 000 Legionäre abzuschlachten („Hannibal ante portas“ - 216 v. Chr.). Wiederum 120 Jahre später waren es die keltischen Teutonen, die im Verein mit den germanischen Kimbern und Ambronen für ein Trauma, einen nachhaltigen Albtraum der römischen Geschichte sorgten, den sprichwörtlich gewordenen „furor teutonicus“. Ein Begriff, der noch heute gebräuchlich ist, zum Beispiel wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft einen Gegner förmlich über den Haufen rennt.

Waschechte Kelten jedenfalls waren es, die das „oppidum Menosgada“ errichteten. So nannte der griechische Geograph Claudius Ptolemäus (85 – 160 n. Chr.) die Gipfelburg auf dem Staffelberg - „Stadt über dem Maintal“. Main, Aller, Elbe, Isar, Lahn, Lippe, Neckar, Rhein, Ruhr und Weser sind keltische Flussnamen.
Wir dürfen wohl mit Recht annehmen, dass die von Haus aus wanderlustigen Kelten (Asterix und Obelix sind ja auch ganz schön rum gekommen) nicht einfach nur die schöne Aussicht genossen und dabei immer noch ein Kuhhorn leerten. Sie waren ohne Frage auch im Tal der Aurach. Ein Indiz dafür sind die Hügelgräber westlich von Walsdorf. Welchem Stamm die Staffelsteiner Kelten angehörten wissen wir nicht. Die Kelten bildeten nie eine geschlossene Ethnie, nie ein geschlossenes Volk. Es handelte sich bestenfalls um zahlreiche ethnische Gruppen mit einer ähnlichen Kultur. Gleichwohl – über zwei Jahrhunderte lang waren sie der Schrecken ganz Europas, und die ersten Siedler im Tal der Auerochsen. Ziemlich sicher waren vorher schon Neandertaler da, denn die Vereisung erreichte die Aurach nicht. Die Neandertaler sind ausgestorben, aber nicht gänzlich. Sie vermischten sich mit dem Homo sapiens, und gaben so ihre Gene weiter.

Bei ihrer Ankunft trafen die Kelten nicht nur auf Wildschweine, mit denen sich Forst- und Landwirtschaft ja bis heute herumprügeln, sondern auch auf eine andere ausgestorbene Spezies, die aber gleichwohl dem Aurachtal ihren Namen gab – den Auerochsen. Dieses Wildrind hat die sumpfigen Niederungen schon lange vor den Menschen bevölkert und geprägt. Das soll er heute wieder tun. Seit 2006 beweiden rückgekreuzte Heck-Rinder das Tal der renaturierten Aurach. 1000 Kilo Lebendgewicht bringen sie allerdings nicht auf die Waage, und so imposant der schwarzfellige Luzifer, der Boss der Herde, auch sein mag – 1,80 Meter hoch ist er nicht. Dennoch – die „Aurachochsen“ sind ein gelungener Versuch ein Stück Vergangenheit wieder lebendig zu machen.
Wunderschöne, meisterhaft gefertigte Abbilder der urwüchsigen „hercynischen Riesen“, wie Cäsar sie in seinem Bericht „Commentarii de Bello Gallico“ nannte, finden sich bereits in der Höhle des französischen Lascaux, die heute zum Weltkulturerbe gehört. Das Alter der Höhlenmalereien wird auf ca. 17 000 Jahre geschätzt. Auerochsen und Pferde gehörten damals zu der bevorzugten Jagdbeute des Cro-Magnon-Menschen, unseres direkten Vorfahren. „Hercynia silva“ war übrigens der in der Antike gebräuchliche Sammelbegriff für die schier unendlichen Wälder nördlich der Donau.
In der ältesten bekannten Runenreihe lautet der Name der u-Rune „Ur“, latinisiert „urus“. Der im 13. Jahrhundert einsetzende Lautwechsel machte daraus „Uwer, Euwir oder Auer“. „Auer“ setzte sich durch, und so kam der Auerochse zu seinem Namen. Bejagt wurde der Ur zu allen Zeiten, und war zu Zeiten der Merowinger schon so selten, dass die Jagd allein dem König vorbehalten war. In Bayern wurde das letzte Exemplar 1470 im Neuburger Wald geschossen. 1627 starb die allerletzte Kuh im Wald von Jaktorow, 55 Kilometer südwestlich von Warschau. Sie starb eines natürlichen Todes.

Die keltischen Siedlungen, ob nun auf dem Staffelberg oder entlang der Aurach, hatten keinen Bestand. Sie wurden verdrängt. Ganz ohne Blutvergießen wird es nicht abgegangen sein. Man war damals im Umgang mit Feinden ebenso wenig zimperlich wie heute. Sie wurden verdrängt von dem furor teutonicus, der vorher schon die Römer traumatisiert hatte, denn die germanischen Stämme hatten auf Grund einer dramatischen Klimaveränderung ihre Komfortzone verlassen, in der sie jahrhundertelang vollkommen unbehelligt ihre Art, ihre Eigenart und Kultur entwickeln konnten. Dieses in Europa einmalige Menschen-Reservat umfaßte Südschweden, Dänemark, Schleswig-Holstein und Ost-Niedersachsen, die Ur-Heimat der Germanen. Im Gleichmaß der Zeiten hatte sich ein Volk gebildet aus der Verschmelzung der eingewanderten Indogermanen mit den eingessenen Hünengräberleuten. Ein bodenständiges Bauernvolk hatte sich vermählt mit einem Stamm von Hirtenkriegern, besser gesagt: der Eroberer freite die Eroberte. Das Produkt dieser Ehe fiel höchst interessant aus, aber auch höchst problematisch.
„Nicht die Samniten, nicht die Karthager, nicht die Gallier, nicht die Spanier, nicht einmal die Parther haben uns so oft herausgefordert wie die Germanen; ja, gefährlicher noch als die Macht der Arsakiden ist dieses Volk mit seinem Freiheitswillen“, schreibt der römische Historiker Tacitus in seiner berühmten „Germania“.
Dabei betrachteten sie sich gar nicht als ein Volk. Neben vielen anderen, die Stämme der Bataver, Usipeter, Ubier, Tenkterer, Haruden oder Markomannen. Ihnen fehlte jedes politische Selbstverständnis. Die Cherusker wussten, dass sie Cherusker waren, die Sweben verstanden sich als Sweben, die Chatten als Chatten (aus ihnen gingen die Hessen hervor). So verhökerten die Markomannen völlig bedenkenlos gefangene Cherusker an die Römer, und die Cherusker taten das gleiche mit gefangenen Markomannen. Blonde Ware war gefragt in der Metropole am Tiber.
Jeder Stamm sah sich als eine Nation und das Stammesgebiet als Vaterland, und niemand begriff sich als Germane. Dieser Name, den sie selbst niemals gebrauchten, wurde ihnen gleichsam verliehen – von Gajus Julius Cäsar. Er machte es sich einfach, der große Römer. Alle Barbaren links des Rheins waren demnach Kelten, und rechts davon Germanen. Ganz so einfach war es dann doch nicht, aber die Rheingrenze war damit schon einmal manifestiert.

Die Elbgermanen von Norden, und die Römer von Süden – diesem Druck hielten die Kelten nicht stand.
Im Jahr 1 n. Chr. siedelte der römische Oberbefehlshaber Lucius Domitius Ahernobarbus, der Großvater des späteren Kaisers Nero, große Teile der zu der Gruppe der Sueben gehörenden, germanischen Hermunduren von Thüringen an den Main um, ein Gebiet, das die Markomannen gerade erst verlassen hatten.
Als „Hermunduri“ bezeichnen historische Karten dann auch das weite Gebiet von der Elbe im Osten bis zum Zusammenfluss von Rhein und Main im Westen, von dem heutigen Regensburg (Castra Regina) im Süden bis in die Quellgebiete der Weser im Norden. Das Tal der Aurach befand sich fest in ihrer Hand.
Die Hermunduren galten als römerfreundlich, treue Freunde sogar, und es ist nicht nur denkbar, sondern sehr wahrscheinlich, dass nicht wenige ihrer jungen Männer, die noch nie das Glück hatten, an einem anständigen Krieg teilzunehmen (die, ohnehin seltene, Jagd auf Wisent, Ur oder Eber war da nur ein kümmerlicher Ersatz) als Auxiliare, Hilfstruppen der römischen Legionen, von denen es ausgesprochen viele gab, dabei waren um den im Jahr 6 n. Chr. ausgebrochenen Aufstand in Pannonien niederzuschlagen. Das gelingt Tiberius, dem Stiefsohn von Kaiser Augustus, erst nach schweren und schwersten Kämpfen.
Zu der in Pannonien, dem heutigen Ungarn, kämpfenden Armee gehörte auch ein junger Cherusker, der wegen seines Ranges, und auch auf Grund seiner persönlichen Tapferkeit, allgemein bekannt gewesen ist – Arminius, römischer Offizier und Befehlshaber einer germanischen Hilfstruppe. Auch Publius Quintilius Varus, der spätere Befehlshaber in Germanien und ein Freund des Tiberius, muss den vielversprechenden Cherusker gut gekannt haben, denn wenige Jahre später, am Vorabend der Schlacht im Teutoburger Wald, taucht Arminius, der weder „Arminius“ und schon gar nicht „Hermann“ hieß, in seinem engsten Gefolge wieder auf.
Bevor Varus nach Germanien kam, verwaltete er die Provinz Afrika und war dann Statthalter in Syrien. Es war die Zeit, da der Zimmermann Joseph aus Nazareth mit seiner Frau Maria nach Bethlehem zog.

Varus ist Kummer gewöhnt. Historiker aller Richtungen haben ihm fast ausnahmslos schlechte Zensuren erteilt. Und wenn es man recht betrachtet, so doch nur, weil er eine Schlacht verlor. Keine gewöhnliche, keine Dutzendbataille allerdings, von denen es in der Geschichte wimmelt, sondern eine sogenannte „welthistorische“, eine, die die Geschicke der Völker bestimmte. Tatsächlich fiel 9 n. Chr. die Entscheidung über die Zukunft Mitteleuropas, auch die Zukunft des Aurachtals. Arminius, ausgezeichnet mit der Ritterwürde und dem römischen Bürgerrecht, bereitete den Tag X mit diplomatischem Geschick, psychologischem Einfühlungsvermögen und einer Raffinesse vor, die etwas Diabolisches in sich trägt. Das sind Talente, die man germanischen Führern bisher nicht nachsagen konnte, aber der 24jährige Cherusker verfügte über mehr als nur die Tugend sterben zu können.
Die Vernichtung von drei römischen Legionen, der 17., 18. und 19., die, und das ist einmalig in der römischen Militärhistorie, nie wieder aufgestellt wurden, verhinderte, dass Europa bis zur Elbe ein romanisches Land wurde, wie etwa Spanien oder Frankreich, mit einer weitaus höher entwickelten Wirtschaft und Gesellschaftsstruktur. Germanien blieb frei, und auch das Tal der Aurach gehörte niemals zum Herrschaftsbereich der Römer, war nie Teil ihrer Geschichte, und konnte deshalb auch nicht Teil der germanischen Geschichte werden. In Rom löste diese Katastrophe eine Psychose aus, die kaum nachvollziehbar ist, es sei denn, man zieht einen Vergleich zu Dien Bien Phu oder der Tet-Offensive. Eine unmittelbare Folge war der Bau des Limes, um den „Schrecken aus dem Norden“ fern zu halten.
Die damaligen Herren des Aurachtals hatten keinen Anteil an diesen Ereignissen. Sie verhielten sich neutral, und blieben was sie waren – Bauern, die Krieger sein mussten, und Krieger, die Bauern sein wollten. Ackermänner. Sie waren weder rauschebärtige und trinkfeste Schlagetots, noch eisenklirrende Heroen. Wenn man(n) Bart trug, so war der sorgfältig gestutzt. Seife, Haarbürste und ein Stück Butter (zur Behandlung kleinerer Wunden) gehörten zur Standardausrüstung. Mit den Römern machte man gute Geschäfte. Überhaupt ließ es sich im Schatten des Limes gut leben. Eine Art antiker Bauernmarkt, denn vermarktet wurden ausschließlich regionale Produkte, über den Limes und die Donau hinweg. Sklaven, Honig und Frauenhaar waren die Exportschlager, und – Auerochsen. Die hercynischen Riesen waren ein Highlight im Circus Maximus. Natürlich bekamen die Stiere standesgemäße Gegner, vorzugsweise die „ad gladius“ verurteilten zweibeinigen, blonden „Ungeheuer“ aus dem Norden.
Um eine weitere begehrte Handelsware führten die Hermunduren einen langjährigen Krieg gegen ihre Erbfeinde, die benachbarten Chatten. Es ging um den Besitz der salzführenden Werra. Die Hermunduren siegten in der finalen Schlacht 58 n. Chr. bei Bad Salzungen. Die letzten, zuverlässigen Nachrichten über die Hermunduren stammen aus der Zeit 166 bis 180 n. Chr., als sie gemeinsam mit Markomannen und Quaden gegen Kaiser Marcus Aurelius kämpften. Sie sind vermutlich abgewandert und im Stamm der Alamannen aufgegangen, den „Leuten unterschiedlicher Herkunft“, wie sie die Römer nannten. 233 greifen eben diese Leute verschiedener Herkunft den Limes an und erschüttern das Gefüge des römischen Imperiums. Wenige Jahre später können die Legionen den Einbruch der Barbaren nicht mehr aufhalten. Es ist der Beginn der Völkerwanderung. Der Anfang vom Ende der Antike in einem beispiellosen Inferno.

Der frühmittelalterliche Gelehrte Isidor von Sevilla (560 bis 636) führt die Namensgebung „Franke“ auf eine indogermanische Sprachwurzel zurück: (s)p(h)ereg. In dieser Wurzel verbergen sich das mittelniederländische „vrac“ - gierig, heftig – und das altnorwegische „frakkr“ - schnell, mutig, frech. Die Franken waren also die „Frechen, Mutigen und Kühnen“. Alles Eigenschaften, die für die Eroberung eines Reiches von beachtlicher Größe durchaus von Vorteil sind. Die germanischen, und stark gallo-romanisch geprägten Franken unterwerfen die Alamannen, und nicht nur die, und stellen schon bald fest, wie schön es am Main ist. Bereits 496 gehört das Aurachtal zum Frankenreich des noch halbbarbarischen Königs Chlodwig aus dem Geschlecht der Merowinger, und wird schließlich, nach der Teilung in ein west- und ostfränkisches Reich im Jahr 843 Teil des Herzogtums Franken, und damit, gemeinsam mit Sachsen, die Keimzelle des späteren Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.

Dieter Grams





















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